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In Bad Tölz:Pionier der Sozialpsychiatrie

Redner würdigen Aufbauleistung von Real-Gründer Arnold Torhorst bei Jubiläumsfeier

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Als Arnold Torhorst das alte städtische Krankenhaus in Bad Tölz übernahm, hatte er nicht viel mehr als eine Art Brache, um sein sozialpsychiatrisches Angebot zu schaffen. Das galt für das Gebäude selbst. Mehr aber noch für die mühselige Suche nach Fördermitteln, die ihn auch später stets begleitete. Aus dem unbestellten Acker sei 25 Jahre danach "eine blühende Wiese" geworden, bilanzierte der stellvertretende Landrat Klaus Koch (Grüne) bei der Jubiläumsfeier am Donnerstag in der Zentrale von Real Isarwinkel an der Krankenhausstraße in Bad Tölz.

Real - dieses Akronym steht für die drei Fachbereiche Rehabilitation, Arbeit und Leben. Mittlerweile helfen etwa 280 Mitarbeiter psychisch kranken Menschen in der Therapie, bei der Wiedereingliederung in einen Beruf und der Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben über diverse Wohnformen im Haus Rosenwinkel, Haus Florida oder Haus Sonnenschein. Vor einem Vierteljahrhundert, sagt Petra Hammer-Torhorst, hätten psychisch Kranke nach der Entlassung aus dem Klinikum Haar kaum Hilfe bekommen. "Die Patienten konnten einmal für zehn Minuten im Monat in die Praxis kommen." Mehr hätten die Krankenkassen nicht bezahlt. Die Betroffenen hätten aber Beschäftigung und eine Führung durch Psychologen und Sozialpädagogen benötigt. So entstand das Reha-Zentrum Isarwinkel, das Torhorst zusammen mit Eberhard Bahr aufbaute. Beide trennten sich 2010. Bahr zog mit seinem Unternehmen "Neurokom" für Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma ins Badeteil.

Eine Gesellschaft sei dann gesund, wenn sie "die schwächsten Glieder in ihrer Kette zuverlässig trägt", lobte Koch die Arbeit von Torhorst. Bürgermeister Ingo Mehner (CSU) würdigte die unternehmerische Leistung des Psychiaters. "Sie hatten ja nichts", sagte er. Aus den Anfängen vor einem Vierteljahrhundert sei jedoch "ein Konzern mit extrem unterschiedlichen Handlungsfeldern" entstanden.

Die fachliche Pionierleistung von Torhorst hob Sybille Hornung-Knobel hervor. Die ehemalige Chefärztin des Klinikums Haar, die jetzt für die RPK München von Real tätig ist, erinnerte daran, dass es noch in den 1980er Jahren eine "Verwahrpsychiatrie" gegeben habe. Kaum ambulante Hilfen, kaum Wohngemeinschaften, kaum therapeutische Arbeitsmöglichkeiten. Torhorst habe "missionarisch und unerschütterlich für die sozialpsychiatrische Idee gekämpft", sagte Hornung-Knobel. Sein Leben lang habe er sich für die Gleichstellung von körperlich und seelisch kranken Menschen eingesetzt.

Ein Missionar, ein attraktiver Arbeitgeber, ein Netzwerker, ein Start-up-Unternehmer von ungebrochener Innovationskraft - solche Tribute schrieb Professor Egon Endres von der Katholischen Stiftungsfachhochschule Benediktbeuern dem Real-Gründer zu. Arnold Torhorst, der die Geschäftsleitung 2017 an seine Tochter Eva Marie abgab, habe es auch geschafft, die Nachfolge zu regeln. Schließlich gehe es nicht darum, "eine tolle Ära" zu prägen, auf die "ein schwarzes Loch" folge. Alles andere als das Porträt eines Patriarchen ist denn auch das Gemälde des Berliner Künstlers Jan Muche, das bei dem Empfang enthüllt wurde: Es zeigt Torhorst über einer ironisch angedeuteten Büste und mit rotem Käppi.

© SZ vom 10.07.2020
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