Im Tölzer Stadtmuseum:Das Große im Kleinen

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Zum 100.Todestag von Ludwig Thoma las Klaus Wittmann, begleitet vom "Wackersberger Zither-Trio". (Foto: Harry Wolfsbauer)

Klaus Wittmann präsentiert bei seiner Lesung zum 100. Todestag Ludwig Thomas Texte, die das besondere Können des bayerischen Schriftstellers zeigen. Die antisemitischen Hetztiraden verschweigt er dabei nicht

Von Wolfgang Schäl, Bad Tölz

Es war ein Heimatabend, an dem Ludwig Thoma gewiss seine Freude gehabt hätte. Anlässlich des 100. Todestags des bayerischen Vorzeige-Dichters am 26. August haben sich dessen Anhänger im historischen, holzgetäfelten Ambiente des Tölzer Stadtmuseums versammelt, um dem Schöpfer der unsterblichen Lausbubengeschichten und des fingierten "Briefwexels" des vierschrötigen, bodenständigen Abgeordneten Jozef Filser zu huldigen. Streckenweise derbe Kost war das und nicht durchgehend geeignet für sensible Gemüter, zumal von Frauen.

Zusammengetrommelt hatte die Fangemeinde Klaus Wittmann, der nicht nur ein ausgewiesener Kenner des Dichters und Satirikers ist, sondern auch ein versierter Sprecher, der die ausgewählten Texte routiniert zu intonieren wusste. Als hundertfacher Interpret der "Heiligen Nacht" ist der Tölzer ohnehin kein Unbekannter. Dazu die passende musikalische Untermalung durch das Wackersberger Zither-Trio, dem Wittmann freundschaftlich verbunden ist.

Hoffnungslose Beziehung

Wittmann verschwieg die Abgründe nicht, in die sich Thoma in seinen letzten Lebensjahren gestürzt hatte: rechtslastige politische Hetzartikel, die anonym im "Miesbacher Anzeiger" erschienen und das Lebenswerk Thomas im literarischen Diskurs mittlerweile stark überschatten. Im Vordergrund standen die publizistischen, nicht nachvollziehbaren Verirrungen des Schriftstellers an diesem Abend gleichwohl nicht. Wittmann versuchte nicht, die anonymen Hetzartikel schönzureden, verwies aber auch auf die großen Probleme Thomas in dessen letzten Lebensjahren: die Depression, die mit den plötzlichen und kurzfristig nacheinander folgenden Todesfällen im engsten Freundeskreis einherging. Gestorben waren unter anderem die Heimatautoren Georg Queri und Ludwig Ganghofer; dazu die unüberschaubare politische Lage nach Ende des Ersten Weltkriegs, der unheilbare, quälende Magenkrebs und die hoffnungslose Beziehung zu seiner ersehnten, unerreichbaren Liebe Maidi von Liebermann - letztere ein Kuriosum vor dem Hintergrund der antisemitischen Publikationen, denn Maidi Liebermann war Jüdin. Ungeachtet seiner Affinität zu Ludwig Thoma stellte Wittmann aber klar fest: "Diese 167 Beiträge im Miesbacher Anzeiger sind nicht zu verzeihen."

Aber es gibt auch die Zeit davor. Und für die war nun doch gute Laune angesagt. Wittmann hatte sich, angelehnt an die Biografie Thomas, kompakte, weniger bekannte und für einen Leseabend geeignete Texte ausgesucht, mit denen er die Stationen im Leben des Autors illustrierte. Und weil Thoma auch Rechtsanwalt war, bot sich allerlei Stoff aus dem damaligen richtigen Leben, in satirisch übersteigerter Form, raffiniert gekleidet in die Sprache der kleinen Leute. Thoma, ein Dichter, der dem Volk aufs Maul geschaut und dabei das Menschliche und allzu Menschliche mit unübertroffener Detailgenauigkeit in Szene gesetzt hat. So etwa in dem Stück "Der Hofbauer", in dem es um handfeste Animositäten zwischen einem Mann namens Kastulus Pfeifer und dem Landwirt Pius Reidel geht. Ein angeblicher Meineid spielt da eine Rolle und ein auf unerklärliche Weise zerborstener Bierkrug. Irgendwann ist dann, bairisch formuliert, der Watschenbaum umgefallen, was Reidel denn auch treuherzig, wenngleich etwas verspätet eingesteht. Das Ganze sei wohl nach der dritten Maß passiert, er habe sich jedenfalls "nichts Böses" gedacht. Auf die Dienstleistungen des Advokaten verzichtet Reidel mit Blick auf seine einschlägigen Vorstrafen und mangelnde Erfolgsaussichten vor Gericht dann lieber doch.

Aber auch um die höhere Politik geht es in den Texten, die Wittmann für diesen Abend ausgesucht hat, unter anderem um die Auseinandersetzungen mit der katholisch-reaktionären Zentrumspartei, die sich in einem Konflikt der besonderen Art niederschlägt: Ein Geistlicher ist da über alle Maßen erbost, dass ein Nicht-Klerikaler in höchster Not nicht nur ein deutlich als solches gekennzeichnetes, privilegiertes Prälaten-Klo benutzt, sondern es auch noch in einem nicht zufriedenstellenden hygienischen Zustand hinterlassen hat.

Den großen gesellschaftlichen Kontext so amüsant auf den banalen Alltag herunterzubrechen, das ist Ludwig Thomas große Kunst. Wer mehr davon haben möchte: In den kommenden Wochen wird Wittmann seine Lesungen im Tölzer Marionettentheater fortsetzen.

Alle Abende an Donnerstagen im Tölzer Marionettentheater von 19.30 Uhr an: "Der heilige Hies" (23. September), "Jozef Filsers Briefwexel" mit dem Duo Sepp Kloiber & Hannes Janßen (14. Oktober), "Agricola" (11. November) und "Heilige Nacht" mit dem Trio Ossiander-Darchinger (23. Dezember). Reservierungen unter 08041/786 70

© SZ vom 28.08.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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