Im Konvent "Ich mag dann auch ein Wörtchen mitreden"

Schwester Faustina ist eine der beiden letzten Nonnen im Kloster Reutberg. Sie will dort bleiben und ist überzeugt, dass dies der Wille Gottes sei. Gemeinsam mit Schwester Augustina gibt sie einen seltenen Einblick in ihr sonst streng abgeschottetes Leben.

Interview Von Klaus Schieder

Das Fenster zwischen dem Speisesaal für Gäste und der Klausur des Klosters ist vergittert. Die Holzstäbe sind weder dunkel noch engmaschig, weshalb die Gesichter von Schwester Faustina und Schwester Augustina dahinter klar zu erkennen sind. Das Gitter sei ein sichtbares Zeichen für die Abtrennung von der Welt, sagt Schwester Faustina. Die 50-Jährige, die 1996 in den Konvent auf dem Reutberg eintrat, gehört ebenso wie ihre 40 Jahre ältere Mitschwester dem regulativen Dritten Orden des Hl. Franziskus an - einem kontemplativen Orden, der auf Gebet und Betrachtung ausgerichtet ist. Die beiden Franziskanerinnen sind die einzigen Nonnen, die im Konvent übrig geblieben sind. Die Religiosenkongregration im Vatikan und das Erzbischöfliche Ordinariat in München wollen das Kloster deshalb auflösen. Dagegen kämpft die Sachsenkamer Gruppe, die sich aus engagierten Laien zusammensetzt. Sie hat mehr als 7000 Unterschriften für den Erhalt des Konvents gesammelt. Auch die beiden Klosterschwestern wollen auf dem Reutberg bleiben.

SZ: Wie viele Schwestern haben im Konvent gelebt, als Sie auf den Reutberg kamen?

Schwester Faustina: Ich glaube, wir waren damals 16 Schwestern.

Schwester Augustina: Das weiß ich nicht mehr genau. Im Noviziat waren wir fünf, sechs Novizinnen.

Nun sind nur noch Sie beide da. Außerhalb der Klausur gehören noch Schwester Immaculata, die beurlaubt ist, und Schwester Hyazintha, die einem kirchlichen Altenheim lebt, zum Konvent?

Schwester Faustina: Ja, insgesamt gehören vier Schwestern zu unserer Gemeinschaft.

Wie sieht Ihr Alltag im Kloster aus?

Schwester Faustina: Ich stehe um halb fünf auf und bete, dann mache ich Frühstück für die Gäste.

Für welche Gäste?

Schwester Faustina: Es sind meist Stammgäste. Auch vom hohen Norden reisen immer wieder welche an. Zum Beispiel gibt es Gäste aus Neuss, die schon seit 40 Jahren kommen. Wir haben hier zehn Betten, bieten aber nur Übernachtung mit Frühstück.

Welche Aufgaben haben Sie sonst?

Schwester Faustina: Ich schmücke die Kirche, richte alles für die tägliche Heilige Messe her und halte meine täglichen Gebetszeiten ein. Ich kümmere mich zusammen mit den Mitarbeitern um die täglichen Abläufe im Kloster, außerdem um den Klosterladen. Gleichzeitig schaue ich nach Schwester Augustina, ob alles in Ordnung ist.

Sie müssen Ihre Mitschwester pflegen ...

Schwester Faustina: Schwester Augustina ist kein Pflegefall. Sie hilft in der Küche, kann sich selbst anziehen und übernimmt auch den Telefondienst.

Augustina (li.) und Faustina sind die letzten Schwestern in Kloster Reutberg. Sie leben in Klausur, was das Gitter zwischen ihnen und dem Speisesaal für Gäste deutlich machen soll.

(Foto: Manfred Neubauer)

Schwester Augustina: Ja, ich helfe in der Küche.

Welche Arbeiten gibt es noch?

Schwester Faustina: Ich bin an der Klosterpforte, fertige Fatschenkindl an und arbeite in der Kerzenwerkstatt. Am Wochenende bin ich vermehrt auch noch in der Küche beschäftigt.

Ein Konvent mit nur noch zwei Schwestern ist nicht überlebensfähig. Nötig sind zumindest eine Oberin und ein Schwesternrat. Ist eine Schließung da nicht unausweichlich?

Schwester Faustina: Innerlich merke ich, dass ich den Schritt gehe, den der Herrgott will: dass es hier weitergeht. Wir beten um guten Nachwuchs und haben Gottvertrauen, dass wir die richtige Lösung finden.

Über das Kloster Reutberg hat die Generalsekretärin der Deutschen Ordensoberen-Konferenz, Schwester Agnesita Dobler, jedoch gesagt, sie halte eine Auflösung des Konvents für unausweichlich.

Schwester Faustina: Ja, wenn man sich keine Hoffnung macht und kein Gottvertrauen hat. Vielleicht hatte sie auch nicht alle Informationen vorliegen.

Schwester Augustina, Sie müssten dann in eine kirchliches Altenheim gehen. Wollen Sie umziehen?

Schwester Augustina: Nein, ich bin gerne hier.

Schwester Faustina: Nicht, solange es noch andere Lösungen gibt. Mit der Instruktion "Cor orans" von 2018 des Heiligen Vaters gibt es die Möglichkeit der Affiliation. (Mit dieser Neuerung können Klöster in Schwierigkeiten durch besser gestellte Klöster unterstützt werden, Anm. d. Red.)

Wie könnte denn eine solche Affiliation aussehen?

Schwester Faustina: Wir könnten uns vorstellen, dass wir uns den Klarissen-Kapuzinerinnen vom Kloster Bethlehem in Koblenz angliedern. Sie haben die gleiche Spiritualität wie wir als kontemplativer Orden. Es würde dann so laufen, dass junge Frauen, die sich hier bei uns interessieren, dort das Noviziat machen. Aus Koblenz kam auch Schwester Benedicta, die vergangenes Jahr für sieben Monate bei uns war.

Franziskanerinnenkloster Reutberg.

(Foto: Manfred Neubauer)

Schwester Benedicta war auf dem Reutberg, um Sie beide zu unterstützen . . .

Schwester Faustina: Sie hat mit uns gebetet, gearbeitet und durchgehalten. Sie war mit uns im Konvent. Von der Spiritualität her hat es gepasst, die Klarissen-Kapuzinerinnen haben eine noch strengere Klausur als wir. Sie hat sich hier geborgen gefühlt und es war ein schönes Miteinander.

Die Sachsenkamer Gruppe behauptet, Schwester Benedicta sei für das Erzbischöfliche Ordinariat ein unerwünschter Stabilitätsfaktor gewesen.

Schwester Faustina: Ihre Oberin hätte erlaubt, dass sie länger als ein Jahr hier bleibt - aber nur mit der Zustimmung des Münchner Ordinariats. Diese wurde aber nicht erteilt.

Wurde Ihnen vom Erzbischöflichen Ordinariat jemals fest zugesagt, dass Sie auf dem Reutberg bleiben können?

Schwester Faustina: Ja, aber ich müsste bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Ich müsste mich an die Oberin eines anderen Konvents anbinden. Das ist ja auch verständlich, dass man Gehorsam leistet. Ich wäre dazu bereit, etwa im Rahmen einer Affiliation.

Diese Zusage hat Kardinal Reinhard Marx in einem Schreiben vom 17. Mai an Sie zurückgezogen. Er wirft Ihnen vor, zwei Gesprächstermine am 27. April und am 4. Mai nicht wahrgenommen zu haben. Warum kamen Sie nicht zu diesen Treffen?

Schwester Faustina: Am 27. April habe ich um 6 Uhr in der Frühe geschrieben, dass ich Blumen für den Feiertag am 1. Mai kaufen muss und am Vormittag nicht erreichbar bin. Das ist verzwickt gelaufen.

Ihre E-Mail kam vielleicht zu spät ...

Schwester Faustina: Nein, denn um 8 Uhr hat Prälat Lorenz Kastenhofer geschrieben, dass er seinen beiden Begleitern nun nicht mehr absagen kann, darunter war der Kirchenrechtler Michael Benz. Sie sind hergefahren, haben eine Stunde gewartet und waren wieder weg. Ich wäre mit Schwester Augustina alleine hier mit ihnen gewesen. Ich muss sagen, ich hätte auch jemanden an meiner Seite haben müssen, einen Kirchenrechtler. So war das nicht fair.

Und warum kamen Sie nicht zu dem Termin am 4. Mai?

Der Orden ist auf Gebet und Betrachtung ausgerichtet.

(Foto: Manfred Neubauer)

Schwester Faustina: Der Einschreibebrief kam erst kurz zuvor. Für mich als Nonne in Klausur ist es sehr schwer, die 50 Kilometer lange Fahrt nach München zu organisieren und zugleich jemanden zu finden, der sich in dieser Zeit um Schwester Augustina kümmert, oder sie mitzunehmen. Deshalb habe ich um einen Termin Anfang Juni gebeten. Und darum, dass ich auf meiner Seite auch jemanden mitnehmen darf. Darauf habe ich keine Antwort bekommen.

Glauben Sie wirklich, dass sich heutzutage genügend Nonnen finden lassen, damit der Konvent auf dem Reutberg überleben kann?

Schwester Faustina: Das glaube ich auf alle Fälle. Das Kloster der Kapuzinerinnen von der Ewigen Anbetung in Salzburg hatte sich sofort dazu bereit erklärt, es wäre die Oberin selbst mit einer Novizenmeisterin und einer Novizin gekommen. Und auch Schwester Benedicta hätte die Erlaubnis bekommen können, es sind ja noch 20 Schwestern in Koblenz. Man kann unseren kleinen Konvent stärken, wenn man das will.

Die Sachsenkamer Gruppe hat inzwischen mehr als 7000 Unterschriften für den Erhalt des Konvents gesammelt. Was bedeutet Ihnen diese Unterstützung?

Schwester Faustina: Wir Schwestern sind sehr dankbar für all die Unterstützung aus der Region, insbesondere durch die Sachsenkamer Gruppe und den Freundeskreis. Ich sehe dies als Zeichen einer lebendigen Kirche, die Glauben hat. Die Leute wollen, dass dies hier ein stiller Ort bleibt.

Nichtsdestoweniger hat Kardinal Marx Sie vor die Wahl gestellt: Übertritt in einen anderen Orden oder Austritt aus dem Orden. Wie würden Sie sich entscheiden?

Schwester Faustina: Ich mag dann auch ein Wörtchen mitreden dürfen. Zum Glauben gehört auch die Liebe, und die Liebe lässt dem anderen die Freiheit. Ich mache nichts gegen meine Gewissen, das geht vor Gehorsam.