Im Kloster Schlehdorf:"Wandel ist die einzige Konstante"

Im Kloster Schlehdorf: Die „Dreckige Ecke“ von Gabi Blum hat schon an vielen Orten Station gemacht. Nun holt Kuratorin Anna Schölß sie ins Kloster Schlehdorf.

Die „Dreckige Ecke“ von Gabi Blum hat schon an vielen Orten Station gemacht. Nun holt Kuratorin Anna Schölß sie ins Kloster Schlehdorf.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Anna Schölß holt zeitgenössische Kunst ins Blaue Land. Zusammen mit 13 Künstlerinnen und Künstlern beleuchtet sie die "Transformation" des Klosters Schlehdorf - und der Welt drumherum

Interview von Stephanie Schwaderer

Die Künstlerin Anna Schölß gehört zu den Pionierinnen im einstigen Kloster Schlehdorf. Vor drei Jahren hat sie als eine der ersten ein Atelier im sogenannten Cohaus bezogen. Dieses vereint Studios, Gewerberäume und Wohngemeinschaften, Gästezimmer und Seminarräume unter dem alten Klosterdach und zieht Menschen an, die offen für neue Lebens- und Arbeitsformen sind. "Transformationen" lautet der Titel einer Ausstellung, die Anna Schölß nun in Zusammenarbeit mit der Cohaus Kloster Schlehdorf GmbH und der Kulturmanagerin Ulrike Rose umsetzt. An den drei kommenden Wochenenden beleuchten 14 zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler den Wandel des Ortes und laden zu Begegnung und Austausch ein. Zugleich öffnet Rita De Muynck ihre Kunstfabrik in Schlehdorf.

SZ: Frau Schölß, wie transformationsfreudig sind denn Ihre Nachbarn in Schlehdorf?

Anna Schölß: Sie sind sehr offen! Natürlich gibt es auch hier Leute, die sich nicht für unser Projekt interessieren. Aber diese Ausstellung wird gespeist von einem unglaublich tollen Netzwerk, wie man es in der Stadt kaum findet.

Sie sind vor sechs Jahren von München nach Schlehdorf gezogen. Was hat sich seither in Ihrem Leben geändert?

Im Kloster Schlehdorf: Kuratorin Anna Schölß mit einer Installation aus gefundenen Gegenständen des Klosters.

Kuratorin Anna Schölß mit einer Installation aus gefundenen Gegenständen des Klosters.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ganz viel. Ich war ein Stadtkind, habe ein normales Künstlerleben in vielen Großstädten geführt. Aufs Land zu ziehen war ein Riesenschritt. Die Perspektive verändert sich, der Blick auf die Natur, auf unsere Wurzeln. Zudem bin ich Mutter geworden, auch das ändert den Blick - auf die Kunst, aufs Arbeitsleben und auf unsere Gesellschaft.

Transformation ist ein weiter Begriff. Sie haben die Ausstellung nicht nur kuratiert, sondern stellen auch selbst aus. Welches Thema rücken Sie in den Fokus?

Während der vergangenen Jahre habe ich den Wandel dieses Klosters beobachtet - ein starker und spannender Prozess! Zugleich habe ich Fundstücke gesammelt, die mittlerweile zu einer kleinen dokumentarischen Sammlung angewachsen sind. Eigentlich bin ich ja Malerin und arbeite mit Spannungsverhältnissen zwischen Raum und Farbe. Diesmal zeige ich eine aus Klosterrelikten und Fotografien konstruierte Umgebung, die gleichzeitig Erinnerungsraum und Zukunftsvision ist und allerlei skurrile wie assoziative Zwischenstadien zulässt. Ich möchte, dass der Klosterraum mithilfe meiner Interventionen intensiv wahrgenommen wird. Kunst kann gut widerspiegeln, was hier passiert; das Kloster und der Prozess der Umnutzung ist ein Sinnbild der Transformation. Zugleich leben wir in einer Zeit großer Umwälzungen: Corona, der Klimawandel. In der Ausstellung soll ablesbar werden, was gerade mit unserer Welt passiert.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Künstlerinnen und Künstler ausgewählt?

Ich will vor allem ganz unterschiedliche Positionen und Medien zusammenbringen und mit diesen künstlerischen Befragungen das Klostergebäude für diese Zeit in einen Aktionsraum für Diskurs und Begegnung verwandeln: von Soundart über abstrakte Malerei bis hin zur Silberschmiedekunst. Rita de Muynck, mit der ich auch befreundet bin, ist in Schlehdorf verwurzelt. Marcel Zaes hingegen reist aus Boston an. Auch regional gibt es also einen Spannungsbogen.

Wen wollen Sie erreichen?

Ich will die zeitgenössische Kunst ins Blaue Land holen und damit eine kulturelle Brücke bauen zwischen Stadt und Land. So wie es die Bewegung des Blauen Reiters schon gemacht hat. Die Wege sind geebnet. Es gibt in der überregionalen Kunstszene ein reges Interesse an diesem Kloster, wir haben hier ja auch schon Ausstellungen gemacht. Ich hoffe, dass sich auch viele Schlehdorfer unter die Gäste mischen, Klosterschwestern und Touristen, aber ich möchte eben auch das Kunstpublikum aus München hierherbringen. Dieses Projekt ist einzigartig.

Sind alle Arbeiten speziell für Schlehdorf entstanden?

Das ist ganz unterschiedlich. Gabi Blum zum Beispiel hat ihre "Dreckige Ecke" schon an vielen Orten gezeigt. Das ist eine Serie. Sie hat eine Art Trafo nachgebaut, an dem man sich in Städten zum Biertrinken trifft. Mit ihm wird sie auch durch Schlehdorf ziehen und einen leicht ironischen Blick auf die Frage werfen: Wie geht man damit um, wenn die Leute aus der Stadt aufs Land kommen? Wenn sie ihre urbane Kultur und auch ihren Müll mitbringen? Ein aktuelles Thema in der Region. Ingrid Floss hingegen zeigt wunderschöne kontemplative Aquarelle. Farbe kann den Betrachter innerlich transformieren. Das ist etwas ganz Ätherisches, auch Spirituelles. Juliane Schölß, meine Schwester, ist Silberschmiedin und denkt sakrale Gefäße weltlich weiter. Jan Erbelding bearbeitet in seiner Textperformance das Thema Mystik auf intellektuelle Weise.

Das Kloster scheint also immer wieder auf?

Wir haben sogar eine Klosterschwester mit an Bord: Josefa Thusbaß zeigt historische Fotografien. Auch der Klostergarten, der ja ein Sinnbild für Naturnähe und altes Heilwissen ist, wird in einer Arbeit zitiert. Claudia Starkloff hat im Garten Baluster gebaut aus Lehm und Samenbomben. Im Starkregen der vergangenen Wochen sind sie nun etwas vorzeitig zusammengestürzt und von Pflanzen überwachsen. Eine schöne Transformation der Natur, in der auch der Klimawandel anklingt.

Rita De Muynck zeigt im Treppenhaus ihre Arbeit "Metamorph" und lädt zugleich auch in ihre Kunstfabrik ein. Wie lassen sich die Ausstellungsorte verbinden?

Wir haben Fahrradrikschas vorbereitet, mit denen die Leute zwischen Kloster, Kunstfabrik und Kochelsee pendeln können und dabei sicher sehr gute Laune bekommen. Bei gutem Wetter lädt Peter Feermann dort in seine Kontemplationsschale ein. Das ist eine Art Rundboot aus Holz, in das man sich zu zweit hineinlegen kann. Man sieht nur einen Ausschnitt vom Himmel und floatet über das Wasser. Das wäre dann die innere Transformation zum Abschluss.

Ist Transformation nicht einfach ein anderer Begriff für Leben?

Absolut. Gerade schreibe ich an meiner Eröffnungsrede und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass man Transformation auch buddhistisch erklären kann: Der stetige Wandel ist die einzige Konstante, die es gibt. Die Kunst besteht darin mitzufließen. Nur so kann bei allen Veränderungen Ruhe einkehren.

Die Gruppenausstellung "Transformationen" im Cohaus Kloster Schlehdorf (Kirchstraße 9) wird am Samstag, 31. Juli, um 16 Uhr eröffnet. Sie kann am Sonntag, 1. August, sowie an den kommenden beiden Wochenenden jeweils Freitag bis Sonntag von 14 bis 19 Uhr besucht werden. Zur Vernissage gibt es eine Lesung von Jan Erbelding im Rosengarten (Beginn 17.30 und 19.30 Uhr) sowie eine Videoinstallation von Vanessa Hafenbrädl in der Schwesternkapelle (Beginn 21.30 Uhr). Besucher benötigen ein Ticket, das online erhältlich ist unter www.pretix.eu/cohausklosterschlehdorf/transformationen/ Der Link findet sich auch auf der Internetseite des Cohaus Kloster Schlehdorf unter www.cohaus-schlehdorf.de

© SZ vom 30.07.2021
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Im Kloster Schlehdorf: Transformation vom Kloster zum Cohaus.

Transformation vom Kloster zum Cohaus.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

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