Im Interview Die den Tod küsst

Vor dem Tod, sagt Marianne Sägebrecht, habe sie keine Angst. Wichtig ist der Schauspielerin aus Schäftlarn, dass sie jeden Tag alles abarbeitet, alles im Lot ist.

(Foto: Margaretha Olschewski/oh)

Marianne Sägebrecht, die weit gereiste Seele aus Schäftlarn, schätzt ihre spirituelle Ader und den brandaktuellen Brandner Kaspar.

Von Udo Watter

Die Geschichte vom Brandner Kaspar, der den Boandlkramer unter den Tisch säuft und sich so beim Kartenspielen weitere 18 Jahre Lebensfrist ergaunert, ist ein bayerisches Kultstück. Mehrfach verfilmt und im Theater ein Dauerbrenner, ist die Erzählung von einem, der dem Tod ein Schnippchen schlägt, nicht nur humorvolles Drama, sondern berührt auch zeitlose, essenzielle Fragen. Am Samstag, 24. September, wird "Der Brandner Kasper und das ewig' Leben" im Bürgerhaus Unterföhring gezeigt mit Henner Quest, Stefan Hillebrand und Marianne Sägebrecht. Die SZ sprach mit der in Schäftlarn lebenden Schauspielerin ("Zuckerbaby", "Out of Rosenheim"), die im Stück in einer Doppelrolle agiert (Theres, Afra).

Was hat Sie daran gereizt, bei diesem bayerischen Klassiker mitzuspielen?

Marianne Sägebrecht: Die Geschichte selbst ist ja schon 150 Jahre alt und auch die Theaterversion, die wir spielen, ist von 1975, aber die Thematik ist brandaktuell, man könnte sagen: brandneraktuell.

Inwiefern?

Es geht im Stück um den Tod und darum, dass man ihm entkommen, ihn aussparen möchte. Das ist ja nach wie vor hochbrisant, dass wir nicht vorbereitet auf das Ende und die letzten Stunden sind. Ich selber bin aktiv in der Hospizbewegung, engagiere mich im Münchner Christophorus Hospiz Verein an der Effnerstraße. Wir verdrängen immer noch viel zu oft, dass der Tod zur Natur gehört, dass der Tod und das Leben zusammen an einen Tisch gehören. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Gehen und Kommen.

Der Brandner Kaspar will lieber nicht gehen.

Er ist ein sinnenfroher Mensch, der noch was werden will, der materielle Bedürfnisse hat. Ich lasse jeden Menschen so sein, wie er ist, und habe schon Verständnis für ihn. Aber für mich ist die Beseelung wichtig, der Dreiklang Körper, Geist, Seele. Wenn man nur materiell denkt, ist es schwer: im Hier und Jetzt, und im Angesicht des Todes. Wenn man an keine andere, höhere Ebene glaubt, dann hat man ja nichts mehr, dann wird es nur noch schwarz.

An was glauben Sie und sind Sie gut vorbereitet?

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich schaue jeden Tag, dass alles abgearbeitet ist, dass alles im Lot ist und ich nichts mit mir herumtrage. Man muss versöhnt sein, mit sich und mit anderen. Ich bin ein gläubiger Mensch, eine Christin. In den katholischen Teppich sind aber auch buddhistische Elemente gewebt.

Sie gelten als sehr spiritueller Mensch.

Ich interessiere mich auch sehr für andere Religionen und Ideen und glaube an eine zweite Ebene, wo die Seele spazieren geht. Mich haben schon früh zwei Pfarrer geprägt. Der eine, der auch im KZ war, hat zu mir schon als Kind gesagt: Du bist eine weit gereiste Seele, du hast ein weites Bewusstsein. Der andere, ein Kaplan, hat über den Tod und die Hölle einen schönen Satz gesagt: Da ist erst ein Tunnel, aber letztlich kommt jeder zum Licht. Ich wurde auch schon früh mit zu letzten Ölungen genommen, weil der Pfarrer meine Stimme und meine beruhigende Art gemocht hat. Ich habe damals schon Sterbende geküsst und keine Angst vor Toten gehabt. Wichtig für die letzten Phase ist, und das gilt heut umso mehr: Dass man nicht allein gelassen wird.

Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist ein Leitmotiv in Ihrem Leben.

Ja, ich mache ja auch immer wieder mit Josef Brustmann und Andy Arnold die musikalische Lesung "Sterbelieder fürs Leben". Und für "Zuckerbaby" habe ich zum Beispiel damals dem Regisseur Percy Adlon vorgeschlagen, dass meine Figur in einem Bestattungsunternehmen arbeitet. Ich glaube, der große Erfolg des Films basiert auch auf diesem, nicht ganz unwichtigen Detail.

Zurück zum aktuellen Stück. Die Hauptrollen im "Brandner Kaspar und das ewig' Leben" werden ja von Männern gespielt. Was hat Sie an Ihren Frauenfiguren gereizt?

Kaspars Schwester Theres ist in ihrer ganzen Art sehr pragmatisch und neugierig, was die von ihren Mitmenschen aufgestellte Meinung über das Zusammenspiel ihres Bruders mit dem Teufel betrifft. Interessant, dass sie wegen der ganzen Ratschereien am Ende zusammen bricht. Und die Afra, die ist ja schon oben, eine weitsichtige, selige Frau im Himmel - ein schönes Bild. Abgesehen davon, hat das Stück viel typisch bayerischen Humor, das Ensemble hat mich liebevoll aufgenommen und Henner Quest, der den Brandner Kaspar spielt und schon bei der legendären Inszenierung von 1975 dabei war, ist ein wunderbarer, charismatischer Mensch. Auch Stefan Hillebrand als Boandlkramer ist fantastisch.

Was stehen denn bei Ihnen für künstlerische Projekte in den kommen Monaten an?

Ich habe regelmäßig Lesungen und ich werde am Gärtnerplatztheater in dem Musical "Pumuckl" mitspielen, Und im Februar 2018 kommt ein auf einem wahren Fall basierender Film raus, in dem ich eine klösterliche Krankenschwester spiele, die sich Ende der Sechziger um eine österreichische Skiweltmeisterin kümmert: Sie und ihre Familie sahen sie jahrelang als Frau, sie ist aber eigentlich genetisch männlich. Nachdem das rauskommt, ihr alle Titel aberkannt werden und das Ganze zu einem sportpolitischen Skandal wird, stehe ich ihr seelisch wie pflegerisch bei der Identitätssuche bei. Schwester Sigberta - eine wunderbare Rolle, die hat der Himmel geschickt.

Die Vorstellung von "Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben" im Bürgerhaus Unterföhring ist am Sonntag, 24. September, und beginnt um 19 Uhr. Die Veranstalter suchen noch eine Blaskapelle für die Aufführung, welche die Festszene im Stück musikalisch begleitet. Bewerbungen können per E-Mail an office@carpeartem.de geschickt werden. Karten zu 23 respektive 18 Euro gibt es online über www.unterfoehring.de oder im Bürgerhaus unter der Telefonnummer 089 / 95 08 15 06.