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Im Gespräch mit Alexander Radwan:Sind Sie's wirklich?

Alexander Radwan

Der Bundestagsabgeordnete Alexander Radwan hat vor ein paar Jahren eine große Abnehm-Aktion gestartet. Weniger, weil er sich mit seiner Figur unwohl gefühlt hätte. Der heute 54-Jährige wollte einfach einmal das spirituelle Erlebnis des Verzichts haben.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Der CSU-Bundestagsabgeordnete hat in den vergangenen Jahren fast 50 Kilo abgenommen. Noch immer wird er ständig darauf angesprochen - viel mehr als auf seine politischen Ziele. Ob ihn das stört? Ein Gespräch darüber, wie wir Politik wahrnehmen.

Ein Nachmittag in der Klosterwirtschaft in Benediktbeuern. Alexander Radwan sitzt auf einer Bierbank. Wer ihn länger nicht gesehen hat, wird ihn kaum erkennen: Früher war der CSU-Bundestagsabgeordnete deutlich runder. An diesem Tag hat den 54-Jährigen zwar noch niemand auf seine Figur angesprochen. Aber wenn Radwan in der Region unterwegs ist, ist das schon immer noch das beherrschende Thema. Nicht das Neueste aus dem Verkehrsausschuss, nicht sein Einsatz gegen den Rechtspopulismus - was die Leute zu allererst interessiert, ist, wie er in kurzer Zeit so viel Gewicht verloren hat. Ein Gespräch über die Wahrnehmung von Politik - und über Radwans persönliches Diät-Geheimnis.

SZ: Herr Radwan, lassen Sie uns mit einer indiskreten Frage einsteigen: Wie viel wiegen Sie?

Alexander Radwan: (lacht) Das wollen Sie wirklich wissen?

Naja, Sie müssen doch sonst auch immer zu allererst über ihr Gewicht reden.

Also, momentan bin ich bei zwei Zentnern - plus minus. Damit bin ich noch weit weg davon, unterernährt zu sein. Ich wiege mich auch tatsächlich noch jeden Tag, aber rein aus Gewohnheit. Es ist jetzt nicht so, dass ich mit Panikattacken vor der Waage stehen würde.

Stört es Sie, dass Sie ständig auf Ihr Gewicht angesprochen werden? Oder ist das eher ein Kompliment für Sie?

Sie sprechen mich ja auch auf mein Gewicht an. Aber es stört mich nicht, nein. Und Kompliment? Naja, ein bisschen. Aber mich hat mein Gewicht nie wirklich belastet. Wenn mich meine Pfunde gestört hätten, hätte ich schon 30 Jahre früher abgenommen. Aber man merkt durch die vielen Gespräche schon, dass die Leute sich Gedanken machen. In der härtesten Diät-Phase kam da schon auch ab und zu die Frage nach meiner Gesundheit. Es ist sicherlich das Thema, auf das ich immer noch am meisten angesprochen werde.

Sie haben mal gesagt, Sie nutzen diese Gelegenheit immer, um mit den Leuten auch politisch ins Gespräch zu kommen.

Alexander Radwan Ende 2012 vor der Diät.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Naja, dass ich immer auf mein Gewicht angesprochen werde, führt einem halt vor Augen, was in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Dadurch, dass mich niemand danach gefragt hat, was bei mir eigentlich gerade in den Ausschüssen los ist, habe ich gemerkt: Ups, so ein Politiker - ein Volksrepräsentant - hat offenbar noch ganz andere Merkmale. Da muss man dann natürlich versuchen, Dinge so zu kommunizieren, dass sie auch ankommen. Und wenn meine Figur das Erste ist, was die Menschen von mir wahrnehmen, dann versuche ich es eben über diesen Weg.

Wie viel Gewicht haben sie eigentlich verloren?

In der Spitze waren das gut 43 Kilo - und das in anderthalb Jahren. Ich habe in der Fastenzeit 2014 mit einer Diät begonnen. Inzwischen habe ich drei, vier Kilo wieder drauf. Die versuche ich jetzt über die Sommerpause wieder runter zu bekommen. Obwohl das mit der Bewegung in Berlin ein bisschen einfacher ist. Zwischen meiner Wohnung und dem Reichstag sind es nicht ganz fünf Kilometer. Und wenn nicht gerade Schnee liegt oder es schüttet, fahre ich immer mit dem Rad - das ist also schon ein bisschen was. Und ich habe in Berlin die Regel: keine Aufzüge.

Und wenn der Termin jetzt irgendwo im 15. Stock ist?

Dann gibt es auch da Ausnahmen. Aber der Fraktionssaal ist unter der Kuppel. Das gehe ich schon jedes Mal. Das ist der vierte Stock.

Wie sind sie ursprünglich zum Abnehmen gekommen?

Das hat sich so ergeben. Das hatte gar nicht so sehr mit meiner Figur zu tun, mein Antrieb war da eher spirituell. Ich wollte mal bewusst auf etwas verzichten. Das habe ich dann zur Fastenzeit angefangen. Bis dahin war ich ein richtiger Kohlenhydrate-Junkie. Brezn, Brot, Nudeln, Pizza - das war einfach meins. Darauf habe ich dann verzichtet. Nach 18 Uhr keine Kohlenhydrate mehr, nach 20 Uhr gar nichts mehr.

Und das hat gewirkt?

Ja. Ich habe dann eine Zeit lang gar keine Kohlenhydrate mehr gegessen - gar nicht bewusst, ich hatte einfach keine Lust mehr darauf. Obst und Joghurt - all diese Sachen haben mir viel besser geschmeckt. Das hat sich zum Glück für mich so ergeben, es war also gar keine große Willensleistung. Ich musste mich nie beherrschen, meinem Sitznachbarn nicht das Schnitzel vom Teller zu reißen. Es war eher umgekehrt: Ich habe Leute neben mir mit einem Genuss essen gesehen und war froh, das nicht selbst essen zu müssen.

Als Politiker ist das aber wahrscheinlich recht schwer, abends gar nichts mehr zu essen - bei den vielen Terminen mit Buffet und Catering.

Nein, nein. Das ist alles machbar. Nachdem ich jetzt schon viel Gewicht verloren habe, ist auch nicht mehr alles ganz so streng. Und ich kenne auch meine Gefahrenstellen - da achte ich natürlich drauf.

Ihre Gefahrenstellen?

Naja, spätes Essen, Kohlenhydrate - ich trinke auch gerne mal ein Bier. Aber Bier schlägt bei mir anders an als bei vielen anderen. Bei den Volksfesten oder jetzt auch bei den Waldfesten sage deshalb ich immer: Das Beste ist der erste Schluck - danach wird es nicht besser. Unabhängig davon bin ich leider ein schlechter Trinker. Ich habe mich in diesem heißen Sommer in Berlin am Abend einmal dabei erwischt, nur einen Liter getrunken zu haben. Da muss ich aufpassen, und Wasser trinkt sich recht schwer.

Da muss man dann ja die ganze gute Maß wegkippen.

Nein, ich habe da schon so meine Helfer. Ab und zu darf ich dann eine frische Maß antrinken.

Wenn man auf fast alles verzichtet, muss man sich dann nicht auch mal was anhören? Nach dem Motto: Komm', zier' dich halt nicht so.

Das ist in der Tat ein kleines Problem. Bei der Ernährung wird inzwischen ja viel akzeptiert - wenn man Vegetarier ist oder wenn man eine Allergie hat. Aber einfach nur verzichten? Das akzeptiert nicht jeder Gastgeber gleich. Es scheint so zu sein, dass sich manche Leute nur wohlfühlen, wenn ein anderer mitisst. Das ist doch seltsam. Aber ich stelle mich natürlich auch darauf ein. Wenn ich weiß, heute Abend habe ich einen Abendtermin, heute ist Waldfest, dann halte ich den Tag über Maß. Da kann man sich dann auch mehr drauf freuen, wenn man weiß: Heute Abend gibt es ein Bier und ein Hendl. In meiner Hochphase des Abnehmens war ich da strenger, da habe ich auch öfter mal erklärt: Ich komme gerne zum Abendtermin und nehme die geistige Nahrung auf, der anderen aber entsage ich, weil sich mein Wohlgefühl dadurch auch deutlich verbessert.

Dass Sie überhaupt so zugelegt haben, hatte das eigentlich mit den Ernährungsgewohnheiten als Politiker zu tun?

Nein, das war einer gewissen Laxheit geschuldet. Ich war als Kind schon recht korpulent. Während meine Mutter ihr zweites Staatsexamen gemacht hat, war ich mit vier Jahren einige Zeit bei meiner Oma. Und Oma hat den kleinen Buben ordentlich gefüttert. Damals gab es noch ein Zuckerbrot - also ein Butterbrot mit Zucker drauf. Meine Großeltern waren eben noch die Kriegsgeneration. Da war Essen, da war Sattsein wichtig. Die würden die heutige Diskussion um Ernährung nicht verstehen. Die waren froh, wenn sie überhaupt etwas im Magen hatten. Aber natürlich, bei der Ernährung von Politikern, da könnte man schon noch etwas machen.

Nämlich?

Naja, da stehen immer belegte Semmeln rum. Eigentlich wäre es eine Banalität, da einen Obstkorb hinzustellen. Passiert aber nicht. Warum kann man bei Besprechungen nicht ein paar Birnen oder Äpfel hinstellen? Wir haben so schönes heimisches Obst. Bei den CSU-Landesgruppensitzungen am Montagabend sind alle immer ganz neidisch auf mich. Da bekomme ich als einziger, weil ich es von Anfang an so wollte, einen Teller voll Obst hingestellt.

Und die anderen bekommen Weißwürste und Brezn?

Die essen das, was es normal gibt. Mal einen Fisch mit Spinat, mal ein Wiener Schnitzel - das Tagesgericht halt. Aber in südeuropäischen Ländern ist es normal, dass einem auch ein Obstteller hingestellt wird. Ich würde das nicht gleich gesetzlich fixieren, aber ich fänd's schon schön, wenn es selbstverständlich würde, bei Besprechungen immer einen Obstkorb anzubieten.

Beim Obst weiß man ja auch, was man daran hat.

So ist es - anders als bei vielen anderen Produkten. Was Transparenz angeht, könnte unsere Lebensmittelindustrie wirklich noch nachlegen. Wenn ich einkaufen gehe, interessiert mich, was da drin ist. Mit interessiert der Kaloriengehalt, der Fettgehalt und der Zuckergehalt - das ist nicht immer leicht zu finden. Unsere Bauern und die verarbeitende Industrie haben es geschafft, hochwertige und gute Nahrungsmittel herzustellen, aber bei der Auszeichnung des Inhalts hapert es noch. Der eine reagiert auf manchen Inhaltsstoff anders als der andere. Und deshalb muss man auch transparent abbilden, was in einem Produkt drin ist. So ein kleines Täfelchen Schokolade zum Beispiel, das hat 23,5 Gramm, hinten stehen Verbrauchswerte für 100 Gramm drauf. Wie soll man das auf die Schnelle ausrechnen? Wieso schreibt man nicht einfach gut lesbar drauf, wie viel Zucker jetzt in diesem Stück drin ist?

Hat die Radwan-Diät eigentlich einen offiziellen Namen?

Die hat sicherlich einen Namen. Aber ich halte nicht viel von solchen Diätplänen, wie man sie aus Illustrierten kennt. Ich frühstücke gerne, komme dann aber sehr gut tagsüber ohne Essen aus. Es gibt Menschen, die brauchen ihr Mittagessen - ich bin da anders. Die vergangenen Monate ist ja dieses Power-Fasten etwas in Mode gekommen, da soll man 15, 16 Stunden nichts essen. Vor ein paar Jahren hieß es noch, man soll am Tag fünf kleine Mahlzeiten zu sich nehmen. Da gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen. Aber jeder Mensch ist anders. Deswegen wird eine solche Diät beim einen vielleicht funktionieren, beim anderen aber nicht. Jeder muss es also so machen, wie es für ihn passt.