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Im "Gasthaus" in Bad Tölz:Kokettieren mit dem Weltschmerz

Oliver Mally Hubert Hofherr

Still got the Blues: Sir Oliver Mally (rechts) und Hubert Hofherr bei ihrem Auftritt im Tölzer "Gasthaus".

(Foto: Manfred Neubauer)

Oliver Mally und Hubert Hofherr liefern ein ordentliches Blues-Konzert voller Pein und abgründiger Schönheit ab

"Sir" Oliver Mally streckt die Beine von sich, lehnt sich zurück, fast glaubt man, er kippe nach hinten vom Stuhl - doch dann kratzt der steirische Bluesmusiker doch wieder die Kurve, schwingt nach vorne zum Mikrofon und besingt seinen "old Friend, the Blues" - einen Freund, den er heute mit nach Tölz gebracht hat, die vielen Treppenstufen hinunter in die mit rund 50 Gästen besetzten Katakomben des "Gasthauses". Es ist ein Kuscheln mit dem Abgründigen, ein Veitstanz mit der Bluesgitarre, den Mally und sein kongenialer Begleiter auf der Mundharmonika, Hubert Hofherr, heute aufführen. Beide feiern ihr 35-jähriges Bühnenjubiläum, und so gibt es heute ein breites Repertoire an selbst Komponiertem, an Blues-Klassikern und Medleys. So strickt Mally etwa von einem Moment auf den anderen die bekannten Akkorde von Deep Purples "Smoke on the Water" in einen Blues-Song ein.

Hofherr und Mally sind zwei Gegenpole, deren Verhältnis zueinander eine spürbare Spannung erzeugt. Auf der einen Seite der geradezu clownesk auftretende Mally, dessen Mimik mal an einen leidenden Pierrot, mal an einen höhnisch lachenden Joker erinnert, auf der anderen Seite der fast schüchtern wirkende, sich völlig im Mundharmonikaspiel verlierende Hofherr, der das ganze Konzert nur wenige und sehr leise Worte verliert. Dieses Spannungsfeld ergibt einen Nährboden, auf dem die Blues-Pflanzen prächtig gedeihen - auch wenn man sich wünscht, dass der stets nur mit "Baby" angesprochene Hofherr außerhalb des Konzertbetriebs ein wenig schlagfertiger agiert. Aber ist es nicht das Leiden an der Welt, dass den Blues überhaupt ausmacht?

"When I went downtown to ease my pain singt dann auch Mally. Blickt man ins Publikum, dürften nicht wenige den Weg ins "Gasthaus" gekommen sein, um genau dies zu tun. Es ist das Kokettieren mit dem Weltschmerz, das den Blues so unwiderstehlich und so mitreißend macht. Zur Eigenkomposition "The Devil is going fishing" erzählt Oliver Mally eine Anekdote. Das Stück sei 2018 bei der einflussreichen International Songwriting Competition unter die Top 16 der Bluessongs des Jahres gewählt worden; in der Medienlandschaft seines Heimatlands Österreich habe sich dieser Erfolg jedoch nicht ausreichend widergespiegelt. Das Duo hätte es nicht nötig, auf einen solchen Malus hinzuweisen, sind doch beide ausgezeichnete Musiker mit einer langen Liste an Erfolgen. Man kommt nicht umhin, sich ein etwas unprätentiöseres Auftreten Mallys zu wünschen. Aber was soll's. Mangelnde Anerkennung schmerzt eben, und Blues ist Schmerz.

"I've got some mean old nasty habits, man, they push me on the floor" singt Mally dann auch in einem Stück - wer kann ihm das Gesagte da noch übel nehmen. Und schließlich dürften auch die meisten Zuschauer die ein oder andere Leiche im Keller liegen haben.

Die Zugaben haben es noch mal in sich, Hofherr und Mally lassen ein beeindruckendes Dreierpack vom Stapel. Auf Bob Dylans "Like a rolling stone" folgt der "Walkin' Blues" aus den Dreißiger Jahren und als zarter, etwas melancholischer Abschluss der Song "Time" von Tom Waits. Nun ist es in der Tat Zeit, von Downtown Bad Tölz nach Hause zu fahren - und auf ein nächstes Mal zu hoffen, dem Weltschmerz auf so angenehme Weise frönen zu dürfen.