Im Capitol-Kino:Zehn geniale Ideen pro Minute

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Bernhard Zink bringt zwei Stummfilmklassiker mit Klaviermusik nach Bad Tölz

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Im Film "Easy Street" von 1916 gibt es diese Szene mit der Gaslaterne, über die Bernhard Zink immer wieder lachen muss: Charlie Chaplin gerät an einen Gegenspieler, "ein Vieh von einem Mann", der locker eine Gaslaterne umbiegen kann. Wie soll der kleine Mann mit der Melone da wieder rauskommen? Natürlich schafft er es, der schlaue und ein bisschen grausame Charlie. Zink, ehemaliger Musiklehrer am Geretsrieder Gymnasium, erzählt darüber mit einer solchen Begeisterung, dass man sich wünscht, den Film, der als Chaplins erstes großes Meisterwerk gilt, unbedingt einmal wiederzusehen.

Gelegenheit dazu gibt es: Am Sonntag, 8. April, kann man "Easy Street" und einen Stummfilmklassiker von Harold Lloyd, "Never weaken" aus dem Jahr 1921, im Capitol-Kino in Bad Tölz sehen. Und hören, denn Zink, der die Musik zu den beiden Filmen neu komponiert hat, begleitet live am Klavier. So wie sich das gehört, denn Stummfilme waren nie stumm, sie wurden stets mit durchlaufender Klavierbegleitung gezeigt. Meistens haben die Pianisten improvisiert, Partituren gibt es kaum.

Im Capitol-Kino: Seit einem halben Jahr zeigt Bernhard Zink sein Chaplin-Programm in kleinen Kinos. Kein Abend ist wie der andere.

Seit einem halben Jahr zeigt Bernhard Zink sein Chaplin-Programm in kleinen Kinos. Kein Abend ist wie der andere.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Zink erzählt von dem berühmten Berliner Stummfilmpianisten Willy Sommerfeld, "der hat sich hingehockt und gespielt, ohne den Film überhaupt zu kennen". Ihm selbst wäre das "zu wankelmütig". Er setzt sich zu Hause an seinen kleinen Flügel und schaut sich den Film immer und immer wieder an. Dann zerlegt er den Plot in Minikapitel und sucht passende Leitmotive, die er notiert. "Filmmusik muss dienen", sagt der 41-Jährige. "Sie darf sich nicht in den Vordergrund drängen." Zink ist Musiklehrer, studierter Komponist "und ganz großer Filmfan".

Elfeinhalb Jahre war der Vater von vierjährigen Zwillingen Musiklehrer am Geretsrieder Gymnasium. Seit dem Halbjahr arbeitet er am Kultusministerium, "weil ich Lust auf einen Wechsel gehabt habe". Zum Traurigsein komme er momentan gar nicht, erzählt er, der neue Job nehme ihn voll in Beschlag. Außerdem habe er über den Ehemaligenchor, der sich gerade formiert, weiterhin Kontakt zu seiner früheren Schule. Zink hinter einem Schreibtisch - so kann man sich den beliebten Pädagogen und quirligen Musiker gar nicht recht vorstellen. Die Idee mit dem Stummfilmklavier habe er schon lange mit sich herumgetragen, erzählt er. Dass es ein Chaplin-Film sein müsse, sei von Anfang an klar gewesen - "das ist einfach der Name".

Im Capitol-Kino: Stummfilmklassiker mit Charly Chaplin werden noch mit Klaviermusik begleitet.

Stummfilmklassiker mit Charly Chaplin werden noch mit Klaviermusik begleitet.

(Foto: Verleih)

Seit einem halben Jahr ist er nun mit Chaplin und Lloyd in kleinen Programmkinos "zwischen Franken und dem Chiemgau" unterwegs. Und immer sind die Abende anderes - die Musik ist nie ganz gleich, weil Zink viel improvisiert, das Publikum ist immer unterschiedlich, und so wirken auch die Filme, die je eine halbe Stunde dauern, immer ein bisschen anders. "Stummfilme mit Live-Musik sind komplett im Jetzt", sagt Zink. In Zeiten dauerquasselnder Comedy wirken sie wie ein erholsames Kontrastprogramm. Ihre Komik beruht nicht auf Dialogen, sondern auf Handlung. Die Themen sind klassisch - Liebesgeschichten, Verfolgungsjagden, Love and Action.

Zink, der zehn Jahre fürs Theater komponiert hat, kann sich an den alten Stummfilmklassikern nicht sattsehen. Sie seien "irre unterhaltsam", die "Gagdichte gigantisch". Er liebt die überraschenden Pointen und die große Kreativität der Akteure: "Pro Minute gibt es gefühlt zehn geniale Ideen." Da könnten heutige Hollywood-Komödien oft gar nicht mithalten.

Live-Filmmusik mit großem Orchester ziehe bei Blockbustern wie "Herr der Ringe" oder "Star Wars". Stummfilme mit Klavierbegleitung sind dagegen Nischenprodukte. Zink tritt einmal im Monat in kleinen Programmkinos auf. Oft sind es alte Säle mit noch älteren Klavieren - "wunderbar", sagt Zink. Die Betreiber seien "ganz spannende Leute", "Idealisten und Filmwahnsinnige". Um auch in Kinos spielen zu können, die kein Klavier haben, hat sich Zink vor kurzem ein transportables "Clavinova" gekauft. Und gleich beim ersten Einsatz in Bamberg die Pultleuchte vergessen. Eine Stunde spielen bei Dunkelheit und Schwarz-Weiß-Flimmern - eine Herausforderung. Aber Zink kennt die Handlung fast blind. Er hat bereits weitere Filme für sein Projekt im Auge. "Mit der Zeit wird man zum Stummfilmjäger", sagt er und lacht.

Stummfilm & Live-Musik, Sonntag, 8. April, 17.30 Uhr, Capitol-Kino, Bad Tölz, Eintritt 12 Euro

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