Musik im Zeichen des Krieges:"Wir wollen Frieden!"

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Musik im Zeichen des Krieges: Andrea Fessmann leitet Karl Jenkins´ "The Armed Man".

Andrea Fessmann leitet Karl Jenkins´ "The Armed Man".

(Foto: Hans Hoche/OH)

Noch nie wurde ein Krieg mit Waffen beendet, sagt die Iffeldorfer Veranstalterin und Musikerin Andrea Fessmann. Nun bringt sie Karl Jenkins' "The Armed Man" auf die Bühne.

Von Stephanie Schwaderer

SZ: Frau Fessmann, am Sonntag treten bei den Iffeldorfer Meisterkonzerten die Pianistinnen Nika Melinkova und Olesia Morozova auf. Russische Künstlerinnen sind bei Ihnen weiterhin willkommen?

Andrea Fessmann: Bei uns ist jeder willkommen, der gerne Musik macht und hört.

Der Krieg in der Ukraine spielt für Sie keine Rolle?

Seit ich denken kann, gibt es Kriege auf der Welt. Aktuell nicht nur in der Ukraine, auch im Jemen, in Afghanistan, im Irak. Menschen zu erschießen, ist nicht in Ordnung, egal auf welcher Seite man steht. Ich bin Pazifistin. Mit 16 war ich auf meiner ersten Friedensdemo, später hatte ich den Aufkleber "Schwerter zu Pflugscharen" auf meinem Auto kleben. Und dazu stehe ich immer noch. Ich kann am Krieg nichts ändern. Ich kann am Leid nichts ändern. Was ich tun kann, ist nicht mitzumachen. Ich kann sagen: Wer Hilfe braucht, bekommt Hilfe. Und wer Musik machen möchte, ist hier willkommen. Diese jungen Künstlerinnen haben ja nichts mit dem Krieg zu tun. Sie sind die letzten, die etwas dafür können.

Musik im Zeichen des Krieges: Nika Melnikova und Olesia Morozova gastieren am Sonntag in Iffeldorf.

Nika Melnikova und Olesia Morozova gastieren am Sonntag in Iffeldorf.

(Foto: Daniel Delang/oh)

Als Veranstalterin, aber auch als Chorleiterin arbeiten Sie mit Menschen aus verschiedenen Nationen und Kulturkreisen zusammen. Machen sich da politische Spannungen bemerkbar?

Ich habe das noch nie erlebt, und ich hoffe, dass ich es nie erleben werde. Ich würde es auch nicht hochkommen lassen. Mit einer solchen Energie kann man nicht musizieren. Umgekehrt habe ich schon oft die Erfahrung gemacht, wie sehr Musik verbindet. Gerade proben wir Karl Jenkins' Chorwerk "The Armed Man", das wir erstmals vor einem halben Jahr aufgeführt haben. Da steht eine christliche Irakerin auf der Bühne, die Altistin Bushra Poles; ihre Stadt wurde von Moslems zerstört. Und neben ihr steht ein Imam. Die beiden könnten sagen: Wir reden nicht miteinander. Stattdessen machen sie zusammen Musik.

Der Untertitel heißt "Eine Messe für den Frieden". Sie bringen sie nun noch einmal in Iffeldorf und in der Münchner Isarphilharmonie auf die Bühne. Singen Sie sie anders als vor einem halben Jahr?

Durch den Krieg in der Ukraine bekommt das Werk noch einmal eine ganz andere Brisanz. Ich merke schon bei den Proben, dass wir noch emotionaler bei der Sache sind. Dass wir noch mehr wissen, wofür wir singen. Die Intensität der Chorsängerinnen und -sänger an der Stelle "Better is peace than always war" - wie da alle ihre Seele reinlegen. Wir können ja nichts tun, aber wir können ausdrücken, was wir gerne hätten. Das ist für mich auf der einen Seite sehr schön, auf der anderen Seite gibt es auch bedrückende Momente. An einer Stelle geht es um Menschen, die wie brennende Fackeln sind. Ich habe vor kurzem Bilder von brennenden Menschen in der Ukraine gesehen. Die holen mich nun jedes Mal ein. Da wird mir richtig schlecht. Deshalb proben wir diese Stelle möglichst wenig. Danach sind wir immer alle fertig - bestürzt und betroffen, dass wir etwas singen, was gerade so real ist. Insgesamt ist es jedoch ein unglaublich tolles Stück, kraftvoll, mitreißend. Wir geben alles.

Alles wofür? Was kann Musik bewirken?

Wir können nichts tun. Nichts. Aber wir können unseren Mund aufmachen und sagen: Wir wollen Frieden! Niemals in der Geschichte ist Krieg mit Waffen beendet worden. "Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg", hat Mahatma Gandhi gesagt. Auf der Ebene der Musik gibt es keinen Krieg. In dem Moment, wo man musiziert, ist man mit einer anderen Realität verbunden, mit einer höheren Ebene. In dem Moment haben wir keine Wertungen. Beim Musizieren denkt keiner über Gut und Böse nach. Da gibt es nur die Einheit mit den Musikern, mit der Musik, dem Text und dem Publikum. Ich sage immer zu den Mitwirkenden: Musiziert für jemanden, sucht euch jemanden, für den oder die ihr heute musizieren wollt. Das kann jemand aus dem persönlichen Umfeld sein, jetzt die Flüchtlinge aus der Ukraine oder die Menschen, die seit Jahren in griechischen Lagern festsitzen.

Musik im Zeichen des Krieges: "Wir können nichts tun. Nichts. Aber wir können unseren Mund aufmachen": Chorleiterin Andrea Fessmann.

"Wir können nichts tun. Nichts. Aber wir können unseren Mund aufmachen": Chorleiterin Andrea Fessmann.

(Foto: Manfred Neubauer)

Zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs 2018 hat Jenkins eine Aufführung in Berlin mit 2000 Chorsängern aus 27 Ländern geleitet. Wie viele singen bei Ihnen?

Gut hundert. Den Großteil stellt der Iffeldorfer Klangkunstchor, verstärkt durch den Trotzcoronachor und das Jubilate Ensemble München. Als Solisten singen die Sopranistin Claudia Reinhard, die Altistinnen Bushra Poles und Valerie Pfannkuch. Außerdem sind der Tenor Martin Petzold und der Bassist Johannes Bauer dabei. In Iffeldorf singt der Muezzin Hadj Abdessamed, in München Belmin Mehic.

An die Aufführung in der Isarphilharmonie soll sich ein großes Teetrinken mit Vertretern unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften anschließen -Christen, Muslime, Buddhisten. Sind Russen und Ukrainer auch eingeladen?

Natürlich! Es sind alle eingeladen! Es geht ja um Dialog, Respekt und Toleranz. Da wird niemand ausgegrenzt! Toleranz beginnt ja erst da, wo wir dem Fremden begegnen. Respekt wird erst da spannend, wo wir alte Gewohnheiten durchbrechen und uns Dingen öffnen, die wir nicht kennen, verstehen oder gut finden.

Sonntag, 1. Mai, 19 Uhr, Gemeindezentrum Iffeldorf: Festival der ARD-Preisträger, mit Nika Melnikova und Olesia Morozova (Klavier), Alexandra Tirsu (Violine), Friedrich Thiele (Violoncello) und Yun Zeng (Horn), Karten unter www.iffeldorfer-meisterkonzerte.de; Sonntag, 8. Mai, 17 Uhr, Gemeindezentrum Iffeldorf: Karl Jenkins "The Armed Man" - Eine Messe für den Frieden, Karten unter Telefon 08856/3695; Sonntag, 15. Mai, 11 Uhr, Isarphilharmonie München: Karl Jenkins "The Armed Man" / Matinee, Karten über München Ticket (089/54 818 181)

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