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Ideenwerkstatt:Penzberger Wohnzimmer

Wohnzimmer Rathauspassge Penzberg

Mehr Wohnzimmer-Atmosphäre soll die Rathauspassage bekommen und so zum Treffpunkt der Stadtgesellschaft in Penzberg werden.

Die Rathauspassage soll in ein Bürgerzentrum umgewandelt werden. Um Ideen dafür zu sammeln, wird die städtische Bücherei von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Stadt und Volkshochschule kooperieren

Fast 80 000 Euro sozusagen geschenkt bekommen, um einfach drauf los zu spintisieren. Die Kulturstiftung des Bundes macht das möglich mit ihrem Projekt "hochdrei - Stadtbibliotheken verändern". Konkret geht es um die Rathauspassage in Penzberg. Stadtbücherei-Leiterin Katrin Fügener möchte gemeinsam mit der Chefin der Penzberger Volkshochschule (VHS), Katja Wippermann, die nüchterne Immobilie "neu denken" und zum "Wohnzimmer" und Bürgerzentrum der Stadt umgestalten. Dazu bedarf es kreativer Ideen, die in einem Dialogprozess mit der Bevölkerung gefunden werden sollen.

Ursprünglich war die Rathauspassage an der Karlstraße 1998 als Einkaufszentrum errichtet worden. Im Untergeschoss folgte ein Jahr später eine Markthalle. In den Stockwerken darüber befinden sich Büros und Wohnungen. Doch wechselnde Mieter und leer stehende Läden lockten in den Folgejahren kaum noch Menschen in die Rathauspassage. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert. Neben diversen Läden und einem Café sorgen die Stadtbücherei, die Volkshochschule und die Verwaltungsräume der städtischen Musikschule für mehr Frequenz. Ein Bildungs- und Kulturzentrum ist auf der Ebene, die direkt von der Karlstraße zugänglich ist, entstanden.

Dennoch wirkt die Rathauspassage mit ihrer Glaskuppel nach wie vor wie im Dornröschenschlaf. Das soll sich nun ändern. Mehr Leben möchte Katrin Fügener dem Bildungs- und Kulturzentrum einhauchen. Unter dem Titel "Wohnzimmer Stadtbücherei" geht es darum, die Passage im Erdgeschoss und ihr Umfeld inhaltlich und räumlich neu zu erfinden, um aus ihr einen attraktiven Treffpunkt zu machen. Vor kurzem stellte sie das Projekt dem Penzberger Finanzausschuss vor. Denn die Stadt muss mit an Bord sein. Das ist eine Bedingung für die Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes. Von ihr gibt es einen Zuschuss in Höhe von 79 600 Euro - und zwar allein für den Prozess der Ideenfindung.

"Die Stiftung zahlt keine Möbel oder Umbauten", sagte die Leiterin der Stadtbücherei im Gremium. Allerdings habe Penzberg die Zusage für die Finanzierung der Ausstattung eines sogenannten Modellraums bekommen, in dem die Ergebnisse des Dialogprozesses präsentiert werden können. Wie die Rathauspassage umgestaltet werden könnte, sollen und wollen nicht allein Stadt, Bücherei und VHS bestimmen. Die Bürger sind gefragt. "Mit der Bürgerbeteiligung kaufen wir uns Kompetenz ein", sagte Bürgermeisterin Elke Zehetner (SPD). In mehreren Veranstaltungen im Laufe von zwei Jahren sind die Penzberger aufgerufen, sich einbringen. Geleitet werden diese Treffen von einem externen Moderator, der allerdings aus der Region kommen solle, wie Fügener betonte. Er soll den Penzberger helfen, "groß zu denken". Das gilt ebenso für einen Architekten, der eingebunden werden soll. Nur ein Fachmann könne entscheiden, welche baulichen Maßnahmen realisierbar seien. "Vielleicht muss man die Passage ja nur aufhübschen", sagte Fügener.

Stadtbücherei

Die Bibliothek in der niederländischen Stadt Gouda könnte Vorbild für die Rathauspassage werden.

(Foto: Privat)

Der Prozess ist ergebnisoffen. Eine Verpflichtung für die Stadt Penzberg, die Ergebnisse aus den Workshops umzusetzen, gibt es nicht. "Vielleicht lautet das Ergebnis am Ende auch, dass ein Umbau gar nicht möglich ist", sagte die Bücherei-Leiterin. Ziel sei es, die Passage in einen behaglichen Raum mit hoher Aufenthaltsqualität zu verwandeln, der Begegnungen - auch interkulturelle -, Austausch, Kultur und Bildung ermöglicht und zum "Zusammenwachsen der Penzberger Stadtgesellschaft" beiträgt. Start des Projekts "Wohnzimmer Stadtbibliothek" ist im April dieses Jahres. Projekt-Abschluss ist für Ende 2021 geplant.

Als weiteren Grund für die Bewerbung nannte Fügener, dass die Penzberger Stadtbücherei aus allen Nähten platze. Es gebe zu wenige Computer-Arbeitsplätze, zu wenige Steckdosen und zu wenige Rückzugsmöglichkeiten, um etwa in Ruhe zu lernen. Längst sei die Bibliothek nicht mehr nur ein Ort, um schnell mal Bücher auszuleihen und mit nach Hause zu nehmen. Von mittags bis abends nutzten alle Altersklassen die Möglichkeit, in der Stadtbücherei zu arbeiten, so Fügener. Die Volkshochschule möchte sich ebenfalls weiter öffnen, wie Wippermann in der Sitzung betonte. "Es geht darum, kreativ und ohne Schranken zu denken", sagte sie. "Die Chance ist gigantisch."

Die Kulturstiftung des Bundes schreibt auf ihrer Homepage, dass öffentliche Bibliotheken des 21. Jahrhunderts mehr als Orte des Lesens und der Ausleihe von Büchern seien. In den Stadtgesellschaften der Gegenwart seien sie längst zu zentralen Räumen geworden, in denen herkunfts- und interessenübergreifend Begegnung stattfinde. "In Zeiten des digitalen Wandels und zunehmender Diversität können Bibliotheken wichtige Medienkompetenzen vermitteln und aktive Orte gesellschaftlicher Debatten sein. Sie sind kommunale Kulturorte, ein gleichberechtigtes Angebot neben Theatern, Museen, Konzertsälen und Galerien. Im Vergleich zu diesen ist ihr Besuch mit nur geringen bis keinen finanziellen oder sozialen Hürden verbunden", heißt es weiter. Bibliotheken komme somit eine wichtige zivilgesellschaftliche Bedeutung zu. "Wie kaum ein anderer Ort machen sie kulturelle, soziale und digitale Teilhabe gemeinwohlorientiert und generationenübergreifend möglich."

Wohnzimmer Rathauspassge Penzberg

Die Penzberger Büchereileiterin Katrin Fügener (links), hier mit Kollegin Ilka Heissig, hat den Antrag auf Förderung gestellt.

Im vergangenen August hatte Fügener den Antrag bei der Kulturstiftung gestellt. Kurz vor Weihnachten 2019 kam der positive Bescheid. "Darauf bin ich wahnsinnig stolz", betonte Fügener. Denn nur neun Bibliotheken in Deutschland seien bislang in den Genuss einer Förderung aus diesem Programm gekommen. In Bayern sind es zwei - neben Penzberg noch Würzburg.

Auf Einladung der Kulturstiftung des Bundes reiste die Penzberger Bücherei-Leiterin gemeinsam mit Bürgermeisterin Elke Zehetner (SPD) in die Niederlande. Bei den Nachbarn ist man viel weiter in der Neuinterpretation von Stadtbibliotheken. Fügener berichtete unter anderem von der Stadtbibliothek im Gouda. In der holländischen Stadt ist die Bücherei zusammen mit Gewerbebetrieben und einer Druckerei in einer alten Schokoladenfabrik untergebracht. Ein Café befinde sich direkt in der Bibliothek, sagte Fügener. Auch in Delft, Apeldoorn und Amsterdam konnten Zehetner und Fügener sich ein Bild von diesen Bürgerzentren machen. "Und die Bibliotheken waren immer voll", erzählte Fügener, die sich begeistert von dem "Shabby-Chic" der niederländischen Stadtbüchereien zeigte. Alle hätten deutlich mehr "Wohnzimmer-Atmosphäre" vorzuweisen als hiesige Büchereien. "Die Bibliothek ist ein Aufenthaltsraum geworden", sagte Zehetner. Die Idee, die Rathauspassage entsprechend umzugestalten, sei reizvoll - auch wenn die Schaffung eines neuen Zentrums mehr als nur ein Meilenstein sein werde. Dennoch: "Zufriedenheit muss man sich holen", sagte Zehetner.

Neben der Förderung der Kulturstiftung des Bundes übernimmt die Penzberger Volkshochschule 1000 Euro und die Stadtbücherei 7500 Euro. An Drittmittel möchte Fügener 1000 Euro einwerben. Insgesamt beläuft sich der Kostenrahmen für das Projekt somit auf 89 100 Euro.

© SZ vom 17.02.2020
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