Süddeutsche Zeitung

Ideen für die Umwelt:Mehr Windräder, mehr Busse

Bei einer Podiumsdiskussion in Lenggries diskutieren junge Politiker etablierter Parteien über Möglichkeiten zum Klimaschutz in der Region. Sie sind sich einig, dass die Politik mehr tun muss - und jeder etwas beitragen kann.

Sie sind jung, und sie wollen mitreden, weil es um ihre Zukunft geht. Was sie zu sagen haben, interessiert die Älteren - zumindest in Lenggries, wo eine vom Nachhaltigkeitsteam des Hohenburger Gymnasiums organisierte Podiumsdiskussion zum Thema "Regionalentwicklung und Klimaschutz" am Dienstag rund 100 Interessierte in den Alpenfestsaal gelockt hat, darunter allerdings wenige junge Leute. Die Diskutanten auf dem Podium waren freilich überwiegend U 30: Simon Roloff, 17, stellvertretender Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen, Josef Rohrmoser, 22, Kreisvorsitzender der JU, Jakob Koch, 21, Sprecher der Grünen Jugend, Sebastian Salvamoser, 28, Kreistagskandidat der SPD sowie Sebastian Englich, 34, Landratskandidat der Linken.

Stefan Drexlmeier von der Energiewende Oberland fasste die Ergebnisse der fünfjährigen INOLA-Studie zusammen. Das ernüchternde Fazit: "Die Politik auf Länder- und Bundesebene gibt so miserable Rahmenbedingungen vor, dass wir unser Ziel, bis 2035 energieautark zu werden, nicht erreichen können." Dass sich Frauen in der Politik immer noch zu wenig einbringen, zeigte sich auch am Dienstag. Ausschließlich Männer saßen im Podium, weil die angefragten Parteien nun einmal keine Frauen geschickt hätten, bedauerte Teamleiterin Tamara Höcherl. Auf dem Programm der von Redakteur Andreas Steppan moderierten Diskussion standen die Themen Energieversorgung, Mobilität, Tourismus und Landwirtschaft. Die Atmosphäre in der jungen Runde war freundschaftlich, "wir haben alle das gleiche Ziel", sagte Rohrmoser.

Unterschiedliche Meinungen gab es vor allem beim Thema Windkraft. So wünscht sich der junge Grüne Koch, dass die 10H-Regel fällt, die den Ausbau der Windkraft faktisch zum Erliegen bringt. Ohne Windkraft werde es nicht gelingen, eine regenerative Energieversorgung zu stemmen, das hatte auch Drexlmeier betont. Salvamoser verwies dagegen auf Eingriffe in die Landschaft, die Windräder für die Tourismusregion bedeuten würden. Gleiches gelte für das Pumpspeicherwerk am Jochberg, das man in seiner Gemeinde keinesfalls gewollt habe, sagte der Kochler Sozialdemokrat. Auch der Junge Liberale Roloff kann sich "Windkraft nicht wirklich vorstellen". Der 17-Jährige sprach sich für einen Mix aus verschiedenen Energieträgern aus, der ökologisch und ökonomisch sinnvoll sei. JU-Vorsitzender Rohrmoser hält Windkraft für "ein bisschen schwierig", könnte sich aber eine Lockerung der 10H-Regel vorstellen, an der seine Partei festhält. Er plädierte für technische Verbesserungen, um "mehr aus Solar und Wasserkraft herauszuholen".

Laut dem Energieexperten Drexlmeier ist die Wasserkraft in der Region weitgehend ausgeschöpft, und mit PV-Anlagen würde im Winter womöglich Strom fehlen. 30 Windkraftstandorte wären im Oberland möglich, sagte Drexlmeier. Die 10H-Regel, die einen Abstand zur Wohnbebauung von zwei Kilometern fordert, sei "nicht wissenschaftlich fundiert".

Mobilität ist für junge Leute auf dem Land ein wichtiges Thema. Das 365-Euro-Ticket für Schüler und Studenten finden alle gut, Konsens herrschte bei Vorschlägen wie Taktverdichtung, Querverbindungen mit dem "Alpenbus", einer Elektrifizierung oder wasserstoffbetriebenen Zügen für die BOB. Solange das Gefühl herrsche, "ohne Auto bin ich nicht mobil", könne der Individualverkehr nicht eingedämmt werden, sagte Koch. Die Weichen würden nicht richtig gestellt. Es werde immer noch mehr Geld für Straßen als für Schienen ausgegeben. Skifahren am Brauneck wollen die jungen Politiker nicht verteufeln, trotz Klimawandel. "Ich finde es nicht schlecht, wenn wir in der Region ein attraktives Skigebiet haben", sagte Rohrmoser. Wenn die Leute nach Südtirol zum Wintersport fahren müssten, sei die CO₂-Bilanz schlechter. Mit der neuen Schrödelsteinbahn werde das Skigebiet nicht weiter ausgebaut, sondern nur ein alter Lift ersetzt, sagte Roloff. Koch forderte mehr Anreize für Zug und Bus. Denn 50 Prozent des CO₂-Ausstoßes beim Skifahren würden durch die Anreise verursacht. Die Entwicklung müsse in Richtung nachhaltiger Tourismus gehen - darüber herrschte Konsens.

Beim Thema Landwirtschaft forderte Rohrmoser von den Verbrauchern mehr "Maß beim Fleischkonsum" und die Bereitschaft, mehr für Lebensmittel auszugeben. Koch kritisierte das "katastrophale Höfesterben unter einer CSU-Regierung" und plädierte dafür, in Mensen, Kantinen und Gemeindesälen regionale Lebensmittel zu verwenden. Und was kann jeder Einzelne tun? Mehr Fahrrad fahren, den ÖPNV nutzen, regionale Produkte kaufen, Verpackungsmüll vermeiden, Beratungsangebote zum Energiesparen in Gebäuden in Anspruch nehmen - so lauteten einige Antworten. "Und starke Frauen in die Politik wählen", forderte Koch.

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SZ vom 23.01.2020/aip
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