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Ickinger Multimedia-Show:Bedeutungslos, hoffnungslos

Synthesizer, Gitarren, bizarre Klänge und coole Lichteffekte - mehr braucht die Stuttgarter Truppe nicht, um ihre Dystopie über ein Leben nach Daimler-Benz in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu präsentieren.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit dem "Citizen.Kane.Kollektiv" aus Stuttgart holt die Theatergesellschaft unterm Apfelbaum ein besonderes Format nach Irschenhausen. Die Performance-Darbietung überzeugt das Publikum

Welch ein düsteres Szenario. Laut dröhnt elektronisch verzerrter Synthesi-zer-Sound wie Maschinenlärm durch die stille Landschaft. In Jeansklamotten ge-kleidete Typen tragen Autoreifen von der einen Bühnenseite auf die andere, um sie dort zu entsorgen. Das Automobilwerk ist schon lange geschlossen. Autos werden nicht mehr gebraucht, und Reifen auch nicht. Diese Art der Produktion gehört der Vergangenheit an. Der Stern am Himmel ist erloschen. Gemeint ist Daimler Benz.

Stuttgart, die Stadt, die einst an der Spitze der wirtschaftlichen Entwicklung stand, verödet. In der ehemals so dynamischen Metropole tut sich ein Abgrund auf: Die Menschen ziehen weg, sind arbeitslos oder bringen sich um. Die Natur erobert die Stadt zurück, Tiere wohnen in Fabrik- und Häuserruinen, die Infrastruktur ist kaputt. "Stuttgart Wrackstatt" heißt das Performance-Theaterstück, welches das "Citizen.KANE.Kollektiv" aus Stuttgart in Irschenhausen auf die Bühne bringt.

Welche Alternative bleibt einem ehemaligen Daimler-Mitarbeiter? Ein Camp auf dem Land gründen. In dieser misslichen Lage reiten Topingenieure jetzt auf Pferderücken - immerhin ein PS nach dem Motto "back to the roots".

"Die Leute sind freiwillig hier. Das Ritual ist ganz wichtig, es symbolisiert das neue Leben mit dem Pferd. Die Tiere spüren deinen Schmerz. Sie haben es auch erlebt, in die Bedeutungslosigkeit abgeschoben zu werden", sagt der ausrangierte Ingenieur (Jürgen Kärcher) der 30 Jahre einen Spitzenposten innehatte zu einem Neuling im Camp (Jonas Bolle). Dabei sitzt er auf einem Plastikpferd aus Autoreifen gestapelt. "Ich war ein Knecht der Ionen. Uns hat man entlassen", erklärt er dem Neu-ling. "Unser Camp ist völlig autark. Da drüben wohnen die Ökos, die ihr Gemüse selber anbauen. Die rufen an, wenn etwas kaputt ist und wir reparieren es dann. Die können das ja nicht", führt er weiter aus und fügt hinzu: "Die zahlen uns mit Geld, das wir dann verbrennen." Einen Diesel, der eine Zukunft gehabt habe, das habe er entwickelt. Doch das habe keinen interessiert. Die Leute wollten Autos. "Wer die Technik nicht versteht, der sollte sie nicht kaufen - so einen rollenden Thermomix", sinniert der Ältere.

Dieses Szenario bringen die sechs Künstler auf die kleine Bühne der "Gesellschaft unterm Apfelbaum" und benötigen keine Technik, außer Licht. Da es immer noch regnerisch ist, haben sich die Zuschauer unter den Schutz des offenen Zeltes begeben, mit Sicht auf die grandiose Alpenkette. Es ist zwar kalt, aber es gibt reichlich Decken für alle. Hier in dieser schönen Landschaft, geborgen unter alten Bäumen und zu Gast bei Barbara Reimold hört sich das Stück wie Science-Fiction an.

Der Arbeit des Theater-Kollektivs vorausgegangen war das Statement von Dieter Zetsche, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden der Daimler AG, zu Beginn des Jahres: "Es ist kein Naturgesetz, dass Daimler ewig besteht." Was passiert mit Stuttgart, wenn der Megakonzern die Menschen nicht mehr zusammenhält? Was passiert, wenn es nicht mehr um "mein Beruf, mein Haus, mein Auto, mein Geld" geht? Wenn alles verloren ist und Statussymbole nichts mehr zählen.

Diesem Stoff haben sich die sechs Schauspieler aus dem Bereich der performativen und darstellenden Kunst verschrieben und daraus eine Dystopie entwickelt. Die Weissagung des Indianerstammes der Cree - "erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann" - greift das Theaterstück auf.

Regisseur Christian Müller sagt: "Wir wohnen alle im Speckgürtel von Stutt-gart. Die Hälfte unserer Eltern haben in der Autoindustrie gearbeitet." Das Thema hat das Kollektiv interessiert und sie haben begonnen zu recherchieren. Interviewpartner waren unter anderem Mitglieder des Vorstands der Automobilindustrie, ein Coach und eine Obdachlose. Sie gab zum Beispiel den Tipp, niemals alleine unterwegs zu sein und wenigstens einen Hund dabei zu haben. Der sei auf jeden Fall loyal.

Ziele des Kollektivs sind, über einen künstlerischen Ansatz aktuelle Themen aufzugreifen, alte Strukturen zu brechen, Hierarchien aufzulösen, Denkstrukturen zu hinterfragen und zu neuen Lösungen zu finden. Dies spiegelt sich in ihrer Darbietung wider. Einer rezitiert Texte, die anderen un-termalen ihn mit schrägem Sound. Regisseur Christian Müller spielt Gitarre und, um die krassen Texte noch heftiger in Szene zu setzen, bedient sich Jonas Bolle eines Synthesizers. Sara Kempin singt und rezitiert teilweise die Texte auf Englisch, Andrea Leonetti spielt Keybord, Jürgen Kärcher Gitarre und Simon Kubat Bass.

An diesem Theaterabend der besonderen Art, prädestiniert für die Generation "Friday for future", sind bedauerlicher Weise nur wenige Zuschauer in den wunder-schönen Garten unter das Zeltdach gekommen. Formate dieser Spannung gibt es nur selten zu sehen. Umso bemerkenswerter ist der Mut Barbara Reimolds, dieses Stück aufs Land geholt zu haben. Das Publikum bedankt sich mit viel Applaus.