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Ickinger Idee zur Corona-Krise:Mit dem Auto in die Pause

Coronavirus

Individualverkehr auf dem Pausenhof: Mit ihren bunten Papp-Autos bewegen sich die Ickinger Erstklässler brav in einer Reihe, ganz wie die Großen zur Rush Hour auf den Hauptverkehrsstraßen. Damit halten sie den in Corona-Zeiten notwendigen Sicherheitsabstand ganz automatisch spielerisch ein.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Abstandsregeln einhalten, ohne das Wort "Corona" in den Mund zu nehmen - geht das in einer ersten Klasse? Eine Ickinger Lehrerin hat eine kreative Lösung für den Schulalltag zu Krisen-Zeiten gefunden.

Es ist 9.10 Uhr. Stille, wie sie nur draußen vor Schulgebäuden schwebt, wenn drinnen gerade Unterricht ist. Hinter den großen Fenstern, links neben dem Eingang zur Ickinger Grundschule, blicken acht Schülerinnen und Schüler nach vorn. Sie sitzen in großem Abstand zueinander, auf ihren Tischen Atemschutzmasken in Vesperdosen. Eine ganz normale Klasse zu Coronazeiten. Wären da nicht die Autos, die neben den Kindern parken.

9.15 Uhr, die Pause beginnt. "Diiied, diiied, diiiied", tutet ein blonder Junge, der als schnellster in sein Auto gestiegen ist. Es hat Elektroantrieb, das sieht man an dem aufgemalten Blitz-Symbol. Das Fahrzeug ist aus Pappkarton und hängt an Schnüren über den Schultern des Jungen, in der Mitte ein Loch, da steht er drin. Die anderen Kinder stellen sich in einer Reihe hinter ihm auf, alle in ihren mindestens 1,50 Meter langen Auto-Kisten. Der zu Corona-Zeiten nötige Sicherheitsabstand ist damit gewährleistet.

"Als die Meldung kam, die Erstklässler müssen in die Schule gehen, da habe ich erstmal einen Schreck bekommen und dachte: Wie mache ich das, ohne dass ich furchterregend rüberkomme?", sagt Kathrin Stephan-Ebel und lacht. Die Grundschullehrerin wollte ihre erste Klasse nicht mit Corona-Regeln überfordern. Jede Familie habe diesbezüglich ihre eigenen Glaubensgrundsätze. Manche Kinder hätten sich schon nach den Faschingsferien nicht mehr auf den Schulhof getraut. "Manche reagieren sehr, sehr zart und mit großer Angst." Manchmal, sagt Stephan-Ebel, habe sie das Gefühl, die Kinder würden mit Erwachsenenthemen überfordert. Vor der Schulöffnung beschloss sie daher: Corona sollte in ihrem Unterricht nicht das dominierende Thema sein. Ihre Tochter, selbst Lehramt-Studentin, hatte die Idee mit den Autos.

"Ich weiß nicht, was sie sonst auf dem Pausenhof gemacht hätten", sagt Stephan-Ebel nun. Sie schaut den Kindern zu, die wie eine Entenfamilie hintereinander in ihren Kisten über den Sportplatz ziehen. "Fangen spielen? Was hätte ich gesagt?", sagt Stephan-Ebel. "Ich hätte gesagt: Stellt euch auseinander." Nachdem ihre Tochter den Karton-Einfall hatte, fragte Stephan-Ebel auch eine Kollegin, ob sie mitmachen wolle. Die war zunächst begeistert, am nächsten Tag machte sie einen Rückzieher. Stephan-Ebel aber sagte zu sich: "Ne, du machst das jetzt, weil irgendwie fühlt es sich richtig an."

Für die Lehrerin ist der Unterricht mit Masken schwierig. "Ich dachte, ich bin der totale Augenmensch", sagt sie. "Aber mit Mundschutz, da sieht man gar nicht, ob ein Kind lächelt." Keine Gruppenarbeiten seien möglich, nicht der allmorgendliche Morgengruß, bei dem die Kinder sich im Sitzkreis an den Händen fassen. Wie Zinnsoldaten säßen sie stattdessen auf ihren Plätzen. Mit der Autolösung aber ist die Anfang 50-Jährige zufrieden: Nicht nur, weil die Schüler Straßenverkehrsregeln lernen und Corona-Abstandregeln einhalten. "Sie haben einen sanften Übergang gelernt, wie sie mit dem Corona-Thema umgehen, ohne dass ich das Wort 'Corona' in den Mund nehme." Sie sage zwar immer die Wahrheit, wenn ein Kind das Thema von sich aus anspreche. Die kleinen Autos aber seien für die Kinder "wie ein Schutzpanzer, wo sie gut aufgehoben sind", sagt Stephan-Ebel. "Und der ist auch ihr kleines Zuhause, weil sie den zu Hause gemacht haben."

Über den Sportplatz läuft jetzt ein Junge auf die Lehrerin zu. "Ich hab mein Rad verloren", klagt er. Sein Auto ist dunkelblau angestrichen, hat ein Lenkrad und Stützen für die Arme. "Polizei" steht an den Seiten. "Dann nimmst du es morgen mit in die Werkstatt und nach den Ferien ist es wieder repariert", sagt Stephan-Ebel. Der Polizist schließt sich wieder dem Corso an, sein Wagen fährt schließlich auch mit drei Rädern. Am Anfang, erzählt Stephan-Ebel, sei sie noch mit ihrem eigenen Auto vorausgefahren, habe Parcours aufgebaut. Schnell aber habe sie gemerkt: "Das muss man nicht anleiten." Die Kinder seien mit den Autos in ihrer eigenen Welt. Und: "Sie sind alle integriert, das ist der Vorteil zu sonst." Keiner stehe alleine und wisse nicht, was er tun solle.

9.25 Uhr, die Pause ist vorbei. Vor der Türe zum Klassenzimmer steht ein kleines "Nicht-Überholen"-Schild. Die Autokolonne fährt geordnet daran vorbei. An den Stoppschildern vor dem Waschbecken warten die Kinder, bis sie mit Händewaschen an der Reihe sind: Die Rennfahrer haben noch "Schmierfett" an den Fingern. Dann stellen sie ihre Autos neben den Bänken ab und nehmen die "Rennfahrermasken" runter. Der Heimat-und Sachkundeunterricht geht weiter. Das Thema: Verkehrsregeln.

Eigentlich stehen Verkehrsregeln erst später auf dem Lehrplan. "Das ist mir völlig egal, dann machen wir im zweiten Schuljahr eben etwas anderes", sagte sich Stephan-Ebel. Sie zeigt mit dem Zeigefinger auf einen Satz an der Tafel: Achte auf abbiegende Autos oder Radfahrer. "Manchmal fahren so Idioten bei Rot über die Ampel", kommentiert der Junge mit dem Elektroauto. Ein Mädchen liest die Verkehrsregel vor, sie hat ein besonders großes Auto. Sprühfarbe wurde über Blumenschablonen gesprayt, die breiten, rosa Schultergurte wurden von Hand genäht, sogar Holz ist eingebaut. Der Hippie-Bus ist so schwer, dass die Lehrerin auf dem Pausenhof manchmal fragt: "Alles klar?"

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Parkplatz im Klassenzimmer: Bevor die Schüler an ihren Tischen Platz nehmen und ihre Schutzmasken ausziehen dürfen, müssen sie ihre bunten Gefährte abstellen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Einmal bekam Stephan-Ebel die erschrockene Mail eines Vaters, ob das Auto seiner Tochter zu klein sei. "Aber dieser kleine Flitzer ist sowas von perfekt", sagt Stephan-Ebel, "ich fahre ja auch im kleinen Auto durch Icking." Für das Engagement der Eltern ist die Lehrerin besonders dankbar. Zwei Wochen hatten die Familien Zeit zum Basteln der Autos. "Na, Kathrin, die werden sich bedanken", dachte sich Stephan-Ebel, als sie zusammen mit ihrer Familie selbst ein Auto als Beispiel-Modell bastelte. Doch die Eltern reagierten begeistert. Oft wurden die Autos ein Gemeinschaftsprojekt aller Familienmitglieder. "Ich hatte den Eindruck, dass es den Vätern besonders Spaß macht", sagt Stephan-Ebel und lacht. Die Kinder seien überglücklich gewesen: "Diese blühenden Gesichter, wie sie mit ihren Autos kamen, sie waren so stolz."

Kathrin Stephan-Ebel will sich deshalb bei den Eltern und Kindern für ihr Engagement in der schwierigen Zeit bedanken. "Wie jeder das auf seine Art hervorragend gemeistert hat, das ist mir total wichtig", sagt die Lehrerin. Sie will kein Foto von sich in der Zeitung sehen. Es gehe nicht um sie, mahnt die Anfang 50-Jährige immer wieder.

10 Uhr, sie geht zum Mathe-Unterricht über. Bald machen ihre Schüler Stillarbeit. Stephan-Ebel betrachtet sie lächelnd. Wie ein Bild wird sie jetzt von ihrer Corona-Plexiglasscheibe eingerahmt. Stephan-Ebel ist von zierlicher Figur, sie ist sanftmütig und streng, und wenn sie spricht, dann ruhig und bestimmt. Es geht etwas Korrektes, Klares von ihr aus, das Disziplin verlangt. Wenn sie sich zur Tafel dreht, dann glänzen ihre blonden Haare wie die Perlmutt-Spange, die sie zusammenhält.

Ein Mädchen mit einem selbst angepinselten Blumen-Auto ist als erste mit der Stillarbeit fertig. Stephan-Ebel zieht sich eine Maske auf. Nimmt das Arbeitsblatt entgegen, liest es aufmerksam durch, gibt es kommentarlos zurück. Desinfiziert sich die Hände. Wird sie auch etwas an der Corona-Zeit vermissen? Wenn etwas von der Demut erhalten bliebe, wäre es schön, sagt sie, in Bezug auf Flugreisen und Umwelt zum Beispiel. Aber im Unterricht? "Da vermisse ich nichts! Wir machen danach genau da weiter, wo wir gestern aufgehört haben."

Am Vortag fragte eine Schülerin: "Wann ist es denn endlich vorbei?" Auf bayerisch antwortete ein Mitschüler: "Jo denk amoi, dann dät ma heit fünf Stundn ham, und so ham wir nur drei!" Stephan-Ebel lacht. Dafür liebt sie ihren Lehrerjob. "Die Kinder sagen Sachen, das ist so unverpackt, das schafft kein Erwachsener mehr."

10.30 Uhr, der Unterricht ist zu Ende. In der leeren Aula stehen vier Pappkartons vor einem Parkplatz-Schild. Einer ist klein und rosa, mit grünen Abdrücken von Kinderhänden drauf. Er hat eine Windschutzscheibe aus Plastik, einen aufklappbaren Kofferraum und funktionierende Lichter. Stephan-Ebels Klasse wurde in zwei Gruppen aufgeteilt. Es sind die Autos der Mitschüler, die an den anderen Tagen Unterricht haben.

10.35 Uhr, drei Schulstunden sind vorüber. Die, die gerade noch im Klassenraum saßen, rennen schreiend zu dem Parkplatz und stellen ihre Kisten daneben ab. Draußen vor der Grundschule warten Mütter in ihren Autos. Die Kraftfahrzeuge wirken seltsam trist und groß.

© SZ vom 05.06.2020/aip

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