Ickinger Geschichte:Licht auf ein dunkles Kapitel

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Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium Icking

Das Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium ist 100 Jahre alt. In der heuer erschienenen Chronik wird auch die Nazi-Zeit beleuchtet.

(Foto: Manfred Neubauer)

Zu seinem 100. Geburtstag hat das Ickinger Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium eine Festschrift veröffentlicht, die auch die Nazi-Zeit beleuchtet. Sie macht deutlich, dass eine weitere Aufarbeitung der Schulgeschichte nötig ist.

Von Claudia Koestler

Schule ist nicht gleich Schule. Diesen Beweis tritt das Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking seit nunmehr 100 Jahren an. Die Jubiläumsfeier am Ende des vergangenen Schuljahres mit dem offiziellen Festakt fiel jedoch wegen Corona bescheiden aus, im kommenden Schuljahr soll deshalb noch ein "Fest für alle" folgen. Die Zeit überdauern soll indes eine Festschrift, die nun herausgegeben ist. Diese Chronik beleuchtet neben den ungewöhnlichen Anfängen der Schule und dem bis heute beschworenen Geist der Toleranz in der Bildungseinrichtung auch ein dunkles Kapitel der Zeitgeschichte, das nicht spurlos an Icking und seinem Gymnasium vorbeigegangen ist: die Nazi-Diktatur.

Erst in jüngster Zeit sind in der Region und insbesondere in Icking vermehrt Hinterlassenschaften des NS-Regimes ans Licht gekommen, etwa bei den Straßennamen. Der zentrale Ickinger "Wenzberg" etwa, der nach dem Architekten und Nationalsozialisten Paul Wenz und dessen Familie benannt ist, forderte Politik und Gesellschaft heraus, seit 2017 dessen Verstrickungen im Nationalsozialismus bekannt geworden sind. Der Forderung nach einer Umbenennung folgte eine Anwohnerbefragung, in der sich die Mehrheit der Bürger eine Beibehaltung des Namens wünschte. Doch der öffentliche Druck nahm zu, und so formierte sich ein Arbeitskreis, der sich des Themas in einem breiteren Kontext annehmen sollte: als Aufarbeitung aller Ickinger Straßennamensgeber, die in der NS-Zeit lebten. Am Ende folgte der damalige Gemeinderat der Empfehlung des Arbeitskreises: Die betreffenden Straßennamen erhielten eine Hinweistafel sowie einen QR-Code, über den seither weitere Informationen mit dem Smartphone abgerufen werden können.

Just in diese Zeit der Debatte fiel im Gemeinderat ein anderer, signifikanter Beschluss: dass die Gemeinde die Akten des örtlichen Gymnasiums von seinen Anfängen 1922 bis 1967 in ihr Archiv übernehmen sollte. Mit dieser Entscheidung retteten die Gremiumsmitglieder die Unterlagen vor dem Schredder. Die Schule selbst brauchte den Platz, und das Staatsarchiv München hatte die Übernahme der Aufzeichnungen abgelehnt. Doch ihre Vernichtung wäre für die Gemeindearchivare Peter Schweiger (PWG) und Claudia Roederstein (UBI) "ein historischer Frevel" gewesen, wie sie damals erklärten. Denn die Geschichte dieser Schule sei "eine Geschichte parallel zum Zeitgeschehen und sagenhaft spannend", sagten sie.

Dass es hier neben viel Positivem, von der Gründung einer Schule durch einem Elterninitiative bis hin zu ihrem heute erstklassigen Ruf, eben auch dunkle Kapitel gab, verschweigt die nun aufgelegte, 332 Seiten starke Festschrift nicht.

1923 erlaubten die Genehmigungsbehörden den Schulbetrieb, damals mit dem Namen "Private Höhere Unterrichtsanstalt des Elternvereins Icking e.V.". Fast zwanzig Jahre sollten vergehen, bis sich die Bezeichnung der Lehranstalt änderte. "Es waren die dunkelsten Jahre in der Geschichte unseres Landes, deren Wolken auch die Schule überschatteten", heißt es in der Chronik. Dies werde aus den Aufzeichnungen, die im Ickinger Gemeindearchiv vorliegen und dort einzusehen sind, ersichtlich. Die Chronik zitiert etwa ein Schreiben der "Privaten Höheren Unterrichtsanstalt" von 1939 an das Kultusministerium. "Dementsprechend war nach der Machtergreifung die Schule eine der ersten, die das Recht zum Hissen der H.J.-Fahne erhielt, da ihre Schüler 100 Prozent in den Jugendorganisationen erfasst waren", heißt es darin. Und einige Zeilen später: "Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Lehrer in der Partei oder ihren Gliederungen aktive Mitglieder sind."

Ickinger Geschichte: Ein Bild der Schulfamilie 1930/31, als die Welt in Icking noch in Ordnung war. Schon 1936 sollen laut Chonik 90 Prozent der Schüler zum Jungvolk oder zur Hitlerjugend gehört haben. In einem Brief der Schule an das Kultusministerium 1939 steht: "Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Lehrer in der Partei oder ihren Gliederungen aktive Mitglieder sind."

Ein Bild der Schulfamilie 1930/31, als die Welt in Icking noch in Ordnung war. Schon 1936 sollen laut Chonik 90 Prozent der Schüler zum Jungvolk oder zur Hitlerjugend gehört haben. In einem Brief der Schule an das Kultusministerium 1939 steht: "Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Lehrer in der Partei oder ihren Gliederungen aktive Mitglieder sind."

(Foto: Hartmut Pöstges)

Oberstudienrätin Elke Seiser wiederum schreibt, dass sich das Fach Geschichte hier "von Anfang an politisch in die Pflicht nehmen" ließ, "sei es für patriotische Gesinnung und nationale Ressentiments nach dem Versailler Vertrag, sei es für das Bekenntnis zum Nationalsozialismus ab 1933, sei es für die Restauration der Kulturkunde nach dem Zusammenbruch 1946 oder sei es auch für die Ideologiekritik und demokratischen Aufbruch seit den Jahren der Bildungsreform in den Sechzigern". Im Bericht des Schuljahres 1932/1933 etwa sei zu lesen, Kinder, die durch die Ickinger Schule gegangen seien, bräuchten "nicht umzulernen", sie seien "immer auf die christlichen und nationalen Ziele hingewiesen worden". Die Feier zum Reichsgründungstag 1934 und die Verabschiedung der Abiturienten im selben Jahr seien "willkommene Anlässe" gewesen, "um mahnend an die Last des Versailler Vertrags zu erinnern und das Führerprinzip als Ausweg aus dem Parlamentarismus hoch zu halten". Die Anschaffung eines Rundfunkgeräts habe dann laut Jahresbericht auch eine "viel stärkere Teilnahme an den wichtigen Ereignissen des völkischen Lebens" ermöglicht. Die Schüler konnten so laut Seisers Bericht Zeugen der Hitlerreden am 1. Mai 1935 im Berliner Lustgarten werden, ebenso der Eröffnung des Parteitages der NSDAP 1936. Und in jenem Jahr hätten "bereits 90 Prozent der Schüler zum Jungvolk oder zur Hitlerjugend" gehört. Es habe aber, betont die Oberstudienrätin in der Chronik, auch Stimmen gegeben, die selbst in dieser Zeit die bis heute oft betonte Ickinger Toleranz hochgehalten hätten. So schreibe etwa Else Behrendt-Rosenfeld in ihrer Autobiografie: "Um dieser Schule willen hatten wir im Jahre 1934 dieses Dorf als Wohnort gewählt. Unsere Kinder haben dort gute Jahre gehabt, sowohl Lehrer wie Kameraden ließen sie ihre jüdische Rassenzugehörigkeit nicht fühlen."

Alleine diese kurzen, unvollständigen Einblicke lassen den Schluss zu, dass sich in den historischen Akten der Ickinger Schule noch viel verbergen dürfte, das dringend der Aufarbeitung bedarf. Archivar Schweiger betont, dass alleine mit der Sicherung und Erschließung der Akten noch kein Aufarbeiten stattgefunden habe. Dies habe in einem zweiten Schritt zu erfolgen. "Ich halte diesen zweiten Schritt für unbedingt wünschenswert, aber auch erforderlich". Und Claudia Roederstein ergänzt: "Die Vergangenheit darf nie ad acta gelegt werden und sie darf auch nicht ruhen." Nur wer sich vollumfänglich und offen der Vergangenheit stelle, "kann für die Zukunft lernen".

Die Chronik des Ickinger Gymnasiums ist unter anderem in der Gemeinde Icking und bei Feinkost Baumgartner, in Schäftlarn in der Buchhandlung Isartal sowie in Wolfratshausen bei Spielwaren Tausend für 15 Euro erhältlich

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