Süddeutsche Zeitung

Icking:Wer Perlen sucht, muss tauchen ins Meer

Die Ickinger Künstlerin Alinde hat dem Seefahrer Sindbad 22 Hinterglasbilder und ein kleines Büchlein gewidmet

Von Stephanie Schwaderer, Icking

Der Mann ist zu beneiden. Setzt feuerrote Segel und sticht in eine tiefblaue See, fährt einfach drauf los in eine unbekannte Welt, in der ihn Zauberblumen und wilde Kreaturen erwarten, harte Prüfungen, aber auch ungeahnte Schätze. "Sindbad" heißt der legendäre Abenteurer, dem die Ickinger Künstlerin Alinde ihr neues gleichnamiges Büchlein gewidmet hat. Mit 22 Hinterglasbildern und ebensovielen Reimen lädt es zu einer fantastischen und amüsanten Reise ein.

Alinde Rothenfußer, die als Künstlerin nur bei ihrem Vornamen genannt werden möchte, zeigt sich damit einmal mehr von einer überraschend neuen Seite. Vielen Kunstfreunden dürfte noch ihre jüngste Ausstellung im Hollerhaus in Erinnerung sein: Durch die dichte Reihung zarter Landschaftsimpressionen erzielte sie einen fast meditativen Effekt. Ganz anders "Sindbad". Da haut sie vergnügt auf den Putz, schwelgt in der Farbe und frönt mit Witz und einer Spur fröhlicher Grausamkeit der figürlichen Malerei. Der Seefahrer, zu erkennen an einem knallroten Turban und einer langen Gurken-Nase, kämpft gegen Ungeheuer, vor allem aber gegen die Angst in seiner Brust, er bibbert und bangt, geht zu Boden und wird in die Lüfte gerissen; er findet einen Goldschatz - und verliert ihn gleich wieder, er gibt sich mit Haut und Haar dem Leben hin und wird darüber nicht nur alt, sondern auch weise.

"Ich liebe die Märchen aus 1001 Nacht", sagt die Künstlerin, die im vergangenen Jahr ihren 80. Geburtstag feierte. Als kleines Kind habe sie von ihrem Vater Zigarettenbildchen mit Märchenmotiven geschenkt bekommen. Die habe sie gesammelt und wie einen Schatz gehütet. Sindbad und seine sieben Reisen haben es ihr besonders angetan. "Da steckt so Vieles drin", sagt sie und zitiert aus dem Kopf: "Wer Hohes erstrebt, muss sich mühen auf Erden; wer nach Ruhm verlangt, verbringt die Nächte ohne Schlaf; wer Perlen sucht, muss tauchen ins Meer."

Alinde ist in die alte arabische Erzählung eingetaucht und hat sie in 22 Perlen verwandelt. Neben der Leuchtkraft der Farben - das Ei des Vogels Roch strahlt bei ihr wie eine Supernova - sind es die ungewöhnlichen Perspektiven, die ihren Bildern Kraft verleihen. Etwa wenn ein Riese seine Pranke nach einem schnaufenden kleinen Sindbad ausstreckt, der auf den Betrachter zugerannt kommt. Wie zu jedem Bild hat Alinde zu dieser Szene einen Zweizeiler gereimt: "Ein Riese will den Sindbad greifen, der rennt, dass ihm die Lungen pfeifen." In weniger Worten dürfte dieses Drama nie erzählt worden sein.

Dass die alten Märchen oft grausam sind, nimmt ihnen in Alindes Augen nichts an Bedeutung. Im Gegenteil. Das Büchlein hat sie für ihre Enkel, aber auch für alle anderen Kinder gemacht, die mit Sindbad auf Fahrt gehen wollen. Die Originale hängen in Solln, sind zehn Jahre alt und unverkäuflich.

"Sindbad" ist für 15 Euro in der Wolfratshauser Druckerei Paetzmann zu beziehen, Tel. 08171/16851 oder paetzmanndruck@t-online.de

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Quelle:
SZ vom 21.01.2021
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