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Geschichte im Isartal:Die Reformschule der Villenkolonie

Die Geschichte des Ickinger Gymnasiums

Die Schüler waren stolz auf den Neubau der Schule 1954.

(Foto: Archiv Peter Schweiger/OH, Repro: Hartmut Pöstges)

Nachdem Icking die historischen Papiere zur Gründung des heutigen Gymnasiums im Jahr 1921 gerettet hat, beginnt nun die spannende Auswertung der Schriften. Entstehen soll eine Dokumentation, vielleicht auch eine Ausstellung.

Mit jedem Aktendeckel, der geöffnet wird, wird sich die Geschichte klarer zusammenfügen. Und wenn sich dann auch noch jene verschollene erste Satzung findet, die das Erziehungsprinzip in Worte fasst, wird die Besonderheit des Ickinger Gymnasiums bereits zu seinen Anfängen endlich Schwarz auf Weiß belegbar. Rund 240 Kilo Schülerakten und Verwaltungsdokumente des heutigen Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums, von seinen Anfängen 1922 bis einschließlich 1967, hat Icking kürzlich vor der Vernichtung gerettet. Sie wandern nun ins gemeindliche Archiv, wo sie Ickings Archivar Peter Schweiger unter Mithilfe von Claudia Roederstein sichten, sortieren und dokumentieren wird. Mit Spannung wird erwartet, welche lange gehüteten Geheimnisse sich darin finden. Denn die Zeugnisse, Beurteilungen, Rundschreiben, Jahresberichte und alten Fotografien sind von hohem historischen Wert: "Die Geschichte dieser Schule ist eine Geschichte parallel zum Zeitgeschehen", sagt Roederstein.

Gegründet wurde das seit 1960 staatliche Ickinger Gymnasium 1921 durch die private Initiative von Eltern - in einer Zeit, in der die meisten Heranwachsenden in Bayern von Lehrern noch per Tatzenstecken oder Rohrstock gezüchtigt wurden. Sogar Jahrzehnte später, in den 1950er-Jahren, mussten Schüler körperliche Strafen fürchten. "In der Wolfratshauser Volksschule zum Beispiel wurde noch kräftig davon Gebrauch gemacht", erinnert sich Schweiger. Drei Jahrzehnte zuvor aber hatten sich im Isartal bereits Eltern zusammengetan, um Neues zu wagen.

Die Geschichte des Ickinger Gymnasiums

KLasse 2a von 1954; Der heutige Archivar der Gemeinde, Peter Schweiger, ist vorne zu sehen, 1. Reihe, 4.v.li.

(Foto: Archiv Peter Schweiger/OH, Repro: Hartmut Pöstges)

"Eine Vorstellung von Freiheit, einer humanen Gesellschaft und humanistischer Bildung"

Sie wollten ihren Kindern eine Schule bieten, die sie mit einem menschlich-respektvollen Umgang werteorientiert bildet, ohne körperliche Züchtigung. "Es gab da diese Vorstellung von Freiheit, von einer humanen Gesellschaft und humanistischer Bildung", so erzählt Schweiger. Mit diesem fast schon anthropologischen Ansatz lagen sie im Trend der Zeit: In den 1920er-Jahren kam es bundesweit zu Reformen, Talente und Begabungen der Kinder sollten mehr in den Fokus der Förderung rücken.

Ickinger Schule - Baracke von 1950

Da packten die Schüler noch selbst mit an: Am Ickinger Ichoring wurden sie erst in einem Holzbau, später in der Bullrich-Villa unterrichtet.

(Foto: Archiv Peter Schweiger/OH, Repro: Hartmut Pöstges)

Seit dem Bau der Isartalbahn und dem großflächigen Verkauf von Bauland durch den Unternehmer Ludwig Dürr war die Einwohnerzahl Ickings stark angestiegen. Damit erhöhte sich auch der Bedarf an Schulplätzen. Um das Jahr 1920 holte deshalb der Leiter des Kindersanatoriums in Ebenhausen den Volksschullehrer Alfred Vogel ins Haus, der wenig später auch als Privatlehrer für Ickinger Kinder fungierte. 1921 taten sich schließlich Eltern zusammen, um eine "private Mittelschule" zu gründen, die Alfred Vogel leitete. "Die Schule wurde also aus der Mitte der Bürgerschaft heraus gegründet. Und diese setzte sich zusammen aus Städtern, Bildungsbürgern und Künstlern", sagt Schweiger. Die Schriftsteller D.H. Lawrence und Rainer Maria Rilke waren zum Beispiel dort, auch die Maler Karl Wilhelm Diefenbach und Erich Erler oder die Frauenrechtlerin Anita Augspurg. "Hier im Isartal hat ein relativ freies, wenig spießiges Leben stattgefunden", sagt der Archivar. "Diese Menschen hatten andere Lebenskonzepte - und das floss auch ein in die Vorstellung, wie ihre Kinder erzogen werden sollten." Die damaligen Eltern hätten also nicht eine eigene Schule gegründet, "weil es bequemer war, sondern weil dahinter eine entsprechende Philosophie stand." Auch heute noch wird dort Schülerinnen und Schülern früh Verantwortung übertragen, "um sie zu starken, wertebewussten und aktiven Mitgliedern unserer Gesellschaft werden zu lassen", heißt es in der Broschüre des Gymnasiums. Doch die erste Satzung, die diesen bis heute gültige Wertekodex belegt, ist bis heute verschollen. Schweiger hofft, sie nun in den Akten finden zu können.

Ein bislang dunkel gewähntes Kapitel der Schule, nämlich eine spätere, von NS-Gedankengut geprägte Schulsatzung, konnte inzwischen als nicht existent belegt werden: Im Zuge der Recherchen zum Wenzberg hatten die Historiker Marita Krauss und Erich Kasberger diese im Staatsarchiv gesucht - vergeblich. Dass eine solche Satzung überhaupt existiert haben soll, hatte Martin Heinninghaußen in seiner Chronik "Ickinger Schul-Jahre" behauptet. Auch das Ehepaar Wenz war als Mitglied des Elternbeirats am Aufbau der Ickinger Privatschule beteiligt. Die "völkische Einstellung", die laut Henninghaußen daraufhin das Schulleben geprägt haben soll, ist nach Angaben der Historiker "nicht belegbar und auch nicht wahrscheinlich".

Icking - Die Bullrich-Villa , in der Schüler unterrichtet wurden

Icking - Die Bullrich-Villa , in der Schüler unterrichtet wurden Icking

(Foto: Archiv Peter Schweiger/OH, Repro: Hartmut Pöstges)

Die Baracken waren primitiv, aber es funktionierte

Fand der Unterricht im Gründungsjahr noch im ehemaligen Café Rest am Isarweg statt, wurden in den folgenden Jahren zuerst ein Holzbau am heutigen Ichoring und später die sogenannte "Bullrich-Villa" als Schulgebäude genutzt. Die Privatschule mit ihrem werteorientierten Konzept erfreute sich immer größerer Beliebtheit, so dass in den 1950er Jahren drei Behelfsbaracken nötig wurden. Schweiger erlebte sein erstes Ickinger Schuljahr in einer dieser Baracken: "Sie waren mit Kanonenöfen beheizt, die Fußböden hatten zentimeterdicke Ritzen und da hat es vielleicht durchgepfiffen. Primitiv, aber es hat funktioniert", schmunzelt er heute. Schon 1954 wurde das neue, bis heute genutzte Gebäude an der Ulrichstraße eingeweiht. "Das war ein Fest", erinnert sich Schweiger. Mit einer Parade feierten Schüler und Lehrer den Umzug.

Der Archivar ist davon überzeugt, dass sich in den kürzlich geborgenen Akten noch spannende Geschichten verbergen. Aus Datenschutzgründen dürfen diese aber nur von den Betreffenden respektive deren Verwandten eingesehen werden. Mal eben nachschlagen, was für ein Schüler der Nachbar war, ist also nicht möglich. In seine eigene Akte aber hat Schweiger bereits einen kurzen Blick riskiert. Darin fand er zu seiner Überraschung einen Brief von seiner Mutter, noch in Sütterlin geschrieben, weil ihn ein Mitschüler verprügelt hatte. "Daran kann ich mich gar nicht erinnern", sagt Schweiger. Wer es war und wie die Sache ausging, ist nicht dokumentiert. Klar ist aber, dass spätestens in einem Jahr die kompletten Aktenstapel zur Schulgeschichte aufgearbeitet sein sollen. Bis zur offiziellen Hundertjahrfeier der Schulgründung 2021 soll schließlich eine Dokumentation entstehen, "eventuell sogar eine Ausstellung über diese Schule, die einfach etwas Besonderes ist", sagt Schweiger.

© SZ vom 10.03.2018/aip

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