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Icking:Geothermiebohrung beginnt im Juni

Ende Mai wird der etwa 60 Meter hohe Bohrturm an der Baustelle nahe dem Ortsteil Attenhausen aufgebaut.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit dem größten Projekt seiner Art soll der Landkreis bereits Mitte 2020 energieautark werden können. Doch Ickinger fürchten die Begleitumstände der Anlage - der Geschäftsführer erklärt die Auswirkungen.

Es ist das größte Geothermieprojekt in Deutschland, das derzeit in der kleinen Isartalgemeinde Icking geplant wird. Nun steht für den Beginn der Bohrung ein Termin fest: Ende Mai wird der etwa 60 Meter hohe Bohrturm an der Baustelle nahe des Ortsteils Attenhausen aufgebaut, von Juni an beginnt dann die Suche nach dem heißen Wasser in den Tiefen des "Claim Höhenrain", wie das Areal offiziell heißt. Doch noch immer wirft das Großprojekt viele Fragen auf. Im Gespräch mit der SZ erklärt der Geschäftsführer der Projektgesellschaft Erdwärme Isar, Markus Wiendieck, seine Beweggründe und die Auswirkungen der Anlage.

"Unser Ziel ist es, regenerative Energien zu forcieren, und zwar solche, die grundlastfähig sind", sagt der 54-jährige Geschäftsführer sowohl der Erdwärme Bayern, Eigentümerin des Claims Höhenrain, als auch der Tochtergesellschaft Erdwärme Isar. Wiendieck sieht hier eine Lücke, insbesondere dann, wenn Atomkraftwerke abgeschaltet werden und Stromtrassen aus Norddeutschland noch nicht stehen. Mit der Ickinger Anlage könnten die Ziele der Energiewende, bis 2035 energieautark zu sein, "mit einem Schlag erreicht werden". Denn mit der erhofften Leistung von 30 Megawatt ließen sich bis zu 50 000 Haushalte mit Strom versorgen. Anders gesagt: Bis zu 25 Prozent des landkreisweiten Strombedarfs könnten durch die Ickinger Geothermieanlage gedeckt werden, einschließlich der Industrie, und das bereits von Mitte 2020 an.

Ob diese Zahlen auch realistisch sind, wird die sogenannte Produktionsbohrung, also der erste Vorstoß in die Tiefe von ungefähr 4000 Metern, zeigen. Nach etwa vier bis fünf Monaten erwartet Wiendieck das Ergebnis. Das Maß für Erfolg oder Misserfolg ist eine Mischung aus Schüttung und Temperatur. Es gebe Projekte, die mit 80 bis 90 Liter pro Sekunde operieren, "da wären wir ehrlich gesagt aber enttäuscht", sagt der Geschäftsführer. "Wir hoffen, dass es gut über 100 Liter werden mit einer Temperatur um die 150 Grad Celsius." Dass die Anlage zukünftig auch Wärme liefern könnte, schließt Wiendieck nicht aus. "Ein Fernwärmenetz bauen und betreiben werden wir aber nicht - wir könnten nur Wärme liefern als Großhändler." Als Abnehmer käme Wolfratshausen infrage, vielleicht sogar im Verbund mit Geretsried.

Dass aber ausgerechnet im nahegelegenen Gelting kürzlich ein Geothermieprojekt an mangelndem Heißwasser scheiterte, habe der Erdwärme Isar große Sorgen bereitet. "Schockstarre" beschreibt es Wiendieck, zumal zu diesem Zeitpunkt bereits der finnische Großinvestor Taaleri an Bord war, der laut Pressemitteilung des Unternehmens 160 Millionen Euro in das Projekt investiert. Man habe daraufhin die Daten der Geltinger Bohrung sorgfältig analysiert, um zu verstehen, warum sie nicht fündig wurden. "Wir gehen inzwischen von einem lokalen Phänomen aus, die Gesteinsklüfte waren mit schwarzen Substanzen verstopft", erklärt der Diplom-Geologe Winfried Büchl, Leiter der Geowissenschaften bei der Erdwärme Bayern. Ein paar hundert Meter weiter hätte es schon anders ausgesehen, ist Büchl überzeugt. "Wir gehen davon aus, dass es uns nicht betrifft, weil Höhenrain doch einige Kilometer entfernt ist". Es bleibe aber ein Restrisiko.

Werde auch bei ihnen die erste Bohrung ein Misserfolg, gebe es drei Möglichkeiten: Entweder sprechen die Ergebnisse für einen weiteren Versuch, eine Stadt oder eine Gesellschaft könnte es als reines Wärmeprojekt übernehmen, wenn die Temperatur stimme, nicht aber die Menge, oder aber das Projekt wird abgebrochen und die Anlage rückgebaut. Sind Schüttung und Temperatur hingegen gut, folgen bei Attenhausen eine zweite und dritte Bohrung - nicht, um das Risiko zu streuen, sondern um möglichst viel herauszuholen. Das heiße Wasser soll dann im Kraftwerk ein Arbeitsmittel in einem geschlossenen Kreislauf verdampfen lassen. Dieser Dampf treibt eine Turbine an, hinter der ein Generator den Strom erzeugt. Weil das Arbeitsmittel anschließend wieder verflüssigt werden muss, wird es mittels Lüfteranlagen gekühlt. Diese Lüfteranlagen bereiten jedoch Anwohnern Sorge. Die Lärmemission soll jedoch durch den Standort ("halb Feld, halb Wald") sowie durch einen begrünten Wall minimiert werden. Die Gemeinde Icking arbeitet derzeit daran, einen Bebauungsplan für das Gebiet aufzustellen, um die Anwohner zu schützen. Dass die vorausgehende Bohrung an sich lärmen wird, gibt Wiendieck zu. "Aber ob es lauter wird als die nahe Autobahn, das bezweifle ich." Der Gefahr von Erderschütterungen will die Erdwärme Isar durch seismische Messungen vorbeugen. Sollte es dennoch zu Beben kommen, haftet die Eigentümerin der Geothermieanlage.

Auch der Baustellenverkehr wird in der Kommune und unter Anwohnern heftig diskutiert. Nach der Intervention von Bau- und Verkehrsministerin Ilse Aigner dürfen nun allerdings alle Lastwagen über elf Tonnen die Ausfahrt an der Raststätte Höhenrain nehmen. Auch für den zweiten Bohrplatz, an dem das heiße Wasser wieder zurück in die Tiefe injiziert werden soll und der etwa zwei Kilometer nördlich der Attenhauser Bohrstelle bei Walchstadt liegt, werde der Verkehr nicht durch den Ortsteil fahren, versichert Wiendieck. Hierzu werde ebenfalls ein Weg von der A 95 ab genutzt.

Mit der Bohrung würden auch keine gefährlichen Chemikalien eingetragen, betont der Geschäftsführer. Da es sich um eine Wasserbohrung handle, bei der das Gestein nach oben gespült werde, dürfe das Wasser lediglich Ton, Pottasche und Stärke beinhalten, um es tragfähiger zu machen. Offen ist laut Wiendieck nurmehr die Frage nach dem Verlauf der Stromtrasse. "Grundsätzlich wird sie in Richtung Wolfratshausen verlaufen, aber nicht über Land."

© SZ vom 02.05.2018

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