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Icking:Braune Schatten

Soll Gerd Jakobi Ehrenbürger werden? Die Frage muss jetzt wohl neu gestellt werden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Verwirrung um eine vermeintlich anhaltende Ehrenbürgerschaft des NS-Reichsstatthalters Franz Ritter von Epp verhindert in Icking die Auszeichnung des SPD-Urgesteins Gerd Jakobi

Von Susanne Hauck und Florian Zick

Die Ehrenbürgerschaft ist die höchste Anerkennung, die eine Kommune zu vergeben hat. Gerd Jakobi, früherer Gemeinderat, langjähriger Herausgeber des "Ickinger Schaukastens" und Grandseigneur des SPD-Ortsvereins, wäre da genau der Richtige - so dachten zumindest seine Genossen in der Isartalgemeinde. Die Mehrheit des Gemeinderats wollte Jakobi diese Anerkennung allerdings nicht zuteil werden lassen. Ein Grund dafür: Mit Franz Ritter von Epp sei noch immer ein bekannter Nationalsozialist Ehrenbürger der Gemeinde, so Archivar und Gemeinderat Peter Schweiger (PWG). "Ich habe Zweifel, ob es im Interesse von Jakobi ist, sich als aufrechter Sozialdemokrat in eine Reihe mit einem waschechten Nationalsozialisten zu stellen", so Schweiger.

In der Isartalgemeinde hat diese Enthüllung in den vergangenen Tagen für einigen Aufruhr gesorgt. "Ich bin immer dafür, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen", sagt Beatrice Wagner, die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins. Schon beim Wenzberg vor drei Jahren sei das nicht gut gelaufen. Damals war eine Debatte um die NS-Vergangenheit des Architekten Paul Wenz entbrannt. Dieser wurde letztlich aber nur als Mitläufer eingestuft, der Straßenname blieb. Nun also die Sache mit Franz Ritter von Epp.

Der von Adolf Hitler zum bayerischen Reichsstatthalter ernannte Epp habe 1934 die Ehrenbürgerwürde der Gemeinde erhalten, so Schweiger auf SZ-Nachfrage - ein bei Nazi-Größen und Wegbereitern des "Dritten Reichs" damals üblicher Vorgang. Epp hat eine große Rolle beim berüchtigten Kapp-Putsch gespielt sowie bei der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik. Trotz seines Titels habe er aber nicht viel gegolten, sagt Schweiger. So hätten die Münchner zum Spaß vor seinen Namen noch den Buchstaben "D" gesetzt.

Doch so gering geschätzt Epp offenbar war, so wenig möchte man so eine obskure Gestalt natürlich in einer örtlichen Ehrenbürgergalerie haben. Bei den Grünen war man deshalb der Ansicht, dass die Angelegenheit schnellstens aufgearbeitet werden muss. "Gut, dass wir jetzt nachschauen, wer bei uns alles in der Ehrengalerie steht", sagt Laura von Beckerath-Leismüller. Denn jetzt einfach niemanden mehr zum Ehrenbürger zu ernennen, weil er sich dann in schlechter Gesellschaft befände, "das wäre schade", so Leismüller.

Man könnte auch versuchen, die Ickinger Ehrenbürgerschaft aufzupolieren, indem man dem dunklen Teil ganz viele honorable Persönlichkeiten entgegenstellt, schlug SPD-Chefin Beatrice Wagner vor. Dass das Parteiurgestein Gerd Jakobi im Gemeinderat keine Anerkennung gefunden habe, bedauere sie jedenfalls außerordentlich. Und in den vergangenen Jahrzehnten habe es in Icking schließlich auch noch genügend andere verdiente Personen gegeben, um die Ehrenbürgerwürde wieder aufzuwerten.

Tatsächlich ist in Icking seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kein neuer Ehrenbürger mehr ernannt worden. Die Gemeinde hat engagierte Bürger anderweitig ausgezeichnet, etwa mit der über das Innenministerium verliehenen Ehrenmedaille. Wer überhaupt noch auf der kommunalen Ehrenbürgerliste steht, "das war mir vor der Sitzung am Montag in der Form auch nicht bewusst", sagt Bürgermeisterin Verena Reithmann (Unabhängige Bürgerliste Icking) noch am Donnerstagmittag. Die Rathaus-Chefin ließ das Thema dann den Tag über aber nicht mehr los. Schon bei Debatte um den Wenzberg hatte Reithmann - damals noch als einfache Gemeinderätin - die Position vertreten, dass eine Person mit NS-Vergangenheit nicht mit einem Straßennamen geehrt werden könne. Am Nachmittag förderte Reithmann dann jedenfalls einen Beschluss des Gemeinderats aus dem Jahr 2014 zu Tage. Darin heißt es: "Der Gemeinderat Icking distanziert sich von jeglicher Ehrung von Politikern des Dritten Reiches und erkennt Adolf Hitler, Adolf Wagner, Paul von Hindenburg sowie Ritter Franz von Epp nachträglich die Ehrenbürgerrechte ab."

Archivar Schweiger habe sich mit seiner Einschätzung vermutlich geirrt, sagt Reithmann. Die Liste der Ickinger Ehrenbürger sei damit seit 2014 offiziell leer. Damit bleibt der Gemeinde ein ähnlicher Skandal erspart, wie er sich vor einigen Jahren in Dietramszell abgespielt hat. Die dortigen Gemeinderäte hatten viel Kritik und Spott einstecken müssen, weil sie sich im Fall Paul von Hindenburg zunächst darauf berufen hatten, dass die Würdigung automatisch mit dem Tod endet.

© SZ vom 30.10.2020
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