„Ich bitte, die bei Ihnen fünf K.Z.-Leute (Russen) auch mit Brot zu versorgen“, wandte sich der damalige Ickinger Bürgermeister Ende Mai 1945 in etwas ungelenkem Deutsch an den Gutsbesitzer von Wadlhausen. Denn das Grundnahrungsmittel Brot war in der Gemeinde nicht mehr zu bekommen. Zwei Wochen später klang sein Ton noch verzweifelter. In seinem Schreiben an das Ernährungsamt in Bad Tölz heißt es: „Die Gemeinde verfügt über keinerlei Kartoffeln mehr und ich bitte zur Verpflegung der K.Z. und Fremdländer um sofortige Zuweisung eines größeren Quantums, benötigt werden täglich fünf Zentner.“
Diese wenigen Zeilen fassen die katastrophale Lage nach Kriegsende zusammen. Unversehens hatten die Dörfer und Städte doppelt so viele Einwohner wie zuvor: Im Icking etwa lebten nun 1700 statt 800 Menschen. Halb verhungerte Überlebende des Todesmarsches, ehemalige Zwangsarbeiter, ausgebombte Münchner, Flüchtlinge und Heimatvertriebene. Alle mussten ernährt, untergebracht und versorgt werden.

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An diese entbehrungsreichen Jahre erinnert nun eine neue Ausstellung im Ickinger Rathaus. „Es ist ein Vorurteil, dass hier am Land alles ruhig verlief“, sagt Claudia Roederstein, zweite Bürgermeisterin und Archivarin der Gemeinde. Sie hat die Ausstellung initiiert und damit einem Aufruf des Landratsamts Bad Tölz-Wolfratshausen Folge geleistet. Unter dem Motto „80 Jahre Kriegsende und Neubeginn“ beteiligt sich Icking an einer landkreisweiten Erinnerungsinitiative. Ein Dreivierteljahr lang sichtete Roederstein vergilbte Akten, sprach mit Zeitzeugen und trug Geschichten zusammen.
Wie turbulent diese Zeit war, zeigen die Dokumente eindrucksvoll. Die Amerikaner waren einmarschiert, beschlagnahmten Häuser als Wohnquartiere und Wiesen als Abstellflächen für Armeefahrzeuge. Anfangs kam es zu Plünderungen durch ehemalige KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, die durch die Dörfer zogen und in ihrer Not sogar das Leder von den Turngeräten in der Schule mitnahmen. „Die Einheimischen warnten sich gegenseitig, indem sie mit Kochtöpfen klapperten, wenn KZ-Häftlinge kamen“, heißt es in den Erinnerungen von Zeitzeugen.

Bald aber wandelte sich das anarchische Chaos in durch die Amerikaner organisierte Hilfe: Im nahen Föhrenwald bei Wolfratshausen entstand ein Lager für mehrere Tausend Displaced Persons, Überlebende des Holocaust. Für jene Menschen, die alles verloren hatten, wurden in der Bevölkerung lebensnotwendige Güter wie Holz, Bettzeug, Möbel und Kleidung beschlagnahmt, die Bauern mussten Lebensmittel stellen. Maßnahmen, die bald an ihre Grenzen stießen: So entschuldigt sich die Ickinger Verwaltung, nur in begrenztem Umfang Kleidung abgeben zu können, „da in der Gemeinde bereits 120 russische K.Z.-Häftlinge eingekleidet wurden“.
Die amerikanische Militärregierung ordnete an, dass der Landkreis bis Ende 1945 unter anderem 250 Bettstellen, 70 Kinderbadewannen, 70 Wiegen, 50 Fingerhüte, 50 Metermaße, zehn Bügeleisen und fünf Nähmaschinen an Föhrenwald abzugeben hatte. In den Listen steht genau, welcher Haushalt was gab – von der Matratze über den Rodelschlitten bis zur Glühbirne. Auch für die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen wurde gesammelt, die Ausgabe von jedem einzelnen Suppenlöffel akribisch vermerkt und nur gegen Unterschrift ausgehändigt.
Unter den Empfängern taucht auch ein prominenter Name auf: Max Kimmich, Filmregisseur und Ehemann von Maria Goebbels, der jüngeren Schwester des Reichspropagandaministers. Das Paar war unter falschem Namen von Berlin nach Mörlbach bei Icking geflüchtet und lebte dort zunächst unentdeckt auf einem Bauernhof, wurde aber 1946 von den Amerikanern aufgespürt und mehrfach verhört. Weil beide keine NSDAP-Mitglieder waren, blieben sie unbehelligt und zogen nach der Besatzungszeit nach Icking, wo Kimmich bis in die 1980er-Jahre wohnte.


Auch die politische Vergangenheit der Gemeinde spart die Ausstellung nicht aus. „Es gab Licht und Schatten, wie überall“, sagt Roederstein. Der damalige Bürgermeister Johann Pischeltsrieder war zwar formell bei der NSDAP, schützte aber die Juden im Ort vor der Verfolgung. Nach Kriegsende musste er im Juli 1945 gehen, wurde entlastet und drei Jahre später wiedergewählt. Andere blieben fanatisch bis zuletzt: Volksschullehrerin Hanna Bachthaler verteilte Watschen an Kinder, die den „Hitlergruß“ nicht mehr machten.
Doch die politischen Fragen waren zweitrangig neben der Ernährung. „Das wichtigste Thema war Essen finden“, so Roederstein. In Holzen gab es ein Barackenlager für rund hundert Flüchtlinge aus dem Sudetenland. Die Kinder waren abgemagert, kamen teils barfuß zur Schule. Die Lehrer führten Gewichtslisten, bei einem Mädchen steht mit Ausrufezeichen: „Sehr schwach!“ Um wenigstens etwas zu helfen, wurden Schulspeisungen eingeführt. Ob Erbsmehlsuppe oder Grießbrei, die Hauptzutat war stets Wasser, angereichert wahlweise mit Trockenzwiebeln, Trockenei oder Magermilchpulver, rund 300 Kalorien pro Portion.

Die Ausstellung zeigt nicht nur das Elend nach dem Zusammenbruch, sondern auch den langsamen Wiederaufbau mit alten Fotos, Originaldokumenten und Erinnerungen von Zeitzeugen wie Micaela Händel, Leonhard Rieger oder Gisela Sedlmeyer, die damals Kinder waren. Eine Zettelbox lädt Besucherinnen und Besucher ein, eigene Erinnerungen oder persönliche Erlebnisse beizusteuern. Dazu hängen alte Klassenfotos aus der Behelfsschule in Holzen aus. „Vielleicht erkennt jemand unter den Schülern von damals ein vertrautes Gesicht“, wünscht sich Roederstein.
Die Ausstellung „80 Jahre Kriegsende und Neubeginn“ wird am Donnerstag, 13. November, um 18.30 Uhr im Rathaus Icking eröffnet. Sie ist während der Öffnungszeiten des Rathauses bis Mitte Februar zu sehen.

