ProfanisierungEin neues Leben für die Auferstehungskirche

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Was wird aus der evangelischen Auferstehungskirche in Icking? Die Frage beschäftigt nicht nur Protestanten am Ort.
Was wird aus der evangelischen Auferstehungskirche in Icking? Die Frage beschäftigt nicht nur Protestanten am Ort. (Foto: Hartmut Pöstges)

Nach der Schließung der evangelischen Kirche in Icking diskutieren Gemeindemitglieder über Erhalt oder Abriss und neue Ideen, die vom Altersheim bis zur Bibliothek reichen. Dass die Umnutzung eines sakralen Gebäudes kein Selbstläufer ist, wird an diesem Abend deutlich.

Von Susanne Hauck, Icking

Die Glocken sind verstummt, die Liedtafeln leer: Die evangelische Auferstehungskirche in Icking ist seit einem Jahr geschlossen. Nach der katholischen Kirche Sankt Benedikt in Ebenhausen-Schäftlarn und der evangelischen Versöhnungskirche in Geretsried ist es schon das dritte Gotteshaus im Isartal, das innerhalb weniger Jahre seine liturgische Funktion verliert.

Die Gründe sind nicht neu: Den beiden großen christlichen Kirchen laufen die Mitglieder davon, damit brechen die Steuereinnahmen weg. Das macht die Instandhaltung der Gebäude immer schwieriger. In Deutschland gibt es rund 44 000 Kirchenhäuser. Es heißt, dass jedes dritte langfristig bedroht ist.

Rational ist diese Entwicklung verständlich. Emotional trifft sie die Menschen unvorbereitet. Denn auch wenn sonntags kaum noch jemand zum Gottesdienst kommt, ist die Kirche für die meisten Menschen ein Stück Identität, das von einem Ort nicht wegzudenken ist. Die Ickinger Auferstehungskirche mit ihren schönen Glasmosaik-Fenstern und dem begrünten Innenhof wurde vom Kirchenbau-Architekten Franz Lichtblau entworfen und 1966 geweiht. Was aus ihr werden soll, darüber diskutierten kürzlich rund 70 Gemeindemitglieder in einer von der evangelischen Kirchengemeinde veranstalteten Bürgerwerkstatt.

Gleich zu Beginn machte Pfarrerin Elke Soellner unmissverständlich klar, dass die Landeskirche die Kirchengemeinde vor die Entscheidung gestellt habe, eine von zwei Kirchenstandorten aufzugeben. Die Wahl fiel auf Icking. Künftig soll sich alles auf die Heilandskirche in Ebenhausen konzentrieren. Dorthin und in die dringend notwendige Sanierung sollen die Einnahmen aus dem geplanten Verkauf des Ickinger Geländes fließen.

Die Gemeinde will nicht als Retterin in der Not einspringen

„Es wird ein Investor gesucht“, redete Wolfgang Hailer nicht lange um den heißen Brei herum.  Der Vertreter vom evangelischen Kirchenamt München moderierte den Abend und begleitet den Transformationsprozess. Die Gemeinde Icking ist es jedenfalls nicht, die als Retterin in der Not einspringen wird. „Unsere finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt“, machte Bürgermeisterin Verena Reithmann (Unabhängige Bürgerliste Icking) solche Hoffnungen zunichte. Die kleine Kommune muss derzeit den Bau der neuen Grundschulturnhalle stemmen.

Nicht alle Anwesenden fühlten sich vom angekündigten offenen Dialog mitgenommen. Die Ickingerin Micaela Händel kritisierte, dass die Entscheidung für einen Verkauf ohne echte Mitsprache gefallen sei. „Es darf nicht nur ums Geld gehen“, sagte sie. „Icking ist eine wohlhabende Gemeinde, man könnte eine Stiftung gründen.“ Sie warnte davor, einen öffentlichen Ort wie eine Kirche leichtfertig in private Hände wegzugeben.

Pfarrerin Elke Soellner will ihre Tätigkeit künftig auf die Heilandskirche in Ebenhausen konzentrieren.
Pfarrerin Elke Soellner will ihre Tätigkeit künftig auf die Heilandskirche in Ebenhausen konzentrieren. (Foto: Privat)

Ein konkretes Nutzungsprojekt stellte der Ickinger Architekturstudent Antonius Viehmann im Rahmen seiner Masterarbeit vor. Per Videobotschaft schlug er vor, rund um das Kirchengebäude kleine und größere Wohnungen für Alt und Jung zu schaffen, ergänzt von einem Tagescafé im Gemeindehaus. Kein Altenheim, sondern ein Ort des „Zusammenalterns“.  Die Kirche selbst würde in ein kulturelles Zentrum mit Bibliothek und Veranstaltungsraum umgewandelt. Für Viehmann ist das die Chance auf einen lebendigen Ortskern für den Villenort Icking, der unschön von der B11 zerschnitten wird.

Dass Icking bezahlbare Wohnungen und Seniorenapartments gut brauchen könnte, darin waren sich viele der Anwesenden einig, die ihre Wünsche auf Zettel an die Pinnwand steckten. Dort landeten aber auch andere Ideen für die Umnutzung: Yoga-Zentrum, Jugendcafé „mit Billard“ oder Probenräume für die Musikschule und die Vereine.

Abriss oder nicht? Das ist der größte Streitpunkt

Die größte Streitpunkt aber war die Frage, ob die Kirche abgerissen werden soll oder nicht. Während sich viele für den Erhalt aussprachen, gab es radikale Einzelstimmen, die Platz für etwas Neues wollten. „Was in Icking fehlt, ist ein gutes, modernes Altersheim“, fand etwa Traudl Bergau. Das sei sinnvoller, als sich an alte Formen zu klammern. Wieder andere wollen beides: den Charakter des Ortes bewahren, aber funktional neu denken. Ein reines Seniorenheim sei zu kurz gedacht, meint etwa die Ickinger Bürgerinitiative „Wandel Wirkstatt“. Sie will einen Ort für alle Generationen schaffen – mit Begegnung, Kultur und bezahlbarem Wohnraum.

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Auch temporäre Nutzungen sind im Gespräch. Wolfgang Hailer schlug vor, Formate wie Konzerte oder ein Pop-up-Café auszuprobieren. „Denn es ist klar, dass die Kirche mehrere Jahre leer stehen wird“, sagte er. Das ist ein Schicksal, das sie mit den anderen geschlossenen Kirchen der Region teilt. Sankt Benedikt in Ebenhausen, 2023 profaniert, sollte ursprünglich abgerissen werden. Doch dann wurde sie überraschend unter Denkmalschutz gestellt. Seither liegt die Entwicklung auf Eis, Investoren sind von den Nutzungsbeschränkungen abgeschreckt.

Ähnliches gilt für die Versöhnungskirche in Geretsried, die ebenfalls seit Kurzem unter Denkmalschutz steht. Die Ickinger Kirche hingegen unterliegt keinem Schutz. Das schafft Spielräume. Ob und wie sie genutzt werden, wird sich zeigen.

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