Es ist ein frostiger Wintertag am Ickinger Wehr. Schnee bedeckt die Kiesbänke an der Isar. Der Auenbach, ein schmaler künstlicher Seitenarm, plätschert leise durch den verschneiten Wald. Der Bach, der 2016 angelegt wurde, ist nach Ansicht von Karl Probst ein Gewinn für die Artenvielfalt und ein Kompromiss zwischen Naturschutz und Energieerzeugung.
„Dieser Bach wurde als Ausgleich für die höhere Wasserableitung in den Kanal geschaffen“, erklärt der Vorsitzende des Vereins „Rettet die Isar jetzt“ (RDI) bei einem Presse-Spaziergang. Das Unternehmen, welches das Kraftwerk betreibt, hatte 2010 beantragt, die Menge des abgeleiteten Wassers von 80 auf 90 Kubikmeter pro Sekunde zu erhöhen. „Das war für uns nur akzeptabel, wenn ein Ausgleich für die Natur geschaffen wird“, sagt Probst. Die Lösung war der Auenbach, der mit einer Wasserführung von ein bis zwei Kubikmetern pro Sekunde das Ökosystem ergänzt.

Für den Verein „Rettet die Isar jetzt“ zeigt das Projekt beispielhaft, wie ein gelungener Ausgleich zwischen Ökonomie und Ökologie aussehen kann. „Die Naturschutzverbände waren von Anfang an dabei und konnten mitgestalten. Das war wichtig, um eine Lösung zu finden, die für alle Seiten funktioniert“, sagt Probst. Bis heute seien sie zufrieden; Kritik an der Menge und Art der Wassernutzung am Ickinger Wehr höre man vonseiten des Naturschutzes nicht.
Lebensraum für Huchen und Nase
Der neue Seitenarm erstreckt sich über 1,4 Kilometer durch den Auwald und mündet rund 900 Meter unterhalb des Ickinger Wehrs wieder in die Isar. „Die Fließgeschwindigkeit und die verschiedenen Zonen im Bach bieten wertvolle Lebensräume“, sagt Bernhard März, Isarranger vom Landratsamt Bad Tölz. Besonders Fische wie Huchen und Nase profitieren seinen Worten nach vom neuen Lebensraum, der ihnen Schutz und geeignete Laichplätze biete.
März hebt hervor, dass der Auenbach auch für andere Tierarten ein Gewinn sei. „Der Biber hat sich angesiedelt, und wir sehen immer wieder Eisvögel am Bach.“ Als hätte der Vogel zugehört, schießt kurz darauf einer der blau-gefiederten Jäger pfeilschnell an der Gruppe vorbei und setzt sich auf einen Ast am Ufer.
Probst zeigt sich insgesamt zufrieden. Neben dem ökologischen Mehrwert könne der Bach auch zur Bewässerung der Auwälder beitragen und die Dynamik im Flusssystem stärken. Mit dem Auenbach sei der Spagat zwischen wirtschaftlichen Interessen und Naturschutz gelungen. Für Probst hat das Modell Zukunftspotenzial – auch für die anstehende Neukonzessionierung des Walchenseekraftwerks 2030. Ähnlich wie am Ickinger Wehr müsse es auch dort gelingen, einen Ausgleich zwischen Natur und Naturstrom zu finden. „Wasserkraft ist wichtig und vertretbar, wenn die ökologischen Ausgleichsmaßnahmen getroffen werden“, sagt er.

