Auf was kann man sich noch verlassen in dieser Welt? Seit 15 Jahren ermitteln „Hubert und Staller“ und „Hubert ohne Staller“ in Wolfratshausen. Seit 13 Staffeln geraten sie zuverlässig in Kriminalfälle, die ihre Kompetenzen übersteigen. Seit 200 Folgen tragen sie dabei die grünen Polizeiuniformen, die in Bayern vor sieben Jahren durch blaue ersetzt wurden. Jeden Mittwochabend um 18.50 Uhr erklingt im Ersten Deutschen Fernsehen ihre Erkennungsmelodie – und die Fans sind bereit. Kann es etwas Beruhigenderes geben? Ja, es kann. Den Hubert-und/ohne-Staller-Weg in Wolfratshausen. Wer ihn geht, kann getrost abschalten. Nun hat auch er eine Fortsetzung bekommen.
Die neue „Bankerl“-Runde führt durch den Stadtteil Waldram, über gepflegte Bürgersteige durch Wohngebiete bis zum Märchenwald in Farchet und zurück auf dem Isar-Radweg entlang der B11. Die Gefahr, auf Aufsehenerregendes zu stoßen, darf als gering eingeschätzt werden. Auf 4,5 Kilometern gilt es vielmehr, sieben mit QR-Codes versehene Stationen anzusteuern, die zum Rätseln einladen. Wer mitmachen möchte, benötigt die „Mein-Bankerl-WOR-App“. Startpunkt ist das Schaufenster der Sonnen-Apotheke bei der Waldramer Bushaltestelle.


Zur offiziellen Eröffnung hat die Stadt an die Station drei eingeladen: zu einem ausgesprochen langen „Bankerl“ vor dem Schulzentrum Sankt Matthias. Das ist praktisch, weil es an diesem Morgen in Strömen regnet und Stiftungsdirektor Manfred Bugl ein freundlicher Mensch ist. Er öffnet kurzerhand die Mensa für die Pressekonferenz. Der einstige Einsatzort – es handelt sich um das Pflaster vor dem Schulhaus – lässt sich nun durch große Glasscheiben betrachten. Grau liegt es da. Eben dort hat Staller, verkörpert von Helmfried von Lüttichau, vor Jahren einmal einen Warnschuss abgegeben. Da setz di nieder!
Von Lüttichau ist nach Folge 116 ausgestiegen, seither ermittelt Hubert (Christian Tramitz) ohne ihn und mit Reimund Girwidz (Michael Brandner). Die aktuelle Quizfrage lautet: „Wen will Staller mit dem Warnschuss aufhalten?“ Wer die App öffnet, bekommt eine kleine Einleitung und drei Antworten zur Auswahl: drei Jugendliche, einen Villenbesitzer oder die Sekretärin, in die Hubert sich „verguckt“ hat. Ausgedacht haben sich die Fragen und Antworten Stephanie und Michael Hill, die Erfinder der „Mein-Bankerl-App“. In Zusammenarbeit mit der Stadt hatten sie 2020 den ersten Hubert-und/ohne-Staller-Weg konzipiert.
Die App sei fast 17 000 Mal heruntergeladen worden
Den haben ihrer Auskunft nach mittlerweile mehr als 14 000 Fans angetreten. Ins Ziel geschafft hätten es immerhin mehr als 5700. Die App sei fast 17 000 Mal heruntergeladen und im Schnitt mit 4,5 von 5 Sternen bewertet worden. Die Vorabendserie sei „sehr wichtig für uns in Wolfratshausen“, sagt Christiane Sterz vom städtischen Tourismus-Referat. Hubert und Staller seien „ein großes Thema – gleich nach der Flößerei“. Die Fans kämen aus dem deutschsprachigen Raum, vor allem aus Österreich. „Und die wollen Input. Alles wird aufgesaugt.“
Ein Höhepunkt sei der Kaffeeautomat aus den alten Folgen, der nun in der Tourist-Information bestaunt werden könne. (Wer ihn nicht kennt: Er sieht aus wie ein alter Kaffeeautomat.) Drehorte und -termine würden mittlerweile „streng geheim“ gehalten. Der Rundweg durch Waldram habe sich angeboten, da es dort „noch Neues zu entdecken“ gebe.


Tatsächlich hatten Gäste und Spaziergänger in Waldram bislang wohl andere Verbrechen im Sinn als jene, die an Mittwochabenden Heiterkeit in deutschen Wohnzimmern verströmen. Der Wolfratshauser Stadtteil war von den Nazis als Mustersiedlung für Rüstungsarbeiter gebaut worden und diente nach Kriegsende als DP-Lager für Holocaust-Überlebende. Von 1957 an siedelten sich vor allem Heimatvertriebene in Waldram an. Die wichtigste kulturelle Einrichtung ist neben dem Schulzentrum, das Teile der alten Synagoge umfasst, der mit vielen Preisen bedachte Erinnerungsort Badehaus. Wie verträgt sich das mit einem Krimi-Quiz-Rundweg?
„Historische Sachen haben keine Rolle gespielt“, antwortet Christiane Sterz. Etwas anders sieht das Manfred Bugl. „Geschichte ist ein großes Thema bei uns, wir haben viel zu tragen“, sagt der Stiftungsdirektor. Da tue „etwas Leichtes“ gut. „Wir freuen uns.“ Ist er denn ein Hubert-und-Staller-Fan? „Aber sicher!“ Der Beweis: Als Klingelton auf seinem Handy hat er die Titelmelodie installiert.
Wer sich in Waldram künftig eine Urkunde verdienen will, sollte die Krimi-Staffeln zwei, sieben und elf im Kopf haben. Bei der Konzeption des neuen Rundwegs haben Stephanie und Michael Hill weitgehend auf bestehende Sitzbänke zurückgegriffen und Dutzende Serien-Folgen auf Waldramer Flair gescannt. Nicht immer sei das eins zu eins zusammengegangen, räumen die beiden ein. Dann hätten sie versucht, eine Brücke über die einleitenden Texte zu bauen, die via App zu lesen sind.
Eine neue Holzbank wurde eigens vor dem Edeka aufgestellt. Dort geht es um die Folge „Eigentor“ und das „Gasthaus zur Post“. „Was war das Motiv des überführten Wirts?“, lautet die Frage unter einem Szenenfoto, das die Ermittler in einem Raum mit Fenster zeigt. Der Blick von der Bank gleitet über den Supermarkt-Parkplatz. Viele Autos. Welcher Wirt? Hubert wirkt müde, Staller angespannt. Zeit, dass es Mittwochabend wird.

