Auf dem PC-Monitor flimmern lange und kurze Striche in Grün und Rot. Grün, sagt Stephan Baumgartner, zeige die gut reflektierten Flächen, rot dagegen die schlecht reflektierten. Neben dem Bildschirm steht ein rechteckig-flacher Roboter mit offenem Innenleben. Er hat unter anderem einen Lidar-Sensor, ein System, das hochauflösende 3D-Informationen in Echtzeit generiert. Der Roboter sieht also genau das, was auf dem Monitor zu sehen ist. Und wer sich ihm nähert, kann seinen eigenen Körper auf dem Bildschirm erkennen. In Grün und Rot.
Stephan Baumgartner und Elias Kruse, zwei Mechatronik-Studenten der Hochschule München, haben dieses autonome Transport-Fahrzeug entwickelt. Das baue sich selbst eine Karte von seiner Umgebung, so Baumgartner. Und über eine zweite Karte könne es von A nach B navigieren, wobei es „durch die Implementierungen Gegenständen ausweichen kann“. Das System sei „super flexibel“, so Baumgartner. Bei der Einweihung des Technologie- und Innovationszentrums, kurz: Tizio, auf dem Campus Tölz trafen die beiden Studenten bereits auf Interessenten. Ein Landwirt war da, ein anderer stammte aus der Hotelbranche.

Konzerne haben eigene Forschungsabteilungen, mittelständische Betriebe und Start-ups können sich das meist nicht leisten. In Bad Tölz haben sie jetzt die Chance, Tür an Tür mit Wissenschaftlern an gemeinsamen Forschungsprojekten zu arbeiten. Das Tizio solle „eines der erfolgreichsten Technologietransferzentren in Bayern werden“, sagte Martin Leitner, Präsident der Hochschule, bei der Eröffnungsfeier. „Eine hohe Messlatte, aber erreichbar, denn die Voraussetzungen dafür sind hervorragend.“
Mit dem Zentrum zieht die Hochschule in eines von vier Gebäuden auf dem 2,5 Hektar großen Campus Tölz, den Investor Hannspeter Schubert für etwa 20 Millionen Euro gleich neben der Bundesstraße 13 errichtet. Im Tizio wird es vier Labore zu den Themengebieten Automatisierung und Robotik, Additive Fertigung, IoT-Prototypen (Internet der Dinge) sowie Tourismus, Nachhaltigkeit und Lebensqualität geben. „Innovation ist enorm wichtig“, sagte Schubert. „Die Transformation von Unternehmen wird immer wichtiger, und immer weniger Unternehmen wird es erlaubt sein, diese Transformation mit eigenen Kräften umzusetzen.“

Als Partner auf dem Campus bringt die Hochschule München aus Sicht von Präsident Leitner viel mit. Mit fast 20 000 Studierenden und etwa 3500 Absolventen im Jahr sei sie von volkswirtschaftlicher Bedeutung, sagte er. Zudem sei sie mit sechs Instituten und acht Promotionszentren innovationsstark: „Wir sind zu Hause in der angewandten Forschung – also da, wo Forschung nicht um ihrer selbst willen betrieben wird, sondern da, wo Forschung als Innovation auf die Straße kommt.“ Überdies gelte man als eine der erfolgreichsten Gründerhochschulen in Deutschland.
Für Ministerpräsident Markus Söder ist das Tizio ein Teil der Hightech-Agenda Bayern. Die 2019 gestartete, technologiepolitische Initiative des Freistaats ist mit insgesamt 5,5 Milliarden Euro unterfüttert, rund 6,9 Millionen fließen in das Tölzer Zentrum. „Innovation ist kein Selbstläufer“, sagte Söder. Sie sei aber lebenswichtig in einer Zeit, in der „künstliche Intelligenz das Leben nachhaltiger verändern wird als die Dampfmaschine“. Und in einer Welt, in der China mit seinen Produkten billiger und „im Zweifelsfall innovativer“ sei. „Wir müssen uns schon sehr anstrengen“, sagte der Ministerpräsident.

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Dabei kommt es Söder zufolge in Besonderheit auf den Mittelstand an. „Er ist unsere Stärke, aber vor allem, wenn er innovativ ist“, sagte er. Viele Mittelständler seien allerdings nicht so weit, jede Chance zu sehen oder zu nutzen. Durch Zentren wie das Tizio würden sie enorm gestärkt als Teil eines großen Netzwerks, langfristiger Konzeption und einer Überlebensstrategie.

Ein Impulsgeber für das Tizio war der ehemalige CSU-Landtagsabgeordnete Martin Bachhuber. Dies hob Markus Blume hervor. Als die Hightech-Agenda vor sechs Jahren aufgelegt wurde, habe Bachhuber erklärt, „davon muss unbedingt etwas nach Bad Tölz gehen“, erzählte der Minister für Wissenschaft und Kunst. Das Tizio sei nicht ein weiteres von 52 Technologietransferzentren im Freistaat, sondern ein besonderes. Denn dahinter verberge sich die Idee, „wissenschaftliche Exzellenz in den ländlichen Raum zu verlängern“, sagte Blume. Nun brauche man Unternehmen, „die sagen, ich will dabei sein bei additiver Fertigung und Robotik“.
Auf dem Campus Tölz wird es weder einen Studienbetrieb noch Grundlagenforschung geben. Dies stellte Thomas Stumpp, Vizepräsident der Hochschule München, klar. Im Tizio gehe es darum, Technologie und Innovation im Oberland zu stärken. Die Hochschule wolle der regionalen Wirtschaft „mit einer zukunftsweisenden Laborinfrastruktur die Möglichkeit bieten, technologische Fragestellungen mithilfe unserer Maschinen und der sich dahinter verbergenden Expertise zu bearbeiten.“

Im Labor für Robotik und Automatisierung läuft Stumpp zufolge bereits ein gemeinsames Forschungs- und Entwicklungsprojekt, bei dem es um die Überwachung von kritischen Maschinenelementen in der Prozess- und Fördertechnik gehe. Projektpartner sei die Firma Eagle Burgmann aus Wolfratshausen. Das Labor für Tourismus, Nachhaltigkeit und Lebensqualität befasst sich etwa mit Reisen für alleinstehende Frauen, Besucher-Lenkung oder auch New Work, also neuen und flexiblen Arbeitsformen. „Bad Tölz und München sind ein Traum-Städtepaar für diesen Themenkomplex“, sagte Präsident Leitner.
Das Zusammenbringen von Wissenschaft und Wirtschaft war in der Region bisher nicht einfach. „Da haben wir Lehrgeld zahlen müssen“, sagte Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler). Vom Tizio hätten sich die Unternehmen aber angetan gezeigt und versichert, „genau das brauchen wir“. Diese Begeisterung dürfe nun nicht nachlassen, „jetzt geht’s ans Umsetzen“, so Niedermaier. Ähnlich äußerte sich der Tölzer Bürgermeister Ingo Mehner (CSU). „Wir können uns nicht ausruhen und zurücklehnen, wir brauchen Innovation.“
Unternehmer Kilian Willibald vom Wirtschaftsforum Oberland avisierte, dass man sich als Plattform mit Wurzeln in der Region dafür einsetzen wolle, „dass das hier gelingt“. Das Tizio soll indes nicht nur auf dem Campus Tölz zu finden sein. Geplant seien Besuche bei Unternehmen, Workshops für Firmen und Auftritte bei großen Veranstaltungen, kündigte Geschäftsleiterin Ingrid Wildemann-Dominguez an.
Stephan Baumgartner und Elias Kruse planen derweil eine Webseite, über die sie ihren Roboter steuern können. Vielleicht könnte daraus ein eigenes Start-up-werden, hoffen sie. Auf dem Campus Tölz haben sie erst einmal die Chance, alles zu testen. Sie könnten Fehler entdecken und „sehen, was auf uns zukommen kann“, so Baumgartner.

