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Hitzige Debatte in Icking:Streit um Sonnenkraft statt Erdwärme

Auf dieser Fläche hätte Thermalwasser zurück in den Boden geführt werden sollen, nun soll dort eine Freiflächen-Photovoltaikanlage entstehen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Gemeinderäte stimmen mehrheitlich für eine Freiflächen-Photovoltaikanlage am einstigen Geothermie-Standort. Einige sehen darin jedoch eine Bedrohung für das Ortsbild

Es war denkbar knapp, doch mit acht zu sieben Stimmen hat sich der Gemeinderat Icking in seiner jüngsten Sitzung dazu durchgerungen, dem Bau einer Freiflächen-Photovoltaikanlage auf einem etwa 21 000 Quadratmeter großen Privatgrundstück nahe Walchstadt grundsätzlich positiv gegenüber zu stellen. Die Verwaltung soll nun die notwendigen Vorarbeiten für einen entsprechenden vorhabenbezogenen Bebauungsplan einleiten.

Die vorangegangene Diskussion war allerdings höchst kontrovers und zeigte einmal mehr zwei konträre Positionen im Gemeinderat, was die Nachnutzung der einst für Geothermie vorgesehenen Flächen im Allgemeinen und der in Walchstadt im Besonderen angeht. Denn während die einen den kompletten Rückbau fordern, weil der den Bürgern im Falle eines Scheiterns des Geothermieprojekts versprochen worden war, setzen die anderen auf die leicht umsetzbare Nachnutzung mit Photovoltaik auf dem Walchstadter Areal. Die Solarzellen sollen dem Klimaschutz dienen - zumal die Fläche nun doch nicht vollständig in den ursprünglichen, landwirtschaftlich nutzbaren Zustand gebracht werden könne, argumentierten sie.

Die Frage, was mit der ehemaligen Re-Injektionsfläche nahe Walchstadt passiert, wurde von einigen Gemeinderäten als zukunftsweisend empfunden. Sie sahen die Gefahr einer Salamitaktik und Präzedenz für eine Veränderung des gesamten Ortscharakters. So befürchtete Vigdis Nipperdey (Ickinger Initiative), dass sich mit einer Photovoltaikanlage dort erst energieintensives, privilegiertes Gewerbe wie etwa Gewächshäuser, später dann auch Industrieanlagen ansiedeln könnten. Und wenn erst einmal eine Freiflächen-Photovoltaikanlage auf dem Walchstadter Gelände stehe, dann könne man eine ähnliche Entwicklung für das Areal in Attenhausen, wo einmal die Geothermiebohranlage hätte stehen sollen, nicht mehr verwehren.

Bürgermeisterin Margit Menrad (UBI) argumentierte hingegen, dass das Gelände in Walchstadt nur deshalb für eine Freiflächen-Photovoltaikanlage infrage komme, weil es an die Autobahn A95 grenze. Doch während andernorts solcherlei Modulfelder entlang solcher Trassen gebaut werden, grenze die geplante Walchstadter Anlage nur mit einer schmalen Seite an und stehe ansonsten quer im Gelände, konterte Matthias Ertl (PWG). Zu Zeiten der Geothermie habe es im Gemeinderat den Konsens gegeben, dort dürfe keinesfalls etwas anderes entstehen - "und nun also doch", ärgerte er sich. Auch Nipperdey wollte sich "diesen Paradigmenwechsel ohne Not nicht aufs Auge drücken lassen", nur weil das Terrain "eh schon verdorben ist".

Das eher ironische Murmeln von Menrad, Icking sei schon etwas Besonderes, nutzte Nipperdey als Steilvorlage: "Ja, und diesen Charakter zu erhalten ist unsere Aufgabe, und nicht von einer technischen Mode auf die nächste zu springen."

Claudia Roederstein (UBI) sah in der Diskussion "ein Paradebeispiel für die Verhinderung der Energiewende". Sie bewertete die Photovoltaikanlage dort als "sinnvolle Nachnutzung", wie auch ihr Fraktionskollege Georg Linsinger: "Gerade im Hinblick auf den Klimawandel sollten auch wir unseren Beitrag leisten - auch wenn es kein Ickinger Projekt ist." Damit meinte er eine gemeindliche oder bürgerliche Beteiligung, denn das Grundstück befindet sich in privater Hand und die Grundstückseigentümer wollen die Fläche für eine Freiflächen-Photovoltaikanlage nutzen, statt dort intensive Landwirtschaft zu betreiben. Befeuert wurde die heftige Debatte schließlich noch durch die Frage nach der Art des Rückbaus. Denn während im städtebaulichen Vertrag, den die Gemeinde einst mit dem Geothermieunternehmen Erdwärme Isar geschlossen hatte, der komplette Rückbau gefordert wird, was auch die Bodenwiederherstellung in der Tiefe betroffen hätte, fordert das Bergamt Süd lediglich den Rückbau bis fünf Meter in den Boden. Damit könnten Teile des bereits verbauten Betons darin verbleiben. Da die Geothermie bereits am mangelnden Wasser scheiterte, bevor die Anlage - in diesem Fall die Re-Injektionsanlage - fertig gebaut war, greife nicht der städtebauliche Vertrag, sondern die Forderung des Bergamtes. "Es gibt offenbar zwei Kategorien von Rückbau? Das versteht doch kein Mensch", kritisierte Nipperdey. Letztlich aber stimmte der Rat mehrheitlich doch für die weiteren Schritte in Richtung Freiflächen-Photovoltaikanlage.

Diese soll rund 5000 Solarzellen-Module haben und einen jährlichen Energieertrag von 1,8 Gigawatt ermöglichen. Das deckt Bürgermeisterin Margit Menrad zufolge den Jahresenergieverbrauch von etwa 514 Haushalten. Somit ließen sich 1,08 Tonnen CO₂ jährlich einsparen.