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Historismus:Ein besonderes Augenmerk auf die Gemütlichkeit

Architektur-Geschichten

Fast wähnt man sich in Schottland: Das Fischerschlössl oder Jagdschlössl wurde für den Privatier Gottfried Fischer erbaut.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Stube in der Tölzer Marktstraße ist der einzig original erhaltene Gastraum des Münchner Vertreters des Historismus und bayerischen Heimatstils

Weithin sichtbar, bis zur Bundesstraße 11 und nach Schäftlarn, thront der Zinnenturm des Fischerschlössls, auch bekannt als Jagdschloss Ebenhausen, über dem Isartal. Wer es nicht nur aus der Ferne betrachten will, sollte die Fischerschlößlstraße empor steigen. Er findet eine Architektur, die an schottische Castles oder an Burgenromantik am Rhein erinnert - ein wenig fremd, beinahe exotisch.

Um einen geschlossenen Hof gruppieren sich mehrere Gebäude, die mit neogotischen Ornamenten wie Spitzbögen, Spitzbogenfriesen und Maßwerkfenstern geschmückt sind. Die Neogotik, ein Baustil des Historismus im 19. Jahrhundert, zeichnet sich durch besonders perfekte gotische Formen aus. Den Hauptturm des Fischerschlössls, der gleichzeitig Uhrturm ist, zieren kleine Türmchen an den Ecken, die Giebel der Häuser sind zinnenbekrönt. Mit Bauten in Bayern scheint das Haus, zumindest auf den ersten Blick, nur wenig zu tun zu haben.

Doch gibt es in Bayern sehr prominente Vorfahren sowie Nachfolger des Fischerschlössls. 1837 bereits ließ Kronprinz Max, Sohn von Ludwig I., das Schloss Hohenschwangau vom Architektur- und Theatermaler Domenico Quaglio im Stil der Neogotik umbauen. 1842 wird das Fischerschlössl in Ebenhausen als Villa für den wohlhabenden Privatier Gottfried Fischer erbaut. Der Architekt ist Johann Moninger, der etwas später (1843 bis 1848) auch die Bauleitung für das neogotische Wittelsbacher Palais an der Brienner Straße in München übernimmt. Es dient dem einstigen Kronprinzen Max, Besitzer von Hohenschwangau und seit 1848 bayerischer König Maximilian II., als Stadtresidenz. Kein Geringerer als Friedrich von Gärtner war für den Entwurf des Palais zuständig. Das heute nicht mehr vorhandene Wittelsbacher Stadtpalais stand im Gegensatz zu der von Klassizismus und Philhellenismus geprägten Kunstauffassung Ludwigs I.

Es gibt zudem eine entfernte Beziehung zwischen dem bayerischen Fischerschlössl und den neogotischen Bauten der Wittelsbacher zu den Höhenburgen am Rhein: 1842 hatte Kronprinz Max die Prinzessin Marie von Preußen geheiratet. Ihr Cousin, seit 1840 preußischer König Friedrich Wilhelm IV., hatte wiederum 1823 die Tochter König Maximilian I., Elisabeth Ludovika von Bayern geheiratet. Etwa zeitgleich nahm er die Schenkung von Schloss Stolzenfels bei Koblenz am Rhein an. Von 1836 bis 1842 entstand hier unter Mitwirkung von Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler ein neogotisches Schloss am Rhein, mit hohem Turm und Zinnenkranz, vorbildhaft und weithin sichtbar.

Das Fischerschlössl in Ebenhausen wurde nach dem Tod seines Besitzers im Jahre 1866 von dessen Witwe mit den Kindern bewohnt, bis es 1887 an Otto Graf von Rambaldi verkauft wurde. 1909 baute der Münchner Architekt Franz Rank das Haus um. Es diente oft als Postkartenmotiv. Sein neogotisches Äußeres mit dem Türmchen ist auch auf dem Bild "The Fischerschlösschen" vom Maler Karl Roux im Jahre 1877 festgehalten. Neogotik mit Alpenpanorama - und dazu eine damals nur wenig besiedelte Landschaft. Auch das Phänomen des Heimatstils ist dem Historismus am Ende des 19. Jahrhunderts zuzuordnen. Die wohl schönsten Beispiele dafür finden sich in den Tölzer Bauten des Gabriel von Seidl. Der erfolgreiche Architekt hatte in München um 1900 etliches in verschiedenen historistischen Spielarten entworfen, das Lenbachhaus im Stil der Neorenaissance oder Sankt Anna im Lehel im Rundbogenstil. Für Bad Tölz plant er die Marktstraße als einheitliche Bebauung mit giebelständigen Häusern. Alpenländische Details, flache Dachneigungen und neobarocke Elemente kennzeichnen das geschlossen wirkende Ensemble. Nicht alle Häuser stammen aus seiner Feder, doch löst er in Tölz eine Begeisterung für Heimatstil und Historismus aus.

Ein besonderes Juwel in der Markstraße ist das Weinhaus Max Schwaighofer. 1896 gestaltete Gabriel von Seidl die ehemalige Küche zur Weinstube im altdeutschen Stil um. Der Architekt ist bekannt dafür, dass er der Gemütlichkeit von Wirtsstuben besonderes Augenmerk widmete, die Weinstube ist der einzige noch original erhaltene Gastraum Seidls. Viele weitere Bauten von Seidl in Bad Tölz gibt es, darunter der neogotische Umbau des ehemaligen Marienstiftes (1905) sowie das Hotel Kolbergarten (1906) und das Tölzer Kurhaus (1912/13).

Ein kleines, hübsches Beispiel für den Heimatstil findet sich auch in Wolfratshausen, das sogenannte Klein-Anwesen von 1892 gegenüber der evangelischen Kirche. Der zweigeschossige Satteldachbau mit Balkon auf filigranen gusseisernen Trägern, hat geschnitzte Pfettenbrettl, typisch für oberbayerische Bauernhäuser. Auch eine kleine Waschküche mit Holzlege von 1910 gehört mit zum denkmalgeschützten Ensemble.