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"Historischer Beschluss":Ein Dorf wird Tempo-30-Zone

Für die 563 Einwohner des Eglinger Ortsteils Neufahrn wird es künftig ruhiger: Der gesamte Ort soll zur Tempo-30-Zone erklärt werden.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Obwohl Neufahrn eine geschlossene Ortschaft ohne Durchgangsverkehr ist, fordert fast die Hälfte der Bewohner eine Geschwindigkeitsreduzierung. Der Eglinger Gemeinderat billigt dies mehrheitlich - nach intensiver Debatte.

Ein ganzes Dorf als Tempo-30-Zone: Mit zwei Gegenstimmen hat der Eglinger Gemeinderat in seiner Sitzung am Dienstag beschlossen, dass im Ortsteil Neufahrn künftig kein Verkehrsteilnehmer mehr schneller als 30 Stundenkilometer fahren darf. Ein "historischer Beschluss", wie Gemeinderat Heiko Arndt (CSU) sagte.

Und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen deshalb, weil es bereits seit der Jahrtausendwende Versuche gab, in Neufahrn die Geschwindigkeit zu begrenzen, bislang aber vergeblich. Und zum anderen, weil "wir noch nie so viele Änderungen, wie die Tempoänderung nun nach sich zieht, gehabt haben", sagte Arndt. Denn insgesamt ändern sich nun ihm zufolge an etwa 20 Kreuzungen und Einmündungen die Verkehrsregelungen. Allein an der Neufahrner Hauptstraße entstehen 13 neue Rechts-vor-Links-Situationen. Für ein Dorf mit gerade einmal 563 Einwohnern "durchaus enorm", wie der Dritte Bürgermeister Arndt sagte.

Bei früheren Debatten war die Idee noch verworfen worden, weil die damals Beteiligten die Umsetzung als zu kompliziert erachtet haben. Nun habe man einen neuen Anlauf und einen neuen Blick gewagt, so Arndt. Und es hätten sich zwei Möglichkeiten herausgestellt: "Entweder, es bleibt alles beim Alten, oder es gibt eine Tempo-30-Zone für ganz Neufahrn, mit einer kleinen Variante." Die besteht darin, dass die Zone erst hinter der Einmündung Kirchstraße/Keltenstraße beginnt, einem besonders neuralgischen Punkt.

Der Neufahrner Jakob Degele hatte der Gemeinde Egling im November des vergangenen Jahres eine Liste mit 208 Unterschriften aus dem Ortsteil übergeben, auf der eine Tempo-30-Zone gefordert wurde - was etwa 46 Prozent der Bevölkerung über 18 Jahren entspricht, wie Bürgermeister Hubert Oberhauser (FW) erklärte. Nach einer Verkehrsschau im Januar dieses Jahres lagen nun die Stellungnahmen vor, was allerdings zu intensiven Diskussionen im Gemeinderat führte. Denn nicht allen wollte die Sinnhaftigkeit dieser Geschwindigkeitsreduzierung im gesamten Dorf einleuchten.

Der Ortsteil Neufahrn ist in sich geschlossen, womit bereits Tempo 50 herrscht, und weist so gut wie keinen Durchgangsverkehr auf - im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden und Ortsteilen. Der Verkehrsraum in Neufahrn sei damit überwiegend den Anwohnern vorbehalten, und somit liege auch die Beachtung der allgemeinen Verkehrsregeln in ihren Händen, gab Zweiter Bürgermeister Josef Bail (VB) zu bedenken. Messungen hätten belegt, dass in dem Dorf die Geschwindigkeitsüberschreitungen bisher "sehr minimal" seien, und dort sogar eher vorbildlich gefahren werde.

Die Einführung einer dorfweiten Tempo-30-Zone hingegen müsse konsequent durchgezogen werden, sagte Oberhauser. Das heißt, damit die Zone klar erkennbar sei, bedürfe es einer eindeutigen Ein- und Ausfahrtsbeschilderung sowie des Abbaus aller bisher vorfahrtsregelnden Verkehrszeichen. Und es darf keine eigenen Verkehrsregeln mehr in der Zone geben. Gäbe es dennoch an manchen Kreuzungen besondere Hinweise oder Gefahrenzeichen, wäre dies aus Sicht der Verkehrsbehörden ein Widerspruch in sich und würde die Zone konterkarieren.

Gemeinderat Jakob Bernlochner (FW) sah weder die Notwendigkeit noch die Vorteile einer Tempo-30-Zone in Neufahrn. Es sei eine Ortschaft nur mit Anwohnerverkehr, sagte er: "Und die Analyse hat belegt, das Unfallgeschehen dort ist völlig unauffällig, die Tempoüberschreitungen sind zu vernachlässigen." Im Gegenteil, für ihn berge die Einführung einer solchen Zone eine große Unfallgefahr, "weil hier doch eine Fahrweise eingebürgert ist". Dazu komme der neue Bußgeldkatalog: "Die Anwohner sind dann doch gefährdet. Sie fahren irgendwann mal so, wie sie es gewohnt sind, und dann ist ganz schnell der Führerschein weg."

Hans Spindler (CSU/parteifrei) verteidigte hingegen die Idee: Der Trend gehe bundesweit klar hin zu Tempo 30, auch in größeren Städten. "Es sinken die Lärmbelastungen und Schadstoffbelastungen, und der kürzere Bremsweg ist entscheidend, gerade in Wohngebieten. Die Sicherheit der Bürger sollte im Vordergrund stehen." Zumal es, wie Florian Sperl (CSU) anmerkte, in Neufahrn nur wenige Bürgersteige gebe.

Für Peter Lichtenegger (CSU) war all das "eine Luxusdebatte". Die Zone bringe aus seiner Sicht nicht den großen Sicherheitsgewinn, "weil man dort eigentlich gar nicht schneller fahren kann". Dazu sei die Dorfstraße zu unübersichtlich. Außerdem verwies er auf parkende Autos, an denen man nur langsam vorbei komme. "Und die Einheimischen wissen das doch am allerbesten", sagte der Thanninger, um seine Ausführungen mit dem Satz abzuschließen: "Aber wenn die Mehrheit der Neufahrner unbedingt denken, sie brauchen die Selbstdisziplinierung - dann bitte."

© SZ vom 28.05.2020

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