Helmut Qualtingers Kunstfigur "Der Herr Karl":Er lebt

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Helmut Qualtingers Kunstfigur "Der Herr Karl": Fritz Scheuermann gibt im Münsinger "Freiraum" den Herrn Karl.

Fritz Scheuermann gibt im Münsinger "Freiraum" den Herrn Karl.

(Foto: Hartmut Pöstges)

In Zeiten, da "die Rechten wieder marschieren", gewinnt der Zyniker und Grantler neue Aktualität. Die Münchner Schauspieler Fritz Scheuermann und Josef Mittermayer begeistern das Publikum im Münsinger "Freiraum"

Von Wolfgang Schäl, Münsing

Helmut Qualtingers Monolog "Der Herr Karl" zählt längst zu den Werken der Theater- und Kabarettszene, die Kultstatus genießen. Es ist nicht nur der Inhalt des rund einstündigen Selbstgesprächs, nicht nur das Hermetische der streckenweise schwer erträglichen Betrachtungen dieses Herrn Karl, die das Stück ebenso unverdaulich wie einzigartig machen. In seiner verfilmten Version unsterblich geworden ist es auch und vor allem durch die physische und schauspielerische Präsenz des verfemten und bejubelten Nestbeschmutzers und Ur-Wieners Qualtinger, der in seiner Rolle als selbstgerechter Grantler, weinerlicher Sinnierer und resignierter Zyniker Ruhm erlangt, aber auch Morddrohungen erhalten hat. Er und der Herr Karl sind untrennbar eins, und deshalb stellt sich die Frage, ob und wie viel Sinn es macht, das Stück so viele Jahre nach dem Tod Qualtingers neu aufzulegen.

Die Münchner Schauspieler Fritz Scheuermann und Josef Mittermayer haben sich der Herausforderung jedenfalls gestellt, sie sind mit dem Stück seit bald einem Jahrzehnt in Abständen immer wieder unterwegs, am Donnerstag gastierten sie im ausverkauften Münsinger "Freiraum", wo beide eine veritable Vorstellung abgeliefert haben.

Eine beachtliche Leistung ist es allein schon, den einstündigen Monolog freistehend, ohne Stocken und ohne die Hilfsmittel einer Theaterbühne zu memorieren. Den Anspruch, in die Nähe des Originals zu kommen, erhebt der Mime Scheuermann als Hauptprotagonist zum Glück nicht, er verzichtet auch darauf, den Originaltext, der heute ebenso aktuell ist wie in den Sechzigerjahren, modernisieren zu wollen. "Es ist ein altes Stück, aber es muss so gespielt werden", sagt Scheuermann. Qualtinger kopieren will er ebenso wenig, damit, sagt er zu Recht, "würde ich mit Sicherheit scheitern". Und so beschränkt sich der Akteur auf einen kleinen, aber dramaturgisch sinnvollen Kunstgriff, indem er die Betrachtungen des Herrn Karl an die Gestalt eines "Requisiteurs" richtet - es ist die Rolle, die Mittermayer übernimmt. Mit ihm soll die Brücke in die Gegenwart geschlagen werden.

Der Herr Karl ist Lagerist im Keller eines Feinkostgeschäfts, einem abgeschlossenen Raum, wo es wenig zu tun gibt und er ungestört, ausladend, selbstzufrieden, aber auch resignativ sein Leben und seine Sicht der Dinge ausbreiten kann. Da geht es mal um den "Anschluss" Österreichs, mal augenzwinkernd um die Madln, die den feschen Burschen immer recht schöne Augen gemacht und sich am Donauufer mit ihnen in die Büsche geschlagen haben. "I hob immer zuagschaut, aber a Voyeur bin i net", sagt der Herr Karl. "Bei die Frauen, da war bei mir immer das Herz dabei", versichert der Schwerenöter nicht besonders glaubwürdig, "i bin ja a verantwortlicher Mensch."

Politisch hat sich der Herr Karl immer irgendwie durchlaviert, "das Rennen und Schiaßn im Kriag" hat er nur im Traum erleben müssen, und wenn es opportun war, hat er sich mal den Schwarzen, den christsozialen "Hahnenschwanzlern" angeschlossen, dann den Nazis, davor war er auch mal Sozialist. Fürs Mitmarschieren habe er bei den Nazis und den schwarzen fünf Schilling bekommen, "des war ja a a Geld", das man damals, in diesen schlechten Zeiten, habe brauchen können. Weil er nirgendwo richtig mitgemacht hat und allen Risiken aus dem Weg gegangen ist, hat er sich immer schlecht und recht durchgeschlagen, und so muss er sich auch nicht für die politischen Entwicklungen mitverantwortlich fühlen, die zum "Anschluss" und den Folgen geführt haben. Sein Leben ist das des aufmerksamen Mitläufers, er dient sich jedem an, der ihm Vorteile bietet. Er hat es so gemacht wie tausend andere auch. Auf seine schlitzohrige Mittelmäßigkeit, die ihm immer ein bequemes Überleben gesichert hat, ist der Herr Karl richtig stolz. Egoismus wird so zur Ideologie, die sich geschickt hinter einer bürgerlich-charmanten Fassade verbirgt, am Ende ist alles doch nur eleganter Schmäh. Wirklich ertappt fühlen muss sich da niemand. Oder vielleicht doch?

Die Frage, ob das Stück noch gespielt werden sollte, beantwortet sich zu einer Zeit, in der, wie Scheuermann sagt, "die Rechten wieder marschieren", von selbst: Es ist so aktuell wie eh und je, aber ohne Qualtinger verliert es viel Authentizität. Das ist den beiden Akteuren nicht anzulasten, ganz im Gegenteil: Es ist ein Verdienst, das Stück im Bewusstsein zu erhalten. Dafür gebührt Scheuermann und Mittermayer Applaus, und den haben beide im Freiraum auch bekommen.

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