Hans Widmann geht in Pension Mit Empathie und Fürsorge

Hans Widmann hat rund 1000 Schüler durch das Abitur begleitet. Sie dankten ihm seinen Einsatz mit "standing ovations" bei jeder Abiturfeier.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Hans Widmann, von Ickinger Schülern geliebter Lehrer und Oberstufenkoordinator, geht in den Ruhestand. Von der Stelle am Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium war er anfangs enttäuscht - blieb dann aber 36 Jahre lang.

Von Susanne Hauck

Alles ist jetzt ein letztes Mal, so kurz vor dem Ruhestand. Die finale Ex ist geschrieben, noch einmal hat er den Siebtklässlern geduldig den lateinischen "Abl Abs" erklärt, die Abiturienten sind längst ausgeflogen. Es naht der Tag, an dem Hans Widmann zum letzten Mal in Glonn in sein Auto steigen und die 45 Kilometer nach Icking fahren wird. Wahrscheinlich wird er an den Tag denken, als er zum ersten Mal die Tour zum Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium antrat. Das war vor 36 Jahren, im Februar 1982.

Vor allem eines war er damals: enttäuscht, und im Hinterkopf hatte er den Gedanken, sich bald wegversetzen zu lassen. "Denn nach Icking wollte ich überhaupt nicht", sagt der Studiendirektor und langjährige Oberstufenkoordinator. Bad Tölz hatte für seinen ersten Einsatz als Referendar festgestanden, bis er den Ruf nach dem ihm völlig unbekannten Icking erhielt.

"Ich musste erst einmal auf der Landkarte nachschauen, wo das liegt." Doch in Icking wurde er von Direktor Diether Krywalski herzlich begrüßt, und im Lehrerzimmer war die Atmosphäre so entspannt, dass er sich ganz selbstverständlich eine Zigarette anzündete - ein Laster, das das halbe Kollegium teilte.

Widmann einen Ausnahmepädagogen zu nennen, ist keine Übertreibung. Es ist die Zuwendung zu den Schülern, die ihn ausmacht, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Widmann unterrichtet Latein und Englisch, eine ungewöhnliche Kombination. Dass er Lehrer werden wollte, stand für ihn schon früh fest: "Die Freude an den Sprachen weitergeben zu können, war mir genauso ein Bedürfnis wie die Arbeit mit Menschen."

Zum Oberstufenkoordinator, oder Kollegstufenbetreuer, wie es damals hieß, wurde er im Jahr 2000 befördert. Zehn Jahrgänge, etwa 1000 Schüler, hat er durchs Abi gebracht. "Man muss alle einfangen", sagt er. "Ihnen aufzeigen, wo der beste Weg ist, ihnen Mut machen und sie nach Enttäuschungen trösten." Wegen der Auswirkung auf die Abiturnote sei die Verantwortung groß: "Es darf nichts falsch laufen, denn Fehler sind nicht zu reparieren." Bereut hat er den riesigen Aufwand trotzdem nie: "Es gibt keinen schöneren Moment, als bei der Übergabe der Abiturzeugnisse in die glücklichen Gesichter zu sehen." Die Schüler wissen, was sie an seiner Empathie und väterlichen Fürsorge haben, was sie ihm mit "standing ovations" bei jeder Abiturfeier bewiesen haben. Ihr "Widi" sei fast wie ein Papa, kümmere sich um jeden einzelnen, nehme sie als Person und nicht nur über die Note wahr, drücke auch mal ein Auge zu, sagen sie. Widmann ist kein Freund des G 8 mit dem "Bulimielernen", daraus macht er keinen Hehl: "Das Jahr, das gewonnen werden sollte, brauchen viele Schüler hinterher für eine Auszeit."

Fragt man Widmann nach den denkwürdigsten Ereignissen in seiner Schullaufbahn, muss er erst lange überlegen, ehe er die Episode wieder vor Augen hat, als ein wild gewordener Jäger zwei seiner Schülerinnen mit dem Gewehr im Anschlag vor sich hertrieb. Das passierte auf einer Studienfahrt nach Malta. Die Mädchen hatten sich über den grausamen Volkssport des Vogelfangs empört und zwei Lockvögel aus Käfigen befreit, was den Besitzer so aufregte, dass er sie mit vorgehaltener Waffe zur Rechenschaft zog.

Aus dem kurzen Gastspiel, das Widmann in Icking geben wollte, ist die lange Zeitspanne von 36 Jahren geworden. Dass es ihm doch so schnell so gut gefallen hat, begründet er mit den vielen Aktivitäten an der Schule, wie dem Ickinger Sommer und Advent, den Theateraufführungen und Studienfahrten. Auch die Hüttenwochenenden mit Kollegen trugen dazu bei, dass sich der junge Widmann schnell einlebte. Der Pädagoge geht mit sichtlicher Wehmut, an seinem Beruf wird ihm nur eines nicht fehlen: das endlose Korrigieren. "15 Stunden sitze ich für 30 Lateinschulaufgaben." Zeit, die er nun haben wird für seinen zehn Monate alten Enkelsohn. Und für viele Stunden in den Bergen, sei es zum Mountainbiken, Wandern oder Tourengehen.