Handwerk und EnergiekriseBäckereien bangen um ihre Existenz

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Existenzangst: Über die hohen Energiepreise sprachen (v. li.) Landrat Josef Niedermaier und Grünen-Bundestagsabgeordneter Karl Bär mit den Bäckermeistern Ludwig Schmid und Michael Detter.
Existenzangst: Über die hohen Energiepreise sprachen (v. li.) Landrat Josef Niedermaier und Grünen-Bundestagsabgeordneter Karl Bär mit den Bäckermeistern Ludwig Schmid und Michael Detter. Manfred Neubauer

In Bad Tölz erklären Michael Detter und Ludwig Schmid dem Grünen-Bundestagabgeordneten Karl Bär, dass sie ihre Betriebe ohne einen Energiepreisdeckel schließen müssen.

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Michael Detter ist Bäcker mit Leib und Seele. Vor vier Jahren hat er den kleinen Familienbetrieb in der Nockhergasse in Bad Tölz von seinen Eltern übernommen und erinnert sich noch daran, wie er früher nach getaner Arbeit nach Hause ging, als er noch im Kurviertel wohnte. Der Tag erwachte, er nahm den Weg über die Isarbrücke und begegnete dem einen oder anderen Bäcker, der ebenfalls in aller Herrgottsfrühe auf dem Heimweg war. Bäcker, sagt Detter, sei "ein unglaublich schöner Beruf". Aber jetzt macht er sich große Sorgen. Der Grund dafür sind die explodierenden Energiepreise.

Noch hat er einen Vertrag mit den Tölzer Stadtwerken, der bis Ende 2023 läuft und ihm einen Preis von 2,4 Cent pro Kilowattstunde Gas garantiert - bei einem Verbrauch von etwa 90 000 Kilowattstunden im Jahr. Müsste er den Tagespreis bezahlen, der für die Kilowattstunde momentan zwischen 20 und 26 Cent schwankt, wären dies ungefähr zehn Mal so viel. "Das könnten wir dann nicht mehr abfangen", sagt der Bäckermeister. "An diesem Tag ist der Ofen aus."

Deshalb hatte Detter den Bundestagsabgeordneten Karl Bär (Grüne), Landrat Josef Niedermaier (FW), der selbst Bäckermeister ist, und Stephan Kopp, Geschäftsführer des Landesinnungsverbands des bayerischen Bäckerhandwerks, in die gute Stube über der Bäckerei mit den Schwarzweißfotos seiner Vorfahren unter der kleinen Kuckucksuhr eingeladen. Ein Kostensteigerung ums Zehnfache für Gas könne er auch nicht durch hohe Preise an die Kunden in seinem Laden weitergeben, sagt er. Mit fünf Cent mehr für die Brezen sei es da nicht getan. "Wenn es soweit kommt, muss ich den Betrieb stilllegen, und alle müssen sich eine neue Arbeit suchen." Auch seine Mitarbeitenden.

Ludwig Schmid geht es nicht anders, obwohl der Schmid-Bäck mit dem Stammhaus in Geretsried und drei Filialen um einiges größer ist. Der Betrieb verbraucht Gas und Strom für rund 400 000 Euro pro Jahr, und der Vertrag mit der 17-er Oberlandenergie - einem Verbund von Stadtwerken in der Region - läuft schon Ende dieses Jahres aus. Schmid rechnet vor: Die Ausgaben fürs Personal lägen in einer Bäckerei bei 40 bis 50 Prozent, für die Rohstoffe bei 20 bis 25 Prozent, dazu kämen Miete und Energie. Für den Bäcker selbst bleibe eine Marge von etwa einem Prozent vom Jahresumsatz. Wenn es denn gut läuft, wie Landrat Niedermaier anmerkt. Schließlich müssten auch noch Lohnsteigerungen eingepreist werden. Da rutsche man leicht ins Minus.

So mancher Handwerksbetrieb gibt mittlerweile schon auf. Alleine in den vergangenen zwei Wochen habe er mit fünf Bäckern gesprochen, "die jetzt Schluss machen", sagt Geschäftsführer Kopp vom Landesinnungsverband. Auch wenn dies nicht immer nur an den Energiepreisen liege, sei es "schade, denn damit geht ein handwerkliches Kulturgut verloren". Seine Forderung: Der Energiepreis müsse für die Branche gedeckelt werden. Detter und Schmid berichten unisono, dass sie ihre Produktion in Sachen Energieverbrauch bereits optimiert haben - von der Wärmerückgewinnung bis hin zum LED-Licht. Die meisten Bäcker hätten in Nachhaltigkeit investiert, erklären beide. "Aber beim Backen und Kühlen kommen wir nicht aus", erklärt Detter. "Wir können nicht kälter backen, und wir müssen kühlen", sagt Schmid.

Wichtig ist beiden Bäckermeistern auch Nachhaltigkeit. Sie legen viel Wert auf Regionalität, arbeiten mit Mühlen und Landwirten im Umkreis zusammen. Man kenne sich untereinander und auch die jeweiligen Produktionsmethoden, wie Detter betont. Nehme der Kostendruck durch die Energiepreise jedoch zu, werde es den einen oder anderen Bäcker geben, der sich Eier für zehn bis 15 Cent vom regionalen Erzeuger nicht mehr leisten könne, warnt Schmid. "Es trifft genau die Betriebe, die regional sind, die verantwortungsbewusst sind", meint Kopp.

Karl Bär hört sich die Sorgen der Bäcker aufmerksam an. Das Thema Energiepreise ziehe sich "einmal komplett durch die Wirtschaft", sagt der Bundestagsabgeordnete der Grünen. In Berlin habe er den Eindruck gewonnen, dass sich auch Abgeordnete anderer Parteien der Brisanz des Problems durchaus bewusst seien, "Wir können nicht Uniper retten und lokale Betriebe allein lassen", sagt Bär. Der 200 Milliarden Euro große Abwehrschirm der Bundesregierung, der bis 2024 aufgespannt werden soll, sei dazu gedacht, den Gas- und Strompreis für die Kunden und für Stadtwerke zu deckeln, die diese Preise anbieten. Allerdings bedürfe es eines Faktors, ab dem doch der teure Marktpreis zu zahlen sei. "Weil die Leute auch Energie sparen sollen", erklärt Bär. Wo dieser Referenzwert für Bäckereien liegen soll, welche Grenzen dann jeweils für kleine und für größere Betriebe gelten - all dies ist noch unklar. Damit befasse sich eine Arbeitsgruppe mit Fachleuten aus den Parteien und Ministerien, sagt der Grünen-Abgeordnete. "Sie werden sich da etwas überlegen." Fachkräftemangel, Corona-Pandemie, die auf die Großindustrie ausgelegten Dokumentationspflichten für die Bäckerbranche - mit all dem habe man bisher umgehen können, sagt Schmid. Aber jetzt, betont Kopp, "sind wir an einem Punkt angekommen, wo es wirklich nicht mehr weitergeht".

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