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Hagen Rether:Leitmotiv: Aufklärung

Hagen Rether nennt sich einen linksliberalen Multikulti-Öko-Spinner.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Kabarettist beweist im Tölzer Kurhaus, dass er kein Comedy-Kasperl ist

Von Petra Schneider, Bad Tölz

Zucker gibt es nicht fürs Publikum. Aber Bananen. Die kann Hagen Rether selbst auch gut brauchen. Denn bei einem fast vierstündigen Programm, das der mit Preisen überhäufte Kabarettist am Donnerstag im rappelvollen Kurhaus spielt, sind ein paar Kohlenhydrate zwischendurch vermutlich nötig. Der intellektuelle Langstreckenlauf, den der Essener hinlegt, ist ein Ereignis: Mit sanfter Stimme, fast beiläufig vorgetragene kluge Analysen: Leistungsdruck und Depressionen schon bei Kindern, zwangsverrentete 60-Jährige, die 30 Jahre lang mit Stöcken durch Wälder laufen müssen. Abgeholzte Regenwälder, Massentierhaltung und die "Dreckskonzerne" Monsanto, Nestlé und Ferrero. Religionen, egal welcher Couleur, die nichts weiter als "ein feuchter Männertraum" seien und durch Gebote Selbsterkenntnis verhindern sollen.

Der 46-Jährige fordert mehr Frauenrechte und weniger Konsum und geißelt Ausbeutung als wahre Fluchtursache. "Wir sind die Nachfahren von Raubrittern, und jetzt ziehen wir die Burgmauern hoch." Man müsse doch Menschen retten, nicht Banken. Und Flüchtlinge schützen, nicht Grenzen. Rether, eigenen Bekundens nach "linksliberaler Multikulti-Öko-Spinner" und überzeugter Veganer ("Ich mache so lange Kabarett, bis Fleisch verboten wird"), geht es um Grundsätzliches. Seine Kritik ist Systemkritik. "Wenn Sie was Aktuelles wollen, kaufen Sie eine Tageszeitung", sagt er und fläzt sich auf einem Bürostuhl. Was wie ein improvisiertes Selbstgespräch wirkt, findet auf einer inszenierten Bühne statt. Darauf ein Flügel, Bananen, Politur und Tuch, Wasserglas und Flasche. "Ich versteh' das nicht", ist einer von Rethers leitmotivisch wiederholten und den ruhigen Redefluss strukturierenden Sätzen.

Der hoch gewachsene Mann mit Pferdeschwanz ist kein Zyniker, kein eifernder Ankläger und kein Comedy-Kasperl. Es ist ihm Ernst, die Sorge um den Zustand der Welt nicht bloß Attitüde. "Liebe" heißt sein Programm seit 13 Jahren, inzwischen Folge fünf, das er immer wieder aktualisiert und variiert. Rether ist ein Aufklärer, der sein Weltverbesserungsprogramm mit einer aufklärerischen Grundhaltung unter die Leute bringt: einer wohltemperierten Gelassenheit. Dass die Welt nicht mit Zorn zu retten ist, macht er gleich am Anfang klar ("Frieden stiften ist etwas anderes als für den Frieden kämpfen"). Mit der reinen Vernunft aber auch nicht. Denn was auf den rationalen Diskurs folgen muss, ist verantwortliches Handeln. Auch wenn sich jeder Einzelne dann womöglich aus seiner Komfortzone bewegen müsse. "Was die da oben falsch machen, steht jeden Tag in der Zeitung. Was wir falsch machen, steht nie drin."

Die Gesellschaft leide nicht an einem Denk-, sondern an einem Umsetzungsproblem, sagt Rether, der selbst Mitglied des globalisierungskritischen Netzwerks Attac und bei Amnesty International ist. Ein Abend mit ihm fordert Hirn und Sitzfleisch, ist aber von trockener Belehrung weit entfernt. Denn Rethers Ausdrucksweise ist mitunter flockig, auf schärfste Polemik folgen kleine Witze oder verrückte Ideen: "Obama ist gar nicht echt. In Wahrheit ist das der Wallraff." So hält er das Tölzer Publikum locker bei der Stange, das immer wieder Zwischenapplaus spendet. Erst nach dreieinhalb Stunden macht sich erkennbar Erschöpfung breit. Aber Rether lässt sein Publikum nicht gehen. Nicht ohne zuvor ausdauernd den Flügel poliert und Bananen verteilt zu haben. Und nicht ohne ein bisschen Gefühl, das für die Rettung der Welt vermutlich auch nötig ist. Deshalb spielt und singt der studierte Pianist mit geschlossenen Augen noch ein Jahrhunderte umspannendes Medley, das mit Michael Jacksons "Earth Song" endet: "What have we done to the world?"

© SZ vom 09.04.2016
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