Drei Kälber, drei Schweine und eine Kuh musste der Gastwirt Johann Klostermaier im Juli 1945 auf Anweisung schlachten. „Zur Versorgung von KZ-Häftlingen und Fremdländern“ im Lager Föhrenwald, wie es der damalige Ickinger Bürgermeister auf einer vergilbten Durchschrift bestätigt. Mag seine Sichtweise auch etwas merkwürdig formuliert sein – die katastrophale Versorgungslage wenige Wochen nach Kriegsende war ein riesiges Problem. Nicht nur die unterernährten Überlebenden des Todesmarsches und ehemalige Zwangsarbeiter, die in Föhrenwald eine vorübergehende Bleibe fanden, mussten verpflegt werden, sondern auch die vielen Flüchtlinge, die zunehmend in die umliegenden Gemeinden strömten. Im benachbarten Dorfen, damals noch eine eigenständige Kommune und heute ein Ortsteil von Icking, wurden lebensnotwendige Dinge beschlagnahmt. Die Bevölkerung musste Federbetten, Bettstellen, Matratzen, Stühle und eine Kinderwiege in Föhrenwald abliefern – alles, was gebraucht wurde, um die Heimatlosen einigermaßen unterzubringen.
All diese historischen Details hat Claudia Roederstein, Ickings Zweite Bürgermeisterin und Gemeindearchivarin, in den alten Akten aufgespürt. Ihr Ziel ist es, die lokalen Geschehnisse rund um diesen Wendepunkt in der Geschichte aufzuarbeiten. Icking beteiligt sich damit an der Initiative „80 Jahre Kriegsende und Neubeginn“ vom Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen. „Wir wollen die Geschichte unserer Gemeinde erlebbar machen“, erklärte Roederstein am Montag bei einem Pressegespräch am Ickinger Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium.
Dazu entsteht derzeit eine Art „großes Puzzle“ aus Dokumenten, Fotos und Erinnerungen. In den letzten Apriltagen 1945 waren überall Rückzugstruppen Richtung Alpen unterwegs, dann kamen die Todesmärsche, von denen ein Strang über die Ortschaft Dorfen verlief. Die ersten amerikanischen Jeeps rollten über Höhenrain und Attenhausen kommend in Icking ein. Die meisten Menschen erlebten die Kapitulation als Befreiung, nicht als Niederlage. Einen besonders wertvollen Beitrag liefern die rund ein Dutzend Zeitzeugen-Interviews, die Roederstein bereits geführt hat und die noch erweitert werden sollen: Ickinger, die als Kinder und Jugendliche das Kriegsende am Ort erlebt haben, erzählen von den letzten Kriegstagen mit Tieffliegerangriffen auf Zivilisten und Wehrmachtsdeserteuren, der Besatzungszeit und dem mühsamen Wiederaufbau.
„Man fühlt sich ein bisschen wie ein Pionier“, sagt Zwölftklässlerin Paula Englert
Die Ergebnisse der Recherchen sollen in einer großen Ausstellung zusammenfließen, die im Oktober oder November eröffnet werden soll. Ein wichtiger Baustein dabei sind die Seminararbeiten des W-Seminars Geschichte am Gymnasium Icking. Unter der Leitung von Susanne Schäfer arbeiten derzeit neun Schülerinnen und Schüler an Themen wie Todesmärsche, Entnazifizierung und Re-Education. Die Zwölftklässlerin Paula Englert hat sich das „Kriegsende für Icking“ vorgenommen und ist fasziniert von ihren Funden im Gemeindearchiv. „Man fühlt sich ein bisschen wie ein Pionier“, erzählt sie, „in Bibliotheken gibt es keine Bücher über Icking zu dieser Zeit.“ Erst durch die Recherche habe sie zum Beispiel erfahren, dass es in Holzen ein großes Flüchtlingslager mit Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland gab. Einer der zentralen Punkte ist die Darstellung des Alltags in jener Zeit. So wurde die Bewegungsfreiheit vom US-Militär streng kontrolliert, um ein Zusammenrotten der Deutschen zu verhindern. Wer etwa von Icking nach Wolfratshausen wollte, brauchte einen Passierschein.
Fachschaftsleiterin Susanne Schäfer hat sich mit der Geschichte des Gymnasiums beschäftigt. Unter Mangelernährung litten besonders die Kinder – auch, weil die Ickinger Schule bereits vor Kriegsende viele Münchner Kinder aufgenommen hatte, nach Kriegsende kamen Flüchtlingskinder dazu. Mit der akribischen Aufarbeitung dieser Jahre, bei der auch der Umgang mit der NS-Vergangenheit nicht zu kurz kommen soll, will Icking nun ein wichtiges Zeichen setzen – gegen das Vergessen. „Erinnern ist keine Veranstaltung einmal im Jahr“, sagt Roederstein. „Es ist eine Daueraufgabe.“
Ein erstes Fenster in die damalige Zeit öffnet sich bereits am 7. Mai: Im Gymnasium wird „Ruinenschleicher und Schachterleis“ gezeigt. Der Film dokumentiert die Münchner Nachkriegszeit aus Zeitzeugensicht. Filmemacher Michael von Ferrari lebt heute in München, ist aber in Wolfratshausen geboren. Seine Familie flüchtete 1945 aus Schlesien ins Isartal, er machte 1978 Abitur in Icking.
„Ruinenschleicher und Schachterleis“, Gymnasium Icking, 7. Mai, 19 Uhr im Pädagogischen Zentrum. Der Eintritt ist frei.

