"Guads Gmias" Lila Karotten aus der Kiste

"Guads Gmias": In der Biogärtnerei Oberland gibt es Paprika, Tomaten oder Zucchini auch außerhalb der genormten Größen für den Supermarkt. "Bei uns kommen auch krumme Dinger in die Kiste", sagt Sebastian Girmann.

(Foto: Manfred Neubauer)

Vom Hofgut Letten ist die Genossenschaftsgärtnerei "Biotop Oberland" nach Lenggries umgezogen. Auf einem 2,5 Hektar großen Areal am Steinbach kann sie nun 150 verschiedene Sorten von Gemüse für rund 450 Haushalte anbauen.

Von Petra Schneider

Das erfolgreiche Volksbegehren für den Erhalt der Artenvielfalt hat es gezeigt: Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie Nahrungsmittel produziert werden. In diesem gesellschaftlichen Klima fällt das Konzept der genossenschaftlich organisierten Biogärtnerei "Biotop Oberland" auf fruchtbaren Boden. Sie wurde vor einem Jahr in Lenggries gegründet und produziert Gemüse ökologisch, regional und plastikfrei. "Guads Gmias aus dem Isartal", wie es im Flyer heißt, der beim ersten Infoabend ausliegt.

Das Interesse ist groß, etwa 50 Leute sind dazu in die Lahnerstubn gekommen. Ältere Ehepaare, junge Leute, Mütter. Die Atmosphäre ist leger, man duzt sich. "Servus, schön, dass ihr gekommen seids", begrüßt Vorsitzender Sebastian Girmann die Teilnehmer. Girmann ist Gartenbauingenieur, sein Vorstandskollege Nick Fischer für die Logistik zuständig.

Insgesamt sechs Mitarbeiter gehören zum Team, die alle in Lenggries wohnen. Das, was sie nicht wollen,zeigen die beiden in Bildern: Almeria in Spanien, 80 Prozent der Supermarkttomaten kommen von hier, mit Plastik überzogene Gewächshäuser, so weit das Auge reicht. Aus immer tieferen Brunnen muss Wasser gepumpt werden, das Abwasser aus den überdüngten Pflanzungen wird ins Meer geleitet. "Da lebt nichts mehr", sagt Girmann.

Nicht viel besser sieht eine durchschnittliche Anbaufläche in Deutschland aus: eine Agrarwüste, kein Strauch, kein Baum, keine Blume. Die Folge dieser Monokulturen: Bodenerosion und immer höhere Düngerzugaben. Selbst in der Bioecke im Supermarkt sei fast alles in Plastik verpackt, sagt Girmann und erzählt von seinem "Schlüsselerlebnis": In der Biogärtnerei, in der er zuvor gearbeitet habe, seien Schubkarrenladungen voller Zucchini vom Feld direkt auf den Komposthaufen gefahren worden. Trotz einwandfreier Qualität, aber die Zucchini waren zu groß und entsprachen nicht der Normgröße, die der Handel fordert.

Fischer und Girmann wollten es anders machen: Um ein ökologisch und sozial sinnvolles Wirtschaften "ohne die auferlegten Zwänge des Marktes" möglich zu machen, haben die beiden das Biotop als Genossenschaft gegründet. Wer Mitglied werden will, zeichnet Anteile im Wert von mindestens 150 Euro. Die Ernte wird wöchentlich aufgeteilt und kann freitags an Stationen in Lenggries, Bad Tölz, Greiling, Bad Heilbrunn, Penzberg und Tutzing abgeholt werden. Die Gemüsekisten gibt es in zwei Größen für eine oder zwei Personen, die kleine kostet monatlich 50, die große 70 Euro. Derzeit werden 300 Haushalte ganzjährig mit Biogemüse versorgt.

Angefangen haben Fischer und Girmann 2016 mit Anbauflächen in Letten und Waakirchen. Weil der Mitgliederzulauf groß und der Pachtvertrag nur befristet war, ist die Genossenschaftsgärtnerei nach Lenggries umgezogen: Auf einer 2,5 Hektar großen Fläche am Steinbach kann Gemüse für bis zu 450 Haushalte angebaut werden. Sie gehört Bauer Sepp Heiß, der sie den Biotop-Leuten für mindestens zwölf Jahre verpachtet hat. Die Fläche sei ideal, weil sie jahrzehntelang biologisch bewirtschaftet worden sei, sagt Girmann. Auf den Fotos, die vor einem Jahr gemacht wurden, gleicht das Grundstück einer morastigen Baustelle. Bereits im Sommer hat sie sich zu einer blühenden Landschaft mit Beeten entwickelt, auf denen 150 verschiedene Sorten angebaut werden können: Zwiebeln, Tomaten, Gurken, Bohnen, Paprika, Kürbis, Kohl, auch runde Zucchini, gelbe Bete oder lila Karotten. "Bei uns kommen auch krumme Dinger in die Kiste", sagt Fischer. Zwischen den Beeten sind Blühstreifen angelegt. Pflanzenschutzmittel sind tabu, gedüngt wird mit Kompost und Pferdemist.

Zu den drei Gewächshäusern sollen drei weitere kommen, die bereits genehmigt sind. Ein Betriebsgebäude hat Heiß nach den Vorstellungen der Biotop-Leute gebaut und an sie vermietet. "Der hat unglaubliches Vertrauen in uns", so Fischer. Transparenz und Mitbestimmung sind die Säulen der Biotop-Idee: Es gibt Mitgärtnertage, Gärtnereiführungen und die Generalversammlung, bei der die Mitglieder über Investitionen abstimmen. Den Gemüsekisten ist ein "Wochenblattl" mit Infos und Rezepten beigelegt. Das Konzept kommt an. Ob in den Gewächshäusern auch Zitrusfrüchte oder Pfirsiche angebaut würden, will ein älterer Herr wissen. "Vielleicht in zehn Jahren, wenn der Klimawandel so weiter geht", so Girmann.

www.biotop-oberland.de