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Grünwald:Kunst mit der Motorsäge

Im Walderlebniszentrum Grünwald fertigten sechs Bildhauer Skulpturen aus Bäumen. Von dieser Woche an sind sie dort als Leihgaben zwei Jahre lang zu sehen

Die "Teufelsweiber" tragen hochhackige Schuhe und Hörner auf den Häuptern. Dürr sind die Beine, vehement der Ausdruck. Die filigranen Skulpturen, die Volker Sesselmann schafft, grenzen an Karikaturen. Spitz zulaufende Gliedmaßen, die in ihrer Schlankheit an Alberto Giacomettis Formensprache erinnern, enden in übergroßen, extravaganten Gesichtern.

Ihren Schöpfer Sesselmann konnte man am vergangenen Dienstagnachmittag im Grünwalder Walderlebniszentrum antreffen. Motorsägen kreischten im Hintergrund, wenn man die große Grünfläche im Zentrum des Waldparks überquerte. Es war eine ungewohnte Geräuschkulisse, ist es doch sonst so ruhig auf dem dichtbewachsenen Forstgelände.

Den Eingang zu Sesselmanns Arbeitsterrain markierten zwei von seinen Charakterfiguren. Um die beiden wunderlich dreinschauenden Herren aus Holz gingen ein paar Besucher herum. Weiter hinten stand der Künstler vor zwei mächtigen, unfertigen Holztrümmern. Neben ihm, auf einer improvisierten Arbeitsplatte lagen Werkinstrumente und eine grobe Skizze.

Außer Volker Sesselmann arbeiteten seit Montag, 4. Juli, noch fünf weitere Künstler im Grünwalder Waldpark, wo erstmalig ein Kunst-Symposium stattfand. Vier Männer und zwei Frauen, die sich auf die Bildhauerkunst verstehen, stellten hier bis Sonntag Werke aus Holz her. In dieser Woche werden sie präsentiert, dann bleiben sie als Leihgabe zwei Jahre im Walderlebniszentrum. Unter den Gästen waren Kunstschaffende aus dem Münchner Umland, aber auch von der Nordsee war eine Künstlerin angereist.

Volker Sesselmann bei der Arbeit.

(Foto: Schunk)

"1000 Kilometer weit" sei sie gefahren, sagte Sabine Boczkowski-Sigges. Die 56-Jährige trägt ihre weißen, hochtoupierten Haaren mit einem gepunkteten Tuch zusammengebunden. Sie hatte sich unter einer stämmigen Eiche ein provisorisches Atelier aufgebaut. Töpfe mit bunter Lackierfarbe standen dort, eine Säge, daneben goldener Schmuck aus Indien. Gleich zu Anfang hatte Sabine entschieden, das Holz einzufärben. Ihre bunten Objekte ließen bereits erahnen, wie sie nach fünf Tagen aussehen könnten.

Die anderen fünf Künstler gingen es eher puristisch an. Schnell wurde deutlich: Jeder hatte hier seine eigene Methode. Die einen hatten Modelle dabei wie Sabine und Kunsttherapeutin Susanne Musfeldt-Gohm, andere ließen sich spontan von Umfeld und Material lenken. Die Wahl des Holzmaterials fiel sehr konträr aus. Die einen hatten Kiefer oder Fichte auserkoren, andere hatten sich für die eher widerstandsfähige Eiche entschieden.

Vor Sesselmann standen Abschnitte einer Fichte. Der siebzig Zentimeter dicke Stamm sollte in der Gemeinde Grünwald eigentlich als Maibaum dienen. "Leider ist ein Teil der Fichte abgebrochen, als man den Baum gefällt hat und abtransportieren wollte", erzählte Sigrid Hagen vom Waldpark. Die stellvertretende Leiterin des Waldzentrums hatte den Event "Kunst im Wald" gemeinsam mit Holzbildhauer Peter Frisch ins Leben gerufen und die Überreste für das Künstlersymposium erworben.

Aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Volker Sesselmann: Sabine Boczkowski.

(Foto: Claus Schunk)

Eine der beiden Hälften formte Sesselmann zu einer gemütlichen, dicklichen Person mit rückwärtig verschränkten Armen. "Ausgeglichenheit und Ruhe passt in meinen Augen zum Wald", konstatierte der gelernte Holzbildhauermeister. Erst seit knapp zweieinhalb Jahren probiert sich der Bildhauer am experimentell Figürlichen und schafft eigenwillige Persönlichkeiten.

Angefangen hatte der Künstler aus Steinach mit abstrakten Motiven, bis ihn Bekannte ansprachen, ob er "nicht mal diesen und jenen, zum Beispiel den Großvater schnitzen" könne. Und siehe da: Sesselmann fand Gefallen an menschlich konkreten Gesten, die auch mal ironisch sein dürfen. Zur Feile greift der Bildhauer erst zum Schluss. Hauptinstrument ist die elektrische Säge. "So entsteht vieles spontan aus dem Bauch heraus", erklärte der 50-Jährige. "Das intuitiv Hingeworfene entpuppt sich oft als die beste Form. Je mehr man auf einer Idee herum denkt, umso größer ist die Gefahr, sie tot zu friemeln."

Um die Holzbildkunst ranken sich große Streitfragen: Ist das akademische Konzept oder das gelernte Handwerk entscheidend? Sesselmann findet gerade eine Zwischenbalance wichtig: "Ähnlich wie in der Musik braucht man ein Fundament, später kann man spielerisch und spontan damit umgehen." Dass der Künstler die Bildhauerei mit der Musik vergleicht, kommt nicht von ungefähr. Neben den groben Gerätschaften, den Holzsplittern und Bergen von Sägemehl lag eine Querflöte: Sesselmann ist auch Jazzmusiker. Die lautstarke Säge wurde in den vergangenen Tagen also ab und zu von harmonischeren Jazzklängen abgelöst.