Es ist nur ein klitzekleines Leuchten, ein kaum zu erkennender Blitz - dann war's das auch schon wieder. Und weil man als Laie so gar nicht versteht, was in dieser Maschine eben passiert ist, setzt Junior-Chef Markus Repert zu einer kurzen Erklärung an: Was man da in dem Bottich mit dem deionisierten Wasser gesehen habe, sagt der 26-Jährige, sei ein künstlich erzeugter Kurzschluss gewesen, ein Funke in einem Draht, bis zu 10 000 Grad Celsius heiß. Bei dieser Mini-Explosion werde Material verdampft. So könne man Oberflächen bis auf den Tausendstel-Millimeter genau bearbeiten.
Bei der SR-Erodiertechnik in Ergertshausen, die den Wirtschaftspreis des Landkreises erhält, entstehen auf diese Weise filigrane Präzisionsbauteile. Da werden auf Metallplatten Konturen eingeschnitten, winzige Löcher gebohrt oder Kanten ausgearbeitet. Alles, wofür eine herkömmliche Feile oder gar eine Fräse viel zu grobschlächtig wären - beim sogenannten Drahterodieren lassen sich diese hochfeinen Arbeiten ausführen.
Die Auftraggeber sind vielfältig. Bei SR-Erodiertechnik entstehen Bauteile für die Medizintechnik, die Automobilbranche, aber auch für die Raumfahrt. In der Raumsonde BepiColombo, die seit 2018 in Richtung Merkur unterwegs ist, ist ein sogenannter Shutter verbaut - ein Schalter, der an der Satellitenkamera den Lichteinfall regulieren soll. Und dieser Schalter wurde in Ergertshausen hergestellt.
21 Stück von den Shuttern hat SR-Erodiertechnik gebaut. Das auftraggebende Raumfahrtunternehmen hatte angegeben, dass das Bauteil 360 Millionen Bewegungen aushalten muss. Also wurde der Schalter in Ergertshausen so konstruiert, dass er das abermillionenfache Auf und Zu auch wirklich aushält. "Im Weltall wäre es schlecht, wenn man da dann erst feststellen würde: Hoppla, das Teil funktioniert ja gar nicht", erklärt Markus Repert. Erst als alle Schalter den Härtetest unbeschädigt überstanden hatten, wurde Exemplar Nummer 22 schließlich auch verbaut.
Der Schalter für die BepiColombo hat wenige tausend Euro gekostet - mal 22 für die Versuchsreihe, versteht sich. So kommt ein ordentlicher Auftragswert zusammen. Das Satellitenbauteil war freilich auch nicht das einzige Werkstück, das Ergertshausen jüngst verlassen hat. Insgesamt 1,6 Millionen Euro hat SR-Erodiertechnik vergangenes Jahr umgesetzt.
Als Heinz Repert, der heutige Senior-Chef, das Unternehmen vor 29 Jahren gegründet hat, konnte man von solchen Zahlen natürlich nur träumen. Repert hatte 1990 als Ein-Mann-Betrieb begonnen, damals noch im Keller des Autohauses in Egling. Sein erster Auftrag sei direkt aus der Nachbarschaft gekommen, aus Wolfratshausen, erinnert sich der 69-Jährige. Bei Burgmann habe man in eine Dichtungswelle eine Nut geschnitten haben wollen. So sei das damals losgegangen.
Inzwischen hat die Firma 16 Mitarbeiter. Die Geschäfte laufen gut. Kürzlich hat SR-Erodiertechnik sogar die Apparatebau GmbH in Gelting übernommen. Und auch ein kleines Sponsoring ist drin. Für das Munich-Motorsport-Team der FH München, das mit seinen Rennenwagen bei Hochschulwettkämpfen antritt, liefert das Ergertshauser Unternehmen unter anderem Teile fürs Getriebe, die Lenkung und die Radaufhängung.
Nicht nur im Motorsport lassen sich die Bauteile von SR-Erodiertechnik verwenden, auch in der Rüstungsbranche sind die Fähigkeiten des Unternehmens gefragt. Für den Eurofighter zum Beispiel wurde in Ergertshausen ein 1:15-Modell der Bordbewaffnung gefertigt - natürlich auf den Millimeter originalgetreu. Dieses Modell wurde dann für die Tests im Windkanal verwendet.
Bei der Miniaturausgabe der Eurofighter-Raketen sei klar gewesen, was man da herstelle, sagt Thomas Leppmeier, der zweite Geschäftsführer. Häufig seien die Bauteile aber so komplex, "da weiß man oft nicht, wofür das ist". Und einmal habe sich "die dunkle Seite" diesen Umstand sogar zu Nutze gemacht. 1991 sei das gewesen, erzählt Leppmeier, da war er gerade erst frisch ins Unternehmen eingestiegen. Da stand plötzlich der Bundesgrenzschutz für eine Hausdurchsuchung vor der Tür. Ein angeblich für einen Wettersatelliten bestimmtes Teil war im Zünder einer irakischen Scud-B-Rakete gefunden worden. Beim anschließenden Gerichtsprozess in Augsburg mussten die Erodiertechnik-Chefs als Zeugen ran. Da könne man mal sehen, sagt Leppmeier: Da hält man sich für einen einfachen Werkzeugmacher - und plötzlich stehe man im Zentrum der Weltpolitik.
