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Globaler Klimastreik in Bad Tölz und Penzberg:Viele for Future

Friday for Future

Ob in Bad Tölz oder Penzberg, am globalen Klimastreik beteiligen sich nicht mehr nur Schüler. Die Forderungen der Protestbewegung "Fridays for Future" sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

(Foto: Manfred_Neubauer)

In Bad Tölz und Penzberg gehen bis zu 1000 Menschen auf die Straße, um am globalen Klimastreiktag zu protestieren. Zahlreiche Erwachsene schließen sich den Jugendlichen an, Aktionsbündnisse bilden sich - und Elke Zehetner erntet Kritik wegen politischer Allgemeinplätze.

Sie meinen es ernst. Und sie lassen sich nicht mit den gängigen Parolen abspeisen. Die "Fridays for Future"- Aktivisten wollen einen Wandel. An die 1000 Menschen, darunter viele Erwachsene, versammelten sich zum Klimastreik auf dem Penzberger Stadtplatz. Sie haben konkrete Forderungen wie etwa die Ausrufung des Klimanotstands in der Stadt. Mit diesem Thema werde sich der Stadtrat in seiner nächsten Sitzung befassen, verspricht Bürgermeisterin Elke Zehetner (SPD). Was sie sonst noch zu sagen hat, gefällt den Jugendlichen nicht besonders. "Das ist keine Wahlkampfveranstaltung", sagt Carlotta Ringel vom Organisationsteam. Zehetner muss die Bühne verlassen.

Zum dritten Mal schlossen sich die Jugendlichen in Penzberg am Freitag dem globalen "Fridays for Future"-Klimastreik an. Ihre Demo führte vom Gymnasium durch die Innenstadt mit dem Ziel Stadtplatz. Längst sind es nicht allein Schüler, die den Klimawandel einfordern. Es hat sich das "Penzberger Aktionsbündnis Klimaschutz" gebildet, das die Schüler in ihrem Protest unterstützen will. Dazu gehört unter anderem die Ortsgruppe des Bund Naturschutz, das interreligiöse Umweltteam und die Fairtrade-Steuerungsgruppe.

Das Bündnis lässt Listen rumgehen und wirbt um Unterschriften für eine Petition, die das Ausrufen des Klimanotstands in der Stadt zum Ziel hat. 25 Listen wurden verteilt, je zwölf Unterschriften finden pro Blatt Platz. Nach kurzer Zeit sind sie voll, die Menschen fragen nach, wo sie unterschreiben können. Weitere Listen sollen in den kommenden Wochen an den Schulen ausgelegt werden. Bis zum 22. November plant das Aktionsbündnis, Unterschriften für die Petition zu sammeln. Diese sollen bei einer Veranstaltung Bürgermeisterin Zehetner überreicht werden.

Sie hat indes auf der kleinen Bühne ihre liebe Not, die Anwesenden für sich zu gewinnen. Zehetner zählt auf, was die Stadt Penzberg in Sachen Klimaschutz leiste. Das klingt den jungen Leuten zu sehr nach Wahlkampf. Da nutzt es auch nichts, dass sie den Jugendlichen anbietet, sie mögen in Gruppen gemeinsam mit dem städtischen Klimaschutz-Beauftragten Andreas Wowra die drängenden Fragen bearbeiten. "Dann können wir miteinander Politik machen." Dafür erntet sie kurzen Beifall, doch die kritischen Zwischenrufe mehren sich. Ihre Anwesenheit beweise doch, dass sie das Anliegen der "Fridays for Future"-Bewegung ernst nehmen, wirbt Zehetner um die Gunst der Aktivisten. Doch die hören ihr schon nicht mehr zu und skandieren: "Wir sind laut. Wir sind hier. Klimanotstand brauchen wir."

Penzbergs Klimaschützer versammelten sich mit Plakaten am Penzberger Gymnasium und ließen ihren Unmut über die aktuelle Klimapolitik lauthals raus.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Zuvor hatten Hannah Hoffmann und Jakob Ohage aus Penzberg skizziert, was jeder einzelne tun könne, um eine Veränderung herbeizuführen. Die beiden 19-jährigen Penzberger haben das Abitur in der Tasche und wollen studieren. "Was ist im Leben normal?", fragt Hannah in die Runde. Einmal im Jahr ein neues Handy - "klar!" Jakob ergänzt: "Und mit dem Auto ins Fitnessstudio fahren, um dort dann Fahrradfahren zu gehen." All dies seien Gewohnheiten, die leicht zu ändern seien. "Jeder Einzelne muss aktiv werden", sagt der junge Penzberger. Wer einen Schokobrotaufstrich ohne Palmöl kaufe oder mit dem Zug zu nahe liegenden Stränden führe, anstatt in die Karibik zu fliegen, könne nicht über eine mangelnde Lebensqualität klagen, meint Hannah. "Man muss sich Ziele setzen", betont Jakob.

Gisela Schmidt ist extra aus Wolfratshausen nach Bad Tölz getrampt, ein Auto habe sie "aus ökologischen Gründen" schon lange nicht mehr, sagt die 82-Jährige. Auf ihren mit Geranien bestückten Hut hat sie eine Banderole befestigt: "Oma for Future" steht darauf. "Ich habe das dringende Anliegen, die Jugend zu unterstützen", sagt sie. Es müsse endlich gehandelt werden, damit auch ihre Enkel und Urenkel noch eine Zukunft hätten. Etwa 600 Leute aus dem Landkreis sind am Freitag zum globalen Klimastreiktag nach Bad Tölz gekommen: Kinder und Senioren, Familien, Geschäftsleute, Ärzte, Vertreter von Grünen, Bund Naturschutz, NABU. Die "Fridays for Future"-Bewegung hat alle Altersschichten erfasst; die Sorge, dass die Politik zu wenig und zu langsam handle, treibt viele auf die Straße. "Ich habe die Hoffnung, dass durch die Demos der Druck steigt", sagt Karin Steiner, die im Landratsamt arbeitet und sich extra zwei Stunden freigenommen hat. Verkehrswende, Plastikfreiheit, Fracking - für sie geht es um mehr als nur ums Klima. Den eigenen Lebensstil überdenken, Kritik an Wachstum und Profit auf Kosten der Umwelt - das nennen einige als Grund für ihre Teilnahme. Viele sind positiv überrascht über die zahlreichen Mitstreiter.

Die Hohenburger Schulen haben ihren Wandertag eigens auf den Klimastreiktag gelegt. Mehr als 100 Schülerinnen sind mit ihren Lehrern die zehn Kilometer von Lenggries entlang der Isar nach Tölz gelaufen, um an der Demo teilnehmen zu können. Petra Schenk, Inhaberin der Buchhandlung Winzerer, hat ihren Laden für eine Stunde zugesperrt, um mitgehen zu können. "Eine Frage der Solidarität", findet sie. Denn die Jugendlichen, die mit den Klima-Demos angefangen hätten, "brauchen die Unterstützung von uns Erwachsenen". Viele halten selbst gemachte Plakate und Transparente hoch: "Die Welt ist fertig", hat Werner Härtl aus Reichersbeuern auf sein Schild geschrieben und eine Erdkugel, die in einer Mikrowelle gegrillt wird, dazu gemalt. Die neunjährige Ayla hat auf Pappe einen Eisbären gemalt, weil sie nicht wolle, dass die "Gletscher schmelzen und die Eisbären aussterben".

Um kurz vor halb zwölf greift Lukas von Andrian, Versammlungsleiter und erfahrener FFF-Aktivist, zum Megafon. Barfuß führt der 15-Jährige mit den Dreadlocks den Zug an, gefolgt von Schülern des Tölzer Gymnasiums. Der Strom der Demonstranten füllt die Marktstraße bis fast zur Isarbrücke. "What do you want?", ruft Lukas, "Climate justice", schallt es zurück. "When do you want it?" "Now", schallt es zurück. "Das war noch viel zu leise," ruft Lukas, also noch einmal, viel lauter. "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", skandieren sie. "Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle." Die Marktstraße ist erfüllt von der Energie der jungen Leute. Manche Zaungäste bleiben stehen und applaudieren, andere nippen an ihrem Cappuccino und beobachten die Demonstranten interessiert. Bodo Kloiber spielt mit seiner Gitarre, es geht in einem großen Bogen über Isarbrücke, Badeteil, Bundesstraße und an der Lenggrieser Straße wieder zurück zur Marktstraße. Die Autofahrer warten geduldig, bei einem läuft der Motor. Eine Demonstrantin klopft an die Scheibe: "Motor aus!"