Das neueste Exponat, das im Freilichtmuseum Glentleiten am vergangenen Sonntag feierlich mit den Besuchern eingeweiht wurde, sticht aus den jahrhundertealten Bauernhäusern, die dort sonst zu sehen sind, heraus: Es handelt sich um eine historische Tankstelle der Mineralöl-Kette Gasolin. Damit öffnet das Freilichtmuseum sein zeitlich jüngstes Kapitel, die Moderne der Nachkriegszeit. Zwar mögen Zapfsäulen angesichts der politisch angestrebten Mobilitätswende ohnehin schon bald der Geschichte angehören. Die rote Gasolin-Tankstelle auf der Glentleiten steht jedoch mit ihrem 50er-Jahre-Charme für den Aufschwung des Automobils und spiegelt den Wandel des Handwerks nach dem Zweiten Weltkrieg wider.
Ursprünglich stand sie in Brem im Landkreis Traunstein. Seit dem 19. Jahrhundert hatte die Familie Meier auf dem Grundstück ein Gebäude, das lange ein Schmiedeanwesen war. Durch den technischen Fortschritt wurde eine Umstellung nötig, leistungsfähige Maschinen lösten das Pferdegespann ab. Für die Traktoren und Fahrzeuge wurde Kraftstoff benötigt, Motoren mussten gewartet und repariert werden. Maria Meier entschied deshalb, die Schmiede zu einer Tankstelle umzubauen. Eine kluge Entscheidung: Schließlich führte die Deutsche Alpenstraße viele Reisende direkt an ihren Zapfsäulen vorbei.
1953 war die Tankstelle einsatzbereit. Das Gebäude mit dem geschwungenen Dach zierte ein einheitliches Design mit dem roten Farbmuster der Gasolin AG. Nachdem die Kette von der Aral AG übernommen wurde, musste das Design 1971 angepasst werden, die Tankstelle bekam einen blauen Anstrich. Obwohl daraufhin die umsatzstärksten Jahre folgten, musste der Betrieb zehn Jahre später eingestellt werden. Der Wechsel zu den Selbstbedienungstankstellen stellte die Betreiber vor Probleme. Hinzu kam, dass der Besitzer in Rente ging und sein Sohn die Tankstelle nicht alleine betreiben konnte. Um nicht den Anschein einer geführten Tankstelle zu vermitteln, bekam sie einen braunen Anstrich.
Das nostalgisch anmutende Gebäude sollte im Herbst 2019 wegen der neuen Ortsgestaltung abgerissen werden. "Das ging viral", erzählte Simon Kotter, Leiter der Hausforschung im Freilichtmuseum. "Die Tankstelle wurde fotografiert und ins Netz gestellt. Und so wurde das dann über Social Media an uns herangetragen." Da der Abbruchbagger schon bereit stand, musste der Umzug der Tankstelle zügig durchgeführt werden. Der Transport sei eine Herausforderung gewesen, berichtete Kotter. Schließlich wollte man so viel Originalsubstanz wie möglich bewahren. Das Dach musste abgenommen, das Gebäude zersägt und in zwei Teilen transportiert werden. Nach dem Aufbau im Freilichtmuseum startete die Suche nach dem passenden Mobiliar. Familie Meier hat mitgeholfen, den Zustand aus dem Jahr 1965 so realistisch wie möglich abzubilden. Dazu gehören neben dem Zigarettenautomat auch die bunten Schnürstühle. Nicht umsonst sei die Tankstelle damals im Ort auch als das Schnürstüberl bekannt gewesen, erzählte Josef Meier. Nun hat sie auch wieder ihren roten Anstrich zurück. Meier, der sich die Eröffnung nicht entgehen ließ, zeigte sich begeistert: "Wenn das mein Vater sehen würde."
