Glauben und Kirche in Bad Tölz-Wolfratshausen"Der uneingeschränkte Wille zur Aufklärung"

Lesezeit: 2 Min.

Der Dekan und Wolfratshauser Stadtpfarrer Gerhard Beham hat wie viele die Pressekonferenz des Erzbistums zu den Missbrauchsfällen verfolgt. In seinen Predigten bezieht er dazu nicht Stellung - im Gespräch schon

Von Julia Graber und Claudia Koestler, Bad Tölz-Wolfratshausen

Nur wenige Vertreter der katholischen Kirche im Landkreis haben sich bisher zu den Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum München und Freising geäußert, zu dem auch weite Teile der Pfarreien und Pfarrverbände zwischen Isar und Loisach gehören. Unter der Hand sprachen manche örtlichen Pfarrer von einem "Maulkorb", die meisten verwiesen auf die Pressekonferenz des Erzbistums in München. Dort wiederum hat am Donnerstag Erzbischof Kardinal Reinhard Marx seine moralische Verantwortung für das Systemversagen bei Missbrauchsfällen erklärt. Die größte Schuld bestehe für ihn darin, Betroffene übersehen zu haben, erklärte Marx und bat Betroffene, aber auch Gläubige erneut um Entschuldigung. Im Nachgang der Pressekonferenz äußert sich nun der Wolfratshauser Stadtpfarrer und Dekan Gerhard Beham zur Situation der Kirche. Als Dekan gilt er als Ansprechpartner und Bindeglied zwischen den einzelnen Pfarrgemeinden untereinander und zugleich auch als das Bindeglied zwischen den Pfarreien und dem Bischof. In dessen Auftrag führt er beispielsweise neue Pfarrer in ihr Amt ein und kümmert sich um sie. Zudem obliegt es ihm, Strukturreformen zu begleiten. Kurzum, als Dekan ist Beham der verlängerte Arm des Bischofs.

Dass es einen Maulkorb gegeben habe, verneint er, es sei lediglich die Bitte gewesen, mit öffentlichen Äußerungen bis zur Pressekonferenz zu warten. "Mit einer gewissen Erleichterung habe ich die heutige Konferenz aufgenommen", sagt Beham daraufhin. "Ganz klar ist der Blick auf die Opfer gerichtet. Und darauf, dass die Situation ernstgenommen wird." Für ihn ist es jedoch "eine große Sünde, dass die Opfer zuvor nicht in den Fokus rückten, sondern die Täter". Das hat sich nun seiner Ansicht nach geändert: "Ich habe den Eindruck, dass dies heute aufrichtig zum Ausdruck kam, denn es besteht der uneingeschränkte Wille zur Aufklärung."

Zwar seien ihm im Dekanat keine Missbrauchsfälle bekannt. Das Thema beschäftige ihn dennoch lange, "die Fakten lagen schon 2010 auf dem Tisch." Auch aus diesem Grund lege er viel Wert auf Präventionsmaßnahmen. "Die sind in den letzten Wochen immer so untergegangen", bedauert er. Doch im Dekanat sei diesbezüglich viel geschehen: "Unsere Seelsorger müssen zweimal im Jahr eine Fortbildung machen. Zudem haben wir ein Schutzkonzept." So seien Menschen in der Jugendarbeit verpflichtet, ein Führungszeugnis vorzulegen, wenn beispielsweise ein Zeltlager geplant sei.

Beham bemerkt, dass es vielen Gläubigen wichtig sei, dass die Kirche trotz des Skandals weiterhin ihre Aufgaben erfülle. Daher habe das Thema Missbrauch in seinen Predigten keinen Platz. "Das hat aber nichts mit Verdrängung zutun, sondern erfüllt nicht die Aufgabe einer Predigt", erklärt der Dekan. Stattdessen finde das Missbrauchsthema viel Aufmerksamkeit in den kirchlichen Verbänden und Vereinen. "Hier muss nüchtern drüber geredet werden, was seit zehn Jahren alles getan wird und wie ein guter Weg in die Zukunft aussieht." Zudem versuche die katholische Kirche einen Raum der Klage zu schaffen: "Hier werden Themen wie Missbrauch vorkommen, aber auch die Corona-Situation und die gesellschaftliche Spaltung, ausgelöst durch die Demonstrationen oder Spaziergänge. Gefühle wie Traurigkeit und Ängste müssen hier Platz haben", sagt Beham.

Dass die katholische Kirche vor dem Hintergrund des Missbrauchs mit vielen Austritten von Gläubigen zu kämpfen hat, nimmt zwar auch Beham wahr. Er plädiert jedoch dafür, stattdessen die Kirche gemeinsam neu auszurichten: "Nach einer Zeit der Empörung muss man sich die Frage stellen können: Was bedeutet Kirche? Um die Antwort zu finden, ist ein gemeinsamer Weg wichtig", sagt Beham.

© SZ vom 28.01.2022 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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