Zum Interview "Wir müssen die Risikogruppen schützen" mit dem Leiter des Gesundheitsamts Stephan Gebrande vom 9./10. Juli:
Definitiv das falsche Rezept
Im Verlauf des Interviews stellt Frau Amler fest, dass der Leiter des Gesundheitsamts im Landratsamt in Bad Tölz eine "entspannende Ausstrahlung" hat. Leider muss ich feststellen, dass mich die Aussagen des Mannes, der für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung des Landkreises inmitten der Pandemie verantwortlich ist, eher nicht entspannen.
Zunächst verharmlost Herr Gebrande die Folgen des Covid-19 Virus, indem er es mit Masern und anderen Infekten gleichsetzt und ernste Folgen höchstens für die besonders zu schützenden Risikogruppen annimmt. Damit ignoriert er die ernsten und sogar tödlichen Folgen des Coronavirus, die gar nicht so selten auch bei jungen Menschen ohne Vorerkrankungen aufgetreten sind.
Ohne sich seiner Verantwortung als Leiter der zuständigen Behörde im Landratsamt bewusst zu sein, stellt er dann die Rolle der Corona-App in Frage, die nach Meinung aller Experten und seriösen Gesundheitspolitiker in Deutschland ein wichtiger Baustein für die Unterbrechung von Infektionsketten darstellt. Dass er den Sinn der App selber nicht versteht, ein altes Handy nutzt und auch seinen erwachsenen Kindern nicht zum Download rät, kann Herr Gebrande im privaten Kreis äußern. Als Leiter des Gesundheitsamtes muss er die Bevölkerung jedoch unbedingt zur Nutzung der App motivieren, um Infektionen zu minimieren, insbesondere, falls es im Herbst zur befürchteten zweiten Welle kommt.
Seine Aussage, dass alle vorliegenden Studien eine vollständige Öffnung der Schulen nahelegen, ist so schlichtweg falsch und man muss sich schon fragen, ob Herr Gebrande die Expertendiskussion zu dem Thema verfolgt hat. Es gibt Studien, zum Beispiel von Professor Christian Drosten, die darauf hinweisen, dass Kinder nicht weniger infektiös sind als Erwachsene.
Außerdem sollte Herr Gebrande zur Kenntnis nehmen, dass nach Ansicht von Gesundheitsexperten der erneute starke Corona-Ausbruch zum Beispiel in Israel auf die zu frühe vollständige Öffnung der Schulen ohne Hygienemaßnahmen zurück zu führen ist.
Insgesamt wirken die Aussagen des Leiters des Gesundheitsamtes in Bad Tölz, als wären sie bei einem entspannten Abend im Biergarten entstanden. Ich würde mir an diesem Schreibtisch aber jemanden wünschen, der seine Verantwortung wahrnimmt, wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt und alles dafür tut, dass die Bevölkerung des Landkreises so gut wie möglich geschützt wird. Eine zu lockere Einstellung ist definitiv das falsche Rezept!
J. Wolfgang Nagel, Geretsried