Süddeutsche Zeitung

Geschichte vor Ort:Das Unrecht von Schäftlarn

Vor mehr als 100 Jahren wurde der Versuch blutig niedergeschlagen, im damals frisch gegründeten Freistaat eine Räterepublik zu etablieren. Eine Gedenktafel soll nun an die neun ermordeten Spartakisten in der Isartalgemeinde erinnern. Ein erstes Schild verschwand im Dritten Reich

Von Marie Heßlinger

Neun junge Männer, die meisten von ihnen zwischen 20 und 26 Jahre alt, verlassen am 30. April 1919 Hohenschäftlarns Polizeirevier. Sie haben noch eine Viertelstunde zu leben. Sie wissen das. Ohne Verhör und ohne Verfahren sind sie am selben Morgen zum Tode verurteilt worden. Nun führen Soldaten sie etwa anderthalb Kilometer die Straße hinunter bis zur Kiesgrube - und erschießen sie. Eine Gedenktafel soll nun im Ortsteil Zell an das Unrecht erinnern.

Die jungen Männer hatten für eine Gesellschaft in Freiheit und Gleichheit gekämpft - Bayern war fünf Monate zuvor noch eine Monarchie unter Ludwig III. gewesen. Nun jedoch war der Anführer der Revolution in München, Kurt Eisner, ein Jude, von einem Rechtsradikalen erschossen worden. Eisner hatte am Tag seiner Ermordung seine Rücktrittsrede als Ministerpräsident halten wollen: Seine Partei, die USPD, hatte bei den ersten Landtagswahlen Bayerns eine Niederlage eingefahren. Es kam zu einer SPD-geführten Minderheitsregierung. Diese musste jedoch schon bald nach Bamberg fliehen, während in München die Anarchisten Erich Mühsam und Gustav Landauer die Räterepublik Bayern ausriefen und wenig später der Kommunist Eugen Leviné das Kommando übernahm. Ministerpräsident Johannes Hoffmann rief daraufhin Freikorps sowie preußische und württembergische Truppen zu Hilfe, die den Auftrag hatten, die Rotarmisten zu besiegen.

In den darauffolgenden Wirren flohen rund 20 junge Männer ins Schäftlarner Kloster. Sie waren Spartakisten, also Anhänger jener Gruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus abschaffen wollten. Es ging um nicht weniger als die Frage, was aus der abgesetzten Monarchie nun werden sollte: eine parlamentarische Demokratie? Oder eine Rätedemokratie? Die jungen Männer wollten die Räterepublik, ein System ohne Gewaltenteilung also, bei dem sich die Wähler in Gruppen organisierten und Räte entsenden sollten, die direkt an ihre Weisungen gebunden wären. Von München aus hatten sich die Spartakisten ins Umland verstreut, um von dort mit Gewalt einen Systemwandel herbeizuführen, die Regierungstruppen und Freikorps, die sogenannten weißen Truppen, auf ihren Fersen.

Die Gemeinde Schäftlarn müssen die Spartakisten mit ihrem Auftritt in Schrecken versetzt haben. Der Bürgermeister soll geflohen sein, den Mönchen indes blieb nichts andres übrig, als die Gruppe mit Bier und Brot zu besänftigen, nachdem sie das Kloster nach Waffen durchsucht - und einzig eine alte Schrotflinte unter dem Bett eines Laienbruders gefunden hatte. Als die weißen Soldaten auf der Suche nach den Spartakisten in Schäftlarn eintrafen, kam es zu einem Schusswechsel, bei dem einer der weißen Soldaten ums Leben kam: Friedrich Münchinger, ein 21 Jahre alter Unteroffizier. Noch heute wird sein Grabstein direkt am Eingang zur Klosterkirche mit Blumen geschmückt. An die ermordeten Spartakisten indes erinnert heute in Schäftlarn nichts mehr. Das ist der Grund, aus dem sich Schäftlarns Archivar Josef Darchinger 2019 an den Grünen-Gemeinderat Gerd Zattler wandte und vorschlug, zum 100. Todestag eine Gedenktafel anzubringen.

Im Zuge des Gefechts siegten die weißen Soldaten über die Rotgardisten. Sie nahmen neun der Männer fest, während den anderen die Flucht gelang, und führten sie zur Gendarmerie. Am nächsten Tag verkündeten sie bereits das Todesurteil. "Die haben sich selbst einfach zu Richtern ernannt und haben dann dieses Urteil gesprochen", sagt Schäftlarns Archivar Darchinger heute. "Die haben es verlesen und gesagt: Das wird sofort vollstreckt", so Darchinger.

Als die Soldaten das Urteil verlesen, ist von den Gefangenen ein Wimmern zu vernehmen. So ist es dem Protokoll des Gendarms zu entnehmen. Auf dem Weg zur Kiesgrube, im heutigen Falkenweg, versuchen zwei der Spartakisten zu fliehen. Vergeblich. Alle neun werden erschossen und in der Kiesgrube verscharrt. "Standrechtliche erschossen wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt" werden die Soldaten notieren. Selbst für ein Standgericht, sagt Darchinger, sei das Verfahren nicht rechtmäßig gewesen.

Unter den Toten waren zwei Schlosser, ein Kutscher, ein Bäcker, ein Tagelöhner, ein Schuhmacher und ein Expedient. Acht von ihnen kamen aus München, einer aus Straßlach. "Die Leute waren damals ja wirklich arm gleich nach dem Ersten Weltkrieg", sagt Darchinger, "und deswegen waren die zunächst einfache Leute, die nichts anderes wollten, als dass es ihnen ein bisschen besser geht." Gemeinderat Zattler sieht in ihnen junge Idealisten, und erinnert an die positiven Auswirkungen des Spartakusaufstandes in Deutschland: "Das Frauenwahlrecht, das Ende der Monarchie, der Begriff des Freistaats Bayern."

Nach einiger Zeit wurden die Toten im Zeller Friedhof beigesetzt. Eine Gedenktafel wurde aufgestellt. Bis ins Dritte Reich sollen Spartakisten aus Starnberg einmal im Jahr gekommen sein, um ihrer zu gedenken. Eine Dorfbewohnerin soll ihnen dabei geholfen haben, erzählt man sich heute im Dorf. Erschien sie im roten Kleid auf ihrem Balkon, hieß das: Gefahr im Verzug. Doch im Laufe der NS-Zeit verschwand die Gedenktafel.

Archivar Darchinger nennt zwei mögliche Erklärungen für das Verschwinden der Tafel: Entweder die Nazis verboten sie, oder die Bewohner Schäftlarns selbst wollten sich nicht neben Spartakisten auf ihrem Friedhof begraben wissen. Darchinger hält erstere Möglichkeit für wahrscheinlicher, jedoch: "Alles, was kommunistisch war, hat im Lauf eines Jahrhunderts einen immer negativeren Ruf bekommen." Das Dritte Reich, der Kalte Krieg, die Berliner Mauer.

Als Gerd Zattler vor zwei Jahren die Idee des Archivars, eine neue Gedenktafel aufzustellen, an die anderen Gemeinderäte herantrug, stieß der Vorschlag nicht nur auf Zustimmung. "Es wurde gut diskutiert", sagt Zattler. Am Ende war die Mehrheit der Gemeinderätinnen und Räte dafür. "Weil hier in der Gemeinde ein Unrecht geschehen ist. Und darauf wollten wir einfach aufmerksam machen", sagt er. "Gedenktafeln sind auch Mahnmale, dass so etwas nie wieder passieren darf."

Wegen der Umbaumaßnahmen am Zeller Friedhof verzögerte sich das Vorhaben um einige Monate. Nun jedoch soll an der Mauer zwischen Kirchenfriedhof und Gemeindefriedhof eine Tafel angebracht werden. Die neun Männer liegen vermutlich unter einem Wiesenstück linker Hand des Eingangs, der zum Angermüllerhof weist.

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Quelle:
SZ vom 03.03.2021
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