Geretsrieds erster Bürgermeister Der Vater der Flüchtlinge

Karl Lederer half mit, aus Trümmern eine Heimat zu errichten: Durch seinen ersten Bürgermeister wurde Geretsried 1950 zur Gemeinde und später zur Stadt. Der gebürtige Graslitzer trat für die Belange der Vertriebenen ein, was ihm seine Mitmenschen hoch anrechneten.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Vom Karl-Lederer-Platz bis zum Waldfriedhof an der Adalbert-Stifter-Straße sind es fast zwei Kilometer. Diese ganze Strecke entlang begleiteten die Geretsrieder ihren Bürgermeister Karl Lederer, als dieser am 8. Oktober 1968 beerdigt wurde. Der Sarg war zunächst im Rathaus, dann auf dem Platz aufgebahrt worden, und nach der Trauerfeier bewegte sich der lange schwarze Menschenzug Richtung Waldfriedhof. Der früh verstorbene Bürgermeister war äußerst beliebt. Das lässt sich nicht nur an der Trauerfeier ablesen. Auch dass der Hauptplatz der von ihm mitgegründeten Stadt bereits zu seinen Lebzeiten nach ihm benannt wurde, ist ein Zeichen der Verbundenheit der Geretsrieder mit Karl Lederer - jenem Mann, den ein Vertreter des bayerischen Ministeriums für Arbeit und soziale Fürsorge seinerzeit als "Vater der Flüchtlinge" bezeichnete. Das war er tatsächlich für viele. Einer von ihnen - ein Heimatvertriebener aus Graslitz im Egerland. Und einer für sie: ein politischer Vertreter ihrer Bedürfnisse.

Der Finanzbeamte Karl Lederer, geboren am 13. Dezember 1905 in Graslitz/Egerland, war nicht direkt aus seiner Heimat nach Geretsried gekommen. Er wurde 1946 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und fand seine ausgewiesene Familie im Barackenlager Buchberg wieder, das damals zu Gelting gehörte. Lederer, der in späteren Berichten gern als entschlossener Mann mit buschigen Augenbrauen beschrieben wird, verband offenbar zwei Eigenschaften in seinem Naturell: Dynamik und Umsicht. Seinem politischen Talent hat Geretsried seine Existenz als Stadt ebenso zu verdanken wie wichtige Impulse für sein Wachstum und seine Infrastruktur. Die spätere Bürgermeisterin Cornelia Irmer sagte einmal über Karl Lederer: "Was aus Geretsried geworden ist, schulden wir seiner Tatkraft."

Das fängt schon mit der Gründung an. Geretsried war zu Zeiten, als die Vertriebenen sich in Buchberg und Stein niederließen, lediglich eine kleine Ansiedlung um die Nikolauskapelle und den Gasthof Geiger. Für die Menschen im nördlich davon gelegenen Lager Buchberg - das zuvor ein Zwangsarbeiterlager der NS-Rüstungsbetriebe im Wolfratshauser Forst gewesen war - engagierte sich Lederer als Obmann im Gemeinderat von Gelting. Dort wurde er 1947 Zweiter Bürgermeister und Finanzreferent. Das rasche Wachstum des Barackenlagers, in dem nach den ersten 554 Menschen aus Graslitz immer weiter Heimatvertriebene ankamen, drohte die Gemeinde Gelting zu überfordern. Lederer arbeitete auf eine kommunale Neuordnung hin.

Am 1. April 1950 wurde schließlich die Gemeinde Geretsried gegründet - aus Teilen der Gemeinden Ergertshausen, Gelting, Königsdorf und Osterhofen. Und Lederer wurde ihr erster Bürgermeister, damals noch parteilos. Von 1952 bis zu seinem Tod 1968 übte er dieses Amt als Vertreter des Bunds der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) aus, zuletzt unterstützt von einem Bündnis aus BHE und einer Wählergemeinschaft.

Entscheidend für die lebhafte Entwicklung der neuen Gemeinde ist eine weitere Gründung: die der Baugenossenschaft Geretsried (BG), angestoßen wiederum von Karl Lederer. Auf seine Initiative hin befasste sich, so entnimmt man den Quellen im Geretsrieder Stadtarchiv, der Gemeinderat mit diesem Thema. Und bereits am 24. November 1950 lud der Bürgermeister Arbeiter, Vertreter der Industrie und der Kommune zur Konstituierung ein. 19 Personen zeichneten an jenem Tag für je 100 D-Mark Anteile. Auf vielen Fotos im Stadtarchiv sieht man Karl Lederer, Bürgermeister und Vorstandsvorsitzender der BG, wie er mit anderen Verantwortlichen Baustellen besichtigt oder gemeinsam mit zufrieden lächelnden Menschen vor der Tür zu einem nagelneuen Eigenheim steht. Heute lebt mehr als ein Viertel aller Geretsrieder in Wohnungen oder Häusern, die von der Baugenossenschaft errichtet wurden.

"Sehr korrekt und zuverlässig", "ein Mann der weisen Mäßigung und des Ausgleichs", einer der mithalf, "aus einer Trümmerwelt ein stolzes Werk" zu schaffen: So lesen sich die Urteile der Zeitgenossen über den ersten Geretsrieder Bürgermeister. Großer Respekt klingt allenthalben an; ein kleines Augenzwinkern ist dagegen in einer Bemerkung des damaligen SPD-Gemeinderats Alfred Hopfner über Karl Lederer herauszulesen: "Wenn er an seinen dichten Augenbrauen herumzwirbelte, war das ein Zeichen, dass er gleich pampig werden würde."

Eine große Zahl Schwarz-Weiß-Fotos ist von der Feier erhalten, die im Rathaus zu Karl Lederers 50. Geburtstag ausgerichtet wurde. Es muss, so darf man daraus schließen, eine ausgiebige und fröhliche Sause gewesen sein. Der Gemeinderat schenkte ihm ein Bild mit den Fotos all seiner Köpfe, die um den des Bürgermeisters gereiht sind - der wiederum mit Eichenlaub umkränzt ist. So sehen Sieger aus. Der Jubilar scherzte an jenem 13. Dezember 1955, es sei schon kurios, dass ein Bürgermeister an seinem 50. Geburtstag gerade zehnmal so alt wie seine Gemeinde sei.

Sohn Karl Lederer, heute 76 Jahre alt, sagt über seinen Vater, er habe so hart gearbeitet, dass die Familie nicht viel von ihm hatte. Tagsüber im Finanzamt - erst in Wolfratshausen, dann in Bad Tölz -, abends im Rathaus, denn in den ersten zehn Jahren war der Geretsrieder Bürgermeister ehrenamtlich, "und am Wochenende war unser Wohnzimmer das Bürgermeister-Sprechzimmer". Oder es waren Sitzungen, und dann sei's anschließend meist noch ins Café Dagmar  gegangen.

Eines Tages, es war der 5. Oktober 1968, kam der Sohn von München aus der Arbeit nach Geretsried und sah vor dem Rathaus eine schwarze Fahne auf halbmast. Sein Vater war mit nur 62 Jahren einem Herzinfarkt erlegen. Der Vater der Flüchtlinge war tot, und Geretsried trauerte. In der Todesanzeige der Stadt hieß es: "Er stand an der Wiege bei der Gründung der Gemeinde, deren Wohl und gesichertes Wachstum seine Lebensaufgabe wurde."