Geretsrieder Kulturherbst I:Weltpremiere der Utopie

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Bekennender Romantiker: Konstantin Wecker. (Foto: Hartmut Pöstges)

Konstantin Wecker und sein großartiges Ensemble zum vierten Mal zu Gast

Von Felicitas Amler, Geretsried

Man müsse nur anfangen damit, "jede und jeder auf ihre und seine Art". Das ist Konstantin Weckers Antwort auf die Frage, wie er so naiv sein könne zu glauben, "dass wir den Kapitalismus gewaltfrei besiegen und stattdessen ein herrschaftsfreies Miteinander gestalten können". Dieses unerschütterliche Credo, der ungebrochene Pazifismus, das Bekenntnis zum poetischen Träumen und zur politischen Fantasie zeichnen den Liedermacher noch in seinem 75. Lebensjahr aus. Kreativ und musikalisch kraftvoll wie eh und je steht er am Freitagabend auf der Bühne des Geretsrieder Kulturherbsts. Zum vierten Mal ist er bei diesem Festival zu Gast. Und kaum ein anderer Platz könnte besser zu dem radikalen Utopisten passen als dieser romantische Sternenhimmel des leuchtenden Festzelts.

Weckers "Utopia" - sein 26. Studioalbum - ist zwar schon im Sommer erschienen; in Geretsried aber hat er seinen ersten Liveauftritt damit, "eine Weltpremiere", wie Festivalleiter Günter Wagner stolz verkünden kann. Wieder dabei: die wunderbare Cellistin Fany Kammerlander, die gelegentlich auch als Solo-Sängerin ("Gracias a la vida", "Raus mit den Männern aus dem Reichstag!") nach vorne tritt, und Weckers kongenialer Pianist Jo Barnikel, der zwischendurch auch mal mit der Basstrompete überzeugt. Neu im Ensemble ist der fingerfertige Percussionist Daniel Higler.

Wie stets lassen Wecker und Co. sich nach einem prallen zweistündigen Programm voller Lust und Leidenschaft nicht lange bitten. Zwei, drei Zugaben sind da immer drin. Und als es schon auf elf Uhr nachts zugeht, laufen Wecker und Barnikel noch einmal zu Entertainer-Hochform auf. Sie improvisieren sich an den Tasten durch "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" mit Anklängen an Mozart und Tschaikowsky, "Üb immer Treu und Redlichkeit, "Kalinka", "Ein Männlein steht im Walde" ... Zwei, die im Wortsinn miteinander spielen, virtuos, witzig und zur hellen Freude des Publikums.

"Was für eine Nacht!", möchte man mit einem Wecker-Titel ausrufen und sich seinem poetischen Paradoxon anschließen: "Nennt mich gerne einen Spinner, der nicht passt in unsere Zeit, doch ihr lebt in einem Albtraum, mein Traum ist die Wirklichkeit."

© SZ vom 04.10.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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