bedeckt München
vgwortpixel

Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen:Zeitzeugnis in Gefahr

Die letzte Baracke in Geretsried, in der NS-Zwangsarbeiter und Vertriebene lebten, soll einem Neubau weichen. Der Förderverein Heimatmuseum hat bereits einen Plan, wie er das Zeitzeugnis erhalten kann - doch der liegt in weiter Ferne.

Es ist wie eine Zeitreise. An der Ecke Sudetenstraße/Seniweg hat eine Baracke der Rüstungsbetriebe aus dem Zweiten Weltkrieg die Jahrzehnte weitgehend unbeschädigt überstanden. Das gut 20 Meter lange, windschiefe Gebäude ist von Grün überwuchert. Und mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, wie dort die Zwangsarbeiter hausten und später die Vertriebenen.

Am Seniweg steht die letzte Originalbaracke.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Jetzt ist das Holzhaus als eines der letzten Zeugnisse aus den Anfangsjahren in Geretsried akut gefährdet. Das Grundstück soll bebaut werden und der Eigentümer hat beim Förderverein Heimatmuseum angefragt, ob der eine Verwendung für die Baracke hat. Doch bisher ist nicht in Sicht, wie diese erhalten werden soll.

Der Förderverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die historischen Zeugnisse der Vertriebenen zu sammeln, zu archivieren und in einem künftigen, modernen Museum der Nachwelt zu erhalten. In den vergangenen Jahren hat sich dabei der Fokus erweitert. Es geht nicht mehr alleine um die Erinnerung an das Egerland, das Sudetenland, Schlesien oder Siebenbürgen. Es soll auch nicht in Vergessenheit geraten, wie das Leben der Zwangsarbeiter in den NS-Rüstungsbetrieben aussah und unter welch widrigen Bedingungen die Vertriebenen lebten.

Werner Sebb lebte als Kind mit seiner Familie von 7. April 1946 bis 20. Juni 1950 in einer Baracke. Kaum woanders hätten Heimatvertriebene so lange in solchen Hilfsunterkünften zubringen müssen, sagt er. Er würde es schätzen, wenn die Baracke als "ein unwiederbringliches Dokument aus dieser wichtigen Zeit" erhalten bleiben könnte. Sein Wunsch wäre es, dass die Baracke in das neue Museums der Stadt integriert würde, das in dem ehemaligen Stadtwerkehaus an der Graslitzer Straße entsteht.

Sebb war am 7. April 1946 unter den ersten Vertriebenen, die Geretsried erreichten. Damals kamen per Bahn 554 Sudetendeutsche aus Graslitz an, es folgten Vertriebene aus Tachau, Karlsbad und anderen Gebieten im Osten, die in den Lagern Buchberg und Stein und im Verwaltungsgebäude des DSC-Rüstungsbetriebs (Deutsche Sprengchemie), dem heutigen Rathaus, ein Dach über dem Kopf fanden und in der Folge ein bescheidenes Leben fristeten. Wie das Lager Buchberg auf der heutigen Böhmwiese aussah, kann man sich im Heimatmuseum unterm Dach des Rathauses anschauen, das der Förderverein Heimatmuseum betreibt.

Baracken-Modelle aus Balsaholz

Franz Pikal, 78, hat in zwei Jahren nach Vorlage einer Luftaufnahme aus der Endzeit des Kriegs ein Modell gebaut. Dieses zeigt die Baracken ähnlich der am Seniweg. Es ist unter anderem die einstige Lagerkantine zu sehen, in der später Bruno Böhm ein Gasthaus eröffnete, und das erste Geschäft von Haushaltswaren Deimer.

Auf Wunsch der Stadt fertigte Pikal auch vom heutigen Rathaus ein Modell an. Pikal selbst kommt aus dem Sudetenland, kam aber erst 1975 in den Westen und nach Geretsried. Die Idee zu dem Modell sei ihm im Gespräch mit den Zeitzeugen gekommen, sagt er. Die Modelle aus Balsaholz seien bei ihm zu Hause am Tisch entstanden, und dann habe er das Ganze in der Garage auf einer Platte aufgebaut.

Ob und wie das Modell oder die erhaltene Original-Baracke in das neue Museum integriert werden können, ist eine der Fragen, die den Förderverein beschäftigen. Über der Konzeption für das Museum, das im früheren Stadtwerkegebäude an der Graslitzer Straße entstehen soll, brütet derzeit das Münchner Büro "Die Werft".

Thema "auf keinen Fall schleifen lassen"

An Ausstellungsstücken fehlt es jedenfalls nicht. 4000 Gegenstände wurden alleine aus dem Vertriebenen-Fundus der Egerländer, Donauschwaben, Siebenbürger Sachsen in den vergangenen Jahren archiviert. Vor allem würden die Mitglieder im Förderverein gerne wissen, wann das neue Museum fertig werden soll. Rudolf spricht von wachsender Ungeduld und sagt, derzeit werde hinter den Kulissen mit der Stadt um einen Termin gerungen.

Ungeachtet dessen sammelt der Museumsverein laufend Objekte aus den Anfängen Geretsrieds. Vergangenes Jahr kam er zu Bunker-Türen, einer original Straßenlaterne aus dem DSC-Rüstungsbetrieb und anderem. Derzeit beschäftigt den Zweiten Vorsitzenden des Vereins, Franz Rudolf, was mit der Baracke geschehen könnte.

Er sagt, man wolle das Thema "auf keinen Fall schleifen lassen" und räumt zugleich ein, auch keine Patentlösung zu haben. Das Projekt übersteige die Möglichkeiten des Vereins. Rudolf fordert, die Baracke zumindest zu fotografieren und ihr Aussehen gründlich zu dokumentieren.

© SZ vom 02.09.2011
Zur SZ-Startseite