Geretsried Zeitgeschichte unter Dach und Fach

Die Stadt eröffnet nach Jahren der Planung und Überarbeitung ihr neues Museum. Dokumentiert werden die NS-Rüstungsbetriebe und der Weg der Vertriebenen.

Von Thekla Krausseneck

Diese Fliegerbombe ist Teil der Ausstellung zum Kapitel der NS-Rüstungsbetriebe im neuen Geretsrieder Stadtmuseum.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die feierliche Eröffnung des Geretsrieder Stadtmuseums hat am Freitag gut 300 Menschen in den Großen Saal der Ratsstuben gezogen. Die nahezu eine Million Euro, welche die Stadt in das neue Museum investiert hat, scheinen sich gelohnt zu haben: Die Redner waren voll des Lobes, der Dritte Landrat Klaus Koch nannte das Museum einen "Meilenstein". In der aufwendig gestalteten Einrichtung sind Relikte aus der Zeit der NS-Rüstungsbetriebe und der Vertreibung ausgestellt. Musik und Kultur der Egerländer, Böhmen, Siebenbürger und Donauschwaben aus wird anschaulich vermittelt.

Mäntel aus Schaffell dienten früher dazu, in der unbeheizten Kirche nicht zu frieren.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Rudolf Maywald, Bezirksvorsitzender des Bunds der Vertriebenen in Oberbayern, lobte Bürgermeisterin Cornelia Irmer, in deren Amtszeit sich die Stadt "zu einem guten Zuhause für Vertriebene" entwickelt habe. Geretsried habe viel für die Vertriebenen getan, und diese hätten einen großen Beitrag zur Stadtentwicklung geleistet. Er äußerte auch Kritik, da die Stadt zwar Städtepartnerschaften pflege, aber keine der Ortschaften in den Herkunftsländern der Vertriebenen liege.

Ein ganzer Raum im Museum ist dem Essen gewidmet.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Hubert Lüttich, Leiter des Wolfratshauser Heimatmuseums, überreichte der Bürgermeisterin ein neues Exponat: Ein Geschenk, "das die Stadtgeschichte dokumentiert", ein Paar Arbeitsschuhe aus der ehemaligen Munitionsfabrik, gefertigt aus Leim und Leder und mit einer Holzsohle versehen, die verhindern sollte, dass Funken den Sprengstoff entzündeten. Eine Familie aus Waldram habe diese Schuhe dem Wolfratshauser Museum vermacht, erklärte Lüttich. "Und ich freue mich, dass Sie so etwas noch nicht haben."

Dritter Landrat Koch lobte die Stadt Geretsried, die sich, lange bevor das Thema in der breiten Öffentlichkeit aktuell geworden sei, schon auf dem Weg der Integration befunden habe. "Die moderne Dynamik im Kreis wäre ohne Geretsried nicht möglich", sagte Koch. Er erinnerte daran, dass auch ein "Meilenstein" wie das Stadtmuseum am Wegesrand stehe. "Da sollen weitere Meilensteine kommen."

Bürgermeisterin Irmer gab einen ausführlichen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Stadtmuseums. Die nahm ihren Anfang 1970 - in dem Jahr, in dem die 1950 gegründete Gemeinde Geretsried zur Stadt erhoben wurde. Damals eröffnete die Eghalanda Gmoi in den Nebenräumen des Feuerwehrhauses das "Archiv und Museum Bayerischer Nordgau Egerland und Westböhmen".

Neun Jahre später zog das Heimatmuseum ins Dachgeschoss des Rathauses, wo es beinahe 20 Jahre lang blieb. 1998 gründete sich der Förderverein des Geretsrieder Heimatsmuseums, im Jahr 2000 schrieb Kulturamtsleiterin Anita Zwicknagl ein neues Konzept. Zu dieser Zeit war bereits der Gedanke entstanden, das Museum an einer anderen Stelle neu entstehen zu lassen. Ins Auge gefasst wurde ein Gelände neben der Stadtbücherei. Doch obwohl sogar ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben wurde, legte die Stadt das Projekt auf Eis.

2002 standen private Bunker als Ausstellungsorte zur Diskussion. Als es auch da zu keiner Umsetzung kam, wurde es zunächst sechs Jahre lang still um das Projekt. 2008 fiel im Stadtrat der Beschluss für einen Neubau der Stätte in der Graslitzer Straße 1, auf dem Grundstück eines "Ingenieurhauses" von 1938.

Im Anschluss an die Eröffnungszeremonie fanden am Freitag die ersten Museumsführungen statt. Interessierte kommen am Samstag und Sonntag jeweils von 14 bis 16 Uhr im Rahmen eines Tags der Offenen Tür gratis in das Museum.