Süddeutsche Zeitung

Wirtschaft im Oberland:Putt putt putt, ihr Firmen

Geretsried ist die am stärksten wachsende Stadt im Landkreis. Doch das Angebot an Arbeitsplätzen steigt nicht so schnell wie die Einwohnerzahl. Im Rathaus wird deshalb an einer Strategie gearbeitet, wie man neue Unternehmen anlocken kann.

Von Florian Zick

Geretsried ist schon jetzt die größte und zudem die am stärksten wachsende Stadt im Landkreis. Prognosen zufolge könnte die Einwohnerzahl bis 2025 auf 32 000 anwachsen. Um zusätzlichen Pendelverkehr zu vermeiden, wäre es da natürlich sinnvoll, wenn im Ort auch entsprechend viele Arbeitsplätze angeboten würden. Doch genau da hinkt Geretsried anderen Städten in der Region noch hinterher. Andreas Marx vom Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München spricht deshalb von einem "Missmatch bei den Einwohnern und der Zahl der Arbeitsplätze". Mit einem Gewerbeentwicklungskonzept will sich die Stadt nun für Firmen herausputzen, die nach einem neuen Standort suchen.

Die entscheidende Kennzahl für das Verhältnis zwischen der Einwohnerzahl und dem Angebot an Arbeitsplätzen ist die sogenannte Arbeitsplatzdichte. Diese liegt in Geretsried bei 337 (Arbeitsplätze je 1000 Einwohner). In Penzberg etwa ist sie mit 693 deutlich höher, das liegt schon alleine daran, dass mit Roche dort ein Global Player angesiedelt ist. Zwar gibt es auch in Geretsried zum Beispiel mit den Chemieunternehmen Rudolf und Pulcra, dem Energiekonzern Tyczka oder dem Pizzahersteller Franco Fresco namhafte Firmen, teilweise sogar Weltmarktführer. Das Platzpotenzial in den Gewerbegebieten in Geretsried ist bislang aber noch nicht gut ausgeschöpft.

Der Planungsverband hat sich für seine Analyse alle drei Gewerbegebiete genau angeschaut. In Gelting könnten demnach 8,5 Hektar neu vergeben werden, in Geretsried-Nord 2,2 Hektar und in Geretsried-Süd sogar 8,6 Hektar. Auf einer Fläche von insgesamt fast 20 Fußballfeldern könnten also neue Betriebe angesiedelt werden - zumindest hypothetisch. Denn die Flächen stehen nur auf dem Papier zur Verfügung. Tatsächlich gehören sie zum Gelände verschiedener Firmen. Der Planungsverband hat nur summiert, wie viele Flächen da wären, wenn die bereits angesiedelten Unternehmen etwas besser zusammenrücken würden, etwa durch einen Neubau der Produktionshallen. Es sei aber sehr schwierig, sagt der städtische Wirtschaftsreferent Volker Reeh (Geretsrieder Liste), "lang angesiedelte Firmen dazu zu bringen, ihre Flächen besser zu nutzen".

Bedarf an zusätzlichen Gewerbeflächen wäre aber da. Eine Umfrage des Planungsverbands bei den Betrieben in Geretsried hat ergeben, dass selbst die etablierten Unternehmen in der Stadt für die nächsten Jahre schon mit einem Erweiterungsbedarf von etwa 13,5 Hektar rechnen - von Neuansiedlungen ist da noch gar nicht die Rede.

Die alteingesessenen Firmen klagen zwar über die schlechte Schienenanbindung von Geretsried, die relativ große Entfernung zum nächsten Flughafen und ganz allgemein den Fachkräftemangel. Sie schätzen aber die gute Straßenanbindung, die unkomplizierte Parkplatzsituation und die Nähe zu ihren Kunden. Um tatsächlich neue Betriebe gewinnen zu können, braucht es allerdings noch ein bisschen mehr, so will es der Planungsverband aus Gesprächen mit verschiedenen Wirtschaftsexperten herausgehört haben. Demnach brauchen vor allem Start-ups aus der IT-Branche ein attraktives Umfeld. Man müsse nur an die Firmenzentralen von Google oder Microsoft denken, sagt Andreas Marx vom Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München. Geretsried hat zwar eine Tradition als Industriestandort, "aber graue Industriehallen reichen da eben nicht", so Marx. Zudem hätten die Experten bemängelt, dass in Geretsried das Freizeitangebot noch deutlich ausbaufähig sei und es auch an Hochtechnologiefirmen und Forschungseinrichtungen zum Vernetzen fehle.

Der Planungsverband wird aufbauend auf dieser Analyse nun mögliche Ziele für die Wirtschaftsförderung erarbeiten und diese dem Geretsrieder Stadtrat zur Entscheidung vorlegen. Dann wird es sicher auch wieder darum gehen, wo man neue Firmen unterbringen möchte. Denn tatsächlich ungenutzte Flächen stehen im Stadtgebiet aktuell nicht zur Verfügung. Deswegen soll das Gebiet um den künftigen S-Bahnhalt in Gelting so entwickelt werden, dass sich dort auch Gewerbe niederlassen kann. Am besten sollte man dort auch hochwertige Hotellerie und interessante Freizeiteinrichtungen ansiedeln, sagt Wirtschaftsreferent Reeh. Das würde dann gleich auch wieder die Attraktivität der Stadt steigern.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5367529
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 30.07.2021/kml
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.