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Geretsried:Wie aus einer Notunterkunft Heimat entsteht

Architektur-Studenten erarbeiten am Beispiel der Filigranhalle Ideen zur Unterbringung von Flüchtlingen

Städtebaulich "ein Graus", aber in der Integrationsleistung ein Vorbild: So sieht der Berliner Architekt Jens Ludloff die Stadt Geretsried. Ludloff ist Professor an der Universität Stuttgart und hat sich vergangene Woche zusammen mit einem Dutzend Studenten ein Bild von Geretsried gemacht. Von jenem Geretsried, das Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben. Und von der Stadt, in der "die Willkommenskultur lebt", wie Ludloff es formuliert. Denn um Willkommenskultur im weitesten Sinn geht es in seinem Projekt "Making Heimat": Die Studierenden erarbeiten ein Gebäude, das Flüchtlingen alles Nötige bietet und ermöglicht, damit sie eine echte Bleibeperspektive in Deutschland haben: Sprache, Arbeit und Bildung, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Integration, Unterkunft und Netzwerke sind nur einige der Begriffe, die dabei ins Auge gefasst werden.

Die richtige Atmosphäre für Architektur-Studenten: Maja Engelbrechts Atelierhaus an der Geretsrieder Blumenstraße.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dass die Studierenden ausgerechnet in Geretsried zu einem Workshop zusammenkamen, geht auf einen Zufall zurück, hat aber gute Gründe: Ludloff ist befreundet mit dem Architekten Philip Engelbrecht, dessen Großvater Stefan Keller Existenzgründer in Geretsried war: Der studierte Maschinenbauer Keller, Vertriebener aus Rumänien, hat 1949 in leer stehenden Gebäuden des NS-Rüstungsbetriebs Dynamit-Aktien-Gesellschaft (DAG) in Gartenberg die Filigranbau KG geschaffen. Ein äußerst innovatives Stahlbau-Unternehmen, das die landauf, landab gebräuchliche Gitterträgerdecke und den X-Träger entwickelt hat. Nach einem Vierteljahrhundert schloss Filigran in Geretsried und konzentriert sich nun auf das Geschäft im Osten.

Hier arbeitete die Stuttgarter Gruppe an einem Gedankenkonstrukt - einem Haus, das Flüchtlingen das Bleiben ermöglicht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Anfang dieses Jahres stellte die Besitzerfamilie Engelbrecht dem Tölzer Landratsamt eine leer stehende Produktionshalle an der Geretsrieder Blumenstraße zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung. Etwa 70 Asylsuchende leben dort. Und das ist der Anknüpfungspunkt für "Making Heimat".

Die Studierenden haben eine Woche lang in einem Nachbarhaus der Filigranhalle gelebt und gearbeitet - einem architektonisch sehenswerten Haus. Maja Engelbrecht, Tochter des Filigran-Gründers und früher Geschäftsführerin des Unternehmens, hat es sich vor langer Zeit von dem Berliner Architekten Andreas Reidemeister als Bildhauer-Atelier entwerfen lassen. Ein auf dem X-Träger basierendes modernes, funktionales und in seiner ungewöhnlichen Formensprache am Rande eines Gewerbegebiets fast verschenktes Gebäude. Von hier aus haben die Studenten Kontakt zu den Flüchtlingen in der Halle geknüpft, haben gemeinsam mit einigen von ihnen gekocht, gegessen, geratscht und Karten gespielt. Eine wichtige Erfahrung für die Seminararbeit, wie Ludloffs akademischer Mitarbeiter am Institut für Baukonstruktion, Wulf Kramer, sagt. Die Gruppe aus Stuttgart hat außerdem das Geretsrieder Stadtmuseum besichtigt, von dem sie sich sehr beeindruckt zeigte, und sich von Kreissozialamtsleiter Thomas Bigl die Situation der Flüchtlinge im Landkreis erklären lassen. Mit Bigl war sich der Professor in einem Punkt absolut einig: "Deutschland hat kein schlüssiges Konzept zur Integration." Ludloff sagte, die Politik müsse klarstellen, dass Flüchtlinge bleiben können; Bigl sagt, damit rechne er vor der nächsten Bundestagswahl keinesfalls.

Am Ende ihrer Geretsrieder Arbeitswoche präsentierten die Studierenden erste Gedankengebäude als Vorentwürfe zu dem Haus, das sie bis zum Ende des Semesters entwickeln. Die Modelle waren in Maja Engelbrechts Atelier zu besichtigen - das "Making Heimat"-Gebäude hingegen wird nur planerisch am Standort Blumenstraße entstehen.