Mediation an der Grundschule Warum Susi zuschlägt

Rektorin Brigitte Leick (l.) ist froh über die Unterstützung durch das Mediatorinnen-Team (v.l): Tanja Schwarz, Franziska Haas, Juliane Wünschmann.

(Foto: Hartmut Pöstges)

An der Karl-Lederer-Grundschule arbeiten Ehrenamtliche mit Eltern, Lehrern und Kindern. Sie lassen allen Beteiligten den Raum, ihre Motive zu erklären. So finden die Konfliktparteien selbst die Lösung.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Susi schlägt zu. Immer wenn ein Mitschüler sie dumm anredet, wird sie sofort handgreiflich. Das fällt an ihrer Grundschule schon eine Weile auf. Das Problem eskaliert, immer mehr Kinder sind davon betroffen. Lehrer und Leitung schalten die professionelle Mediatorin ein. Die tut, was ihr Job ist: Sie hört alle Beteiligten an, bewertet nichts, lässt jeden zu Wort kommen. Eine große Runde sitzt da beisammen. Einige sprechen von den Sorgen um ihre Kinder. Auch Susis Vater ist dabei. Und erklärt, er sage seiner Tochter jeden Morgen: "Wenn dir einer blöd kommt, hau ihm eine rein!"

Diese Situation hat sich an irgendeiner Grundschule im Großraum München abgespielt. Aber das Problem ist auch Brigitte Leick und Heidi Dodenhöft bekannt. Die Rektorin der Geretsrieder Karl-Lederer-Grundschule und ihre Stellvertreterin sagen, es komme öfter vor, dass Eltern ihren Kindern diesen Rat geben: Wehr dich! Juliane Wünschmann, stellvertretende Leiterin der Mediationszentrale München (MZM), hat dieses Beispiel aus ihrer Praxis erzählt, um zu zeigen, wie Mediation funktioniert. Und so funktioniert sie bereits im dritten Jahr auch an der Karl-Lederer-Grundschule. Die Lösung eines Konflikts wird dabei mit viel Geduld und Zeit in mehreren Gesprächen erarbeitet - von den Konfliktparteien selbst. Die Mediatorin gibt nichts vor. Sie ermöglicht etwas. Wünschmann zitiert den amerikanischen Psychologen und Begründer des Konzepts Gewaltfreie Kommunikation, Marshall B. Rosenberg: "Ist der Kontakt erst hergestellt, findet uns die Lösung."

Die Lösung basiert in jedem Fall darauf, allen Beteiligten Raum und genügend Zeit zu geben, um sich zu erklären, ihre Motive, ihre Gefühle zu äußern. So auch dem Vater, der seiner Tochter zum Zuschlagen geraten hat. Gewalt wird natürlich an einer Schule nicht toleriert, das muss er akzeptieren. Aber dass er aus Sorge, aus Angst um sein Kind gehandelt hat, das müssen alle anderen zur Kenntnis nehmen. Und wie soll sich nun ein Kind wehren, wenn ihm "einer blöd kommt"? Brigitte Leick sagt, manchmal genüge es schon, dreimal tief durchzuatmen - um nicht spontan das Falsche zu machen. Und Juliane Wünschmann erklärt, manche Kinder müssten lernen zu sagen: Das möchte ich nicht. Das tut mir weh.

Zwei Mediatorinnen der MZM, Tanja Schwarz und Franziska Haas, sind seit dem Schuljahr 2014/15 an der Karl-Lederer-Grundschule im Einsatz. Sie vermitteln vor allem zwischen Schülern und Schülern; Lehrer und Eltern können gegebenenfalls hinzugezogen werden. Sie haben gute Erfahrungen und Erfolge. Schon zum zweiten Gespräch kämen die Schüler oft mit Freude - weil sie spürten, dass sie ernst genommen und nicht schuldig erklärt werden. Am Ende steht immer ein Einigungsvertrag, den die Konfliktparteien selbst verfassen. Darin könnte bei zwei schlägernden Kindern etwa stehen: Wir halten auf dem Pausenhof Abstand zueinander. Oder: Wir gehen mal zusammen Fußballspielen.

Die Rektorin ist hoch zufrieden mit der Unterstützung. Anfangs konnte sie es kaum glauben, sagt Leick: Die Mediatorinnen arbeiten bisher ehrenamtlich. Das gemeinnützige MZM finanziert sich über Beiträge der Mitglieder, unter denen etwa die IHK-Akademie und der Münchner Anwalt-Verein sind. Jetzt haben die Mediatorinnen angeboten, an der Johann-Sebastian-Bach-Straße in Geretsried ein Haus weiterzugehen und die Karl-Lederer-Mittelschule mit einzubeziehen. Sie wollen die Kinder, von denen viele hinüberwechseln, weiter betreuen. Allerdings sollen sie dies nicht weiter ohne die geringste Entschädigung oder auch nur ein Fahrtgeld leisten. Die MZM bittet die Stadt Geretsried, es dem Beispiel der Gemeinde Gröbenzell nachzutun. Die zahle für vier Mediatoren an zwei Schulen jeweils 4000 Euro pro Schuljahr.

Ein Gespräch mit Bürgermeister Michael Müller und Fachmitarbeitern im Rathaus hatten sie schon. "Sehr wohlwollend und entgegenkommend" sei die Atmosphäre gewesen, berichtet Haas. Wünschmann spricht von einer fairen Aufwandsentschädigung, um die es gehe: "Das wäre eine wirklich konkrete Hilfe, die dazu führt, das uns nicht die Puste ausgeht." In der freien Wirtschaft verlange ein Familienmediator 120 bis 150 Euro pro Stunde, sagt sie auf Nachfrage. Ihr Ziel und das des Vereins sei es, Mediation in Schulen als Teil der Bildung zu verankern.

Die Karl-Lederer-Grundschule hat aktuell 396 Schüler, darunter 60 Prozent mit Migrationshintergrund und 8,5 Prozent Inklusionskinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Rektorin Brigitte Leick spricht von vielen Alleinerziehenden unter den Eltern und einer zunehmenden Vernachlässigung einerseits und Überbehütung andererseits.