Dumpfe Schläge hallen von den Wänden der fahl beleuchteten Sporthalle wider, als die Boxer gegeneinander antreten. Draußen regnet es in Strömen, doch in der Halle der Adalbert-Stifter-Realschule in Geretsried kommen die Sportler ins Schwitzen - und Blut gibt es einmal auch kurz zu sehen. Angetreten sind am Samstag 38 Boxer vom Papiergewicht (bis 38 Kilogramm) bis Superschwer (über 91 Kilo). Es ist das fünfte Integrations-Boxturnier des Geretsrieder Vereins Edelweiß.
Anders als für 15 andere Kämpfer hat sich für den 23-jährigen Slobodan Maksimovic vom Gastgeber Edelweiß beim Wiegen und der ringärztlichen Untersuchung ein passender Gegner gefunden. Slobodan wird gegen den 19-jährigen Sergej Daiker vom BC Feuchtwangen boxen. Als die Namen der beiden aufgerufen werden, dröhnt Hip Hop aus den Lautsprechern. Slobodan hat sich in einem kleinen Nebenraum aufgewärmt, es ist erst sein fünfter Kampf. Mit seinen 64 Kilogramm zählt er zur Halbwelter-Gewichtsklasse und boxt dreimal drei Minuten. Aufgeregt sei er kaum, sagt er und geht mit großen Schritten Richtung Ring, mit Waleri Weinerts Hand auf seiner Schulter. Der Trainer bereitet Slobodan auf den Kampf vor und klopft ihm noch einmal auf die Schulter, als Ringsprecher Sigi Willberger "Ring frei!" ruft. Ein Gong, Runde eins.
Die Boxer scheinen erst abzutasten, dann greifen sie an. Ein deutliches Zischen begleitet die kraftvollen Schläge, die Gegner schwitzen und atmen schwer. Slobodan kämpft eher defensiv, er wartet ab und sucht eine Lücke in der Deckung seines Gegenübers. Weinert gibt Anweisungen wie "Linke hoch! Ja, Jaaa! Komm, los! Jawoll, gut, Hände runter" und kaut nervös auf seinem Kaugummi. Das Publikum, inzwischen sind es doch an die 150Zuschauer geworden, begleitet harte Treffer auf den Helm mit einem lautstarken "Ja", es schreit, klatscht und stampft mit den Füßen. Slobodan hat eine kleine Fangemeinde dabei, "Slobo, Slobo!", rufen sie, doch die Sportler im Ring konzentrieren sich auf den Kampf. Slobodan muss einige Schläge ins Gesicht verschmerzen. Ringarzt Ernst Frohnheiser fokussiert die Boxer mit einem strengen Blick über seine Brille. "Boxen ist kein Kindergeburtstag", sagt der 56-Jährige aus Peißenberg, der auch oft als Notarzt im Einsatz ist. In der Vergangenheit habe es auch schon einen Fall mit Gehirnblutung gegeben, der damals 20-Jährige sei jetzt behindert. Beim Integrationsturnier bleibt es bei einer blutenden Nase.
In den zwei kurzen Pausen während des Kampfes geben die Trainer ihren Schützlingen Wasser, kühlen sie mit einem nassen Tuch, lockern die Muskeln und geben taktische Tipps. Im Laufe der Zeit kommen die Boxer außer Atem, Slobodan so sehr, dass er eine Niederlage einstecken muss. Er und Sergej Daiker umarmen sich nach der Bekanntgabe des Gewinners und kassieren tobenden Applaus und Pokale - einen goldenen für Daiker und einen silbernen für Slobodan. Der wirkt trotz der Niederlage nicht geknickt. "Es war ein super Kampf, ein sehr sauberer Kampf, mein Gegner hat top geboxt. Es lag an meiner Ausdauer in der dritten Runde, dass ich verloren habe", sagt er. Waleri Weinert ist stolz auf seinen Boxer, die Niederlage erklärt er damit, dass Slobodan seine Kraft nicht richtig verteilt habe: "In der ersten Runde hat er so viel Gas gegeben, dass ihm die Puste in der letzten Runde ausgegangen ist." Für den jungen Sportler, der eigentlich Fliesenleger ist und seit drei Jahren boxt, waren diesmal keine wirklich schmerzhaften Schläge dabei, vor zwei Jahren bei der Oberbayerischen Meisterschaft, bei der er Zweiter wurde, sei das anders gewesen.
Das Publikum verfolgt die Kämpfe aufmerksam, die Spannung ist vielen ins Gesicht geschrieben. "Ich finde es phantastisch, dass diese Veranstaltung in Geretsried stattfinden kann", sagt der 57-jährige Rainer Rau. "Sonst sieht man so etwas nur im Fernsehen. Hier kann man professionell ausgebildete Boxer live erleben. Außerdem ist es eine tolle Möglichkeit, die Jugendlichen weg von der Straße zu bringen. Boxen diszipliniert, man muss sich konzentrieren, Zigaretten und Alkohol sind hinderlich. So werden die Sportler in das Leben integriert."
Genau das ist der Plan bei Edelweiß: "Integration durch Sport" und "Gemeinsam gegen Gewalt" waren die Devisen der Veranstaltung, und Edelweiß-Gründer Weinert freut es, dass im Verein Deutsche und Kämpfer mit andern Pässen und Herkunftsländern gemeinsam boxen. Insgesamt seien 18 Nationen vertreten, etwa die Hälfte der Boxer habe einen Migrationshintergrund, sagt Weinert, der seinen Verein als "Sportjugendtreff" ansieht. Boxen sei nur eine Sportart unter vielen, die Gemeinschaft stehe im Mittelpunkt. Neben Ausdauer und Leistung gehe es darum, Regeln zu befolgen und richtig zu reagieren.
"Eine super Veranstaltung war das", sagt Weinert trotz einiger kurzfristiger Absagen am Abend und ist sichtlich stolz auf seine Jungs. Der Wanderpokal geht auch in diesem Jahr wieder an den TSV 1860 München.