Das Wort Alltagsrassismus kann Lana El Rifai gewiss fehlerfrei buchstabieren. „Die Leute sprechen es nicht aus, aber man merkt, dass sie anders mit einem umgehen“, sagt sie. Bei Vorstellungsgesprächen etwa. „Dann reden sie am Anfang mit mir, als würde ich kein Deutsch verstehen. Sie erwarten nicht, dass ich diese Artikulation habe oder über diese Sprachkenntnisse verfüge.“ Lana geht in die 10aM der Geretsrieder Mittelschule. Die hat in Berlin gerade eine Auszeichnung beim Schülerzeitungswettbewerb der Länder entgegengenommen: den Preis für diskriminierungssensible Berichterstattung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft.
„Rassismus ist tief in unserer Vergangenheit verankert“, sagt Lanas Klassenkamerad Benedikt Lempart. „Kinder übernehmen das, was ihre Eltern ihnen vorleben.“ Die Wurzeln lägen Jahrhunderte zurück im Kolonialismus und in der Sklaverei. „Aber es hat sich in den vergangenen Jahren auch einiges verbessert.“ All das haben sich die Jugendlichen mit ihrer Lehrerin Kinga Gürlebeck genauer angeschaut. Sie haben recherchiert, diskutiert, ihre Gedanken in Worte gefasst.

Das Ergebnis ist 60 Seiten stark und hat ein grünes Titelblatt, auf dem eine ausgestreckte rote Hand mit den Worten „Stoppt Rassismus“ prangt. Die „MS Voice“ beleuchtet große Themen wie Hate Speech, Rechtsextremismus und „Black Lives Matter“.
Dass kulturelle Missverständnisse aber oft schon bei Kleinigkeiten beginnen, erfährt man in einer unterhaltsamen Fotostrecke, die Jugendliche für den SZ-Fotografen noch einmal nachstellen. Eine Handbewegung, ein gekrümmter Finger – das kann Sprengstoff bergen.




Die Ausgabe der „MS Voice“ hat auch die Jury beim bundesweiten Schülerzeitungswettbewerb überzeugt. Die Preisträger zeigten, „wie aufmerksam junge Redaktionen ihr Umfeld beobachten, wie selbstverständlich sie gesellschaftliche Debatten aufgreifen und wie einfallsreich sie nach journalistischen Zugängen suchen, die ihren Themen gerecht werden“, heißt es in einer Presseerklärung.
Treibende Kraft in Geretsried ist die Lehrerin Kinga Gürlebeck, die weiß, welches Potenzial in einem guten Deutschunterricht steckt. Und in ihren Jugendlichen. Sie hat nicht nur eine Schreibwerkstatt mit dem Schriftsteller Nevfel Cumart organisiert. Auch bei den Arbeitsaufträgen verwies sie nicht aufs Schulbuch, sondern knüpfte an den Alltag der jungen Menschen an. „Vieles, was wir für die Zeitung gemacht haben, ist auch prüfungsrelevant“, sagt sie. Der Unterschied: „Es hat auch Spaß gemacht.“

Ein Arbeitsauftrag lautete: Sucht in den sozialen Netzwerken gezielt nach rechtsextremen Inhalten und macht Screenshots davon. Auch David Zulicek hat das getan. „Wenn man ein bisschen auf Tiktok scrollt, dann findet man schnell entsprechende Nutzer“, sagt er. „Sie verwenden Fotos aus der NS-Zeit oder Hakenkreuze als Profilbilder oder verstecken entsprechende Botschaften in ihrer Biografie. Auch in vielen Kommentaren finden sich rassistische Beleidigungen, das ist wirklich sehr schlimm.“
„Lass das! Keiner mag beleidigt werden“
Abdrucken habe man diese Screenshots nicht können, sagt Gürlebeck. „Das war schockierend.“ In der „MS Voice“ erfährt man dafür, dass sich rechtsextreme Inhalte auch in Hashtags, Videos und Musiktiteln verbergen können, ebenso in Emojis und scheinbar harmlosen Beiträgen.
Was also bleibt von dem Projekt? „Ich reagiere auf jeden Fall anders, wenn jemand etwas Rassistisches sagt“, erklärt Benedikt. „Dann sage ich: Lass das! Du weißt nicht, wie man sich fühlt, wenn man so etwas gesagt bekommt, nur weil man eine andere ethnische Herkunft hat. Keiner mag beleidigt werden.“ David wird das Zitat „Am Ende des Tages bluten wir alle rot“ in Erinnerung bleiben. „Da steckt alles drin. Wir sind alle Menschen.“ Paul hat bei der Recherche ein Vorbild gefunden: „Sophie Scholl, weil sie sich trotz des großen Risikos entschieden hat, ihre Meinung zu sagen.“ „Genau“, sagt Kinga Gürlebeck, „man darf nicht nur zusehen, man muss auch etwas tun.“

