Neun weiße Rosen und ein Marienbildchen sind vor der versiegelten Wohnungstür in dem Mehrfamilienhaus in Geretsried abgelegt worden. „Liebe und beste Freundin“, steht auf einer Karte, „du warst der beste Mensch auf der Welt, ich vermisse dich.“ Gemeint ist die 73-jährige Rentnerin, die vor wenigen Tagen in ihrer Wohnung am Königsberger Weg getötet wurde – wie dort auch ihr 53-jähriger Sohn. Als dringend tatverdächtig wurde am Mittwoch der 19-jährige Enkel der Frau verhaftet, die nach einer Fußamputation seit Jahren auf die Hilfe ihres Sohnes angewiesen war. Dieser hatte zuletzt bei ihr gewohnt.
Ein älteres Ehepaar in dem Mehrfamilienhaus ist fassungslos. Beide kannten ihre Nachbarin seit langer Zeit. „Wir haben öfter geratscht, aber nicht bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmen könnte.“ Den Enkel hätten sie nie gesehen. Die Eheleute haben nichts von der Tat bemerkt. Doch es sei am Dienstagmorgen ungewöhnlich gewesen, dass die sonst immer verschlossene Eingangstür des Hauses einen Spalt offen gestanden habe, sagen sie. Als man nachmittags vom Staffelsee heimgekehrt sei, „war alles von der Polizei abgeriegelt“. Den Schock muss das Paar erst noch verdauen und ist froh, jetzt in den Urlaub fahren zu können, um Ruhe zu finden.
Erschüttert ist auch Bernhard Hinkelmann, der in der Siedlung der Opfer wohnt. Seine Schwägerin habe vom Verbrechen erfahren, und dass es sich dabei um eine ältere Mutter und ihren Sohn handeln würde. „Da dachte ich mir schon, wer es sein könnte“, sagt der 74-Jährige, der gerade mit seinem Rollator unterwegs ist. Auf eine Gehhilfe war die 73-jährige Rentnerin schon seit Jahren angewiesen und saß auch im Rollstuhl, den der Sohn schob. „Die Frau war früher Verkäuferin in einem Geretsrieder Baumarkt gewesen, ich fand sie sehr nett“, erzählt Hinkelmann. Aber von einem Enkel habe er nichts gewusst.

Unterdessen treffen am Donnerstagvormittag wieder Rechtsmediziner und Kripobeamte am Tatort ein, um weitere Spuren zu sichern. Die Ermittler gehen deswegen auch zu einem Parkdeck hinüber, auf dessen Rampen noch Blutspuren zu sehen sind. Mutmaßlich stammen sie von dem Enkel, der vom Parkdeck gesprungen und sich verletzt haben soll. „Ich habe am späten Montagabend von dort Schmerzensschreie gehört und sah eine Person, die zu einem Krankenwagen getragen wurde“, berichtet die Anwohnerin. Zuerst habe sie gedacht, dass dort etwas mit Jugendlichen passiert sei, die sich häufig abends am Parkdeck treffen würden. Dieses Geschehen wollte auf Anfrage ein Polizeisprecher weder bestätigen noch dementieren.

Das Gewaltverbrechen verstört auch andere Geretsrieder, die an dem Wohnblock vorbeigehen und verstohlen hinüberschauen. „Ich hoffe aber, dass nun wieder Ruhe einkehrt“, sagt eine Frau, die ihren Hund Gassi führt. Auch eine Kellnerin macht sich wegen des Gewaltverbrechens in Geretsried ihre Gedanken. „Schrecklich, was in einer Familie offenbar eskaliert ist“, sagt die Frau. Aber man kenne ja nicht die Vorgeschichte dazu. Die Mitarbeiterin glaubt, dass die Bluttat noch länger am Stammtisch ein Thema sein wird.
Das Tatmotiv ist noch unklar. Die Ermittlungen dazu würden länger andauern, teilt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern mit. Zudem gebe es eine umfangreiche Spurenlage, die auswertet werden müsse. Die Getöteten wiesen „eindeutige Anzeichen von massiven Gewalteinwirkungen auf“; nähere Angaben werden dazu aber nicht gemacht. Ermittelt wird gegen den 19-jährigen Enkel, der noch in einer Klinik behandelt wird, weiterhin wegen Totschlags, teilt der Polizeisprecher mit.

