„Kennst Du die Isarhexe wohl? Aus einer grausamen Zeit ist sie ein Symbol für die schrecklichen und verderbten Sachen, die Menschen aus Neid und Missgunst machen“: Diese unheilschwangeren Worte singt der Julius im Musical „Der Zauber der Isarhexe“, das vom 2. bis 4. Mai insgesamt viermal aufgeführt wurde. Am Samstagnachmittag schlüpfte Eliseo Pires in diese Rolle, die Folk-Klänge dazu hat Tobias Weber komponiert, der an der Geretsrieder Musikschule seit einem Vierteljahrhundert Gitarre unterrichtet. Das gesamte Musical ist ein Gemeinschaftswerk zum 75. Geburtstag der Stadt Geretsried, die Stücke stammen nicht nur von Weber, sondern auch von seinen Kollegen Peter Wegele und Tatjana Zivanovic-Wegele. Manchmal sind die Kompositionen wegen des Halls in der Aula des Gymnasiums etwa schwer zu vernehmen, zumindest in den Rängen der Galerie.
Doch um akustische Spitzfindigkeiten geht es diesmal nicht. Das Großprojekt vereint etwa 100 Mitwirkende im Alter von acht bis 60 Jahren, Sängerinnen und Sänger, Orchester, Kinderchor. Das Musical dreht sich - in der Handlung wie realiter - um eine Stadt, die ihr Jubiläum feiert. Und dazu wird ein Floßrennen auf der Isar ausgerichtet. Die drei Freunde Tina, Toni und Julius nehmen daran teil, was für sie zunächst einmal alles andere als gut läuft. Ein Gewitter zieht auf, die drei werden vom Blitz getroffen und ertrinken. Aber alle drei landen im Reich der Isarhexe im grünen Glitzerkleid, dargestellt von Mia Deschinger. „Wieso muss ich mich auch ausgerechnet in den Typen verknallen“, klagt Toni noch. Sie ist unglücklich verliebt und schmachtet, weil ihre Schwester Tina mit dem angebeteten Jüngling tanzt.

Allerlei magische Wesen bevölkern das an Otfried Preußlers kleinen Wassermann erinnernde Unterwasserreich, darunter die eifrigen Nöcks und neckische Kobolde: „Wir sind immer bereit zu tanzen und zu scherzen.“ Lautstark in Erinnerung rufen sich immer wieder die bunten Wassergeister. „Wir sind die Isarpolizei“, singen sie stimmgewaltig und bringen dadurch die Isarwellen mächtig zum Schlagen. Die Truppe erhält gefühlt den impulsivsten Szenenapplaus.
„Wir bedanken uns natürlich für die Rettung“, sagt Julius artig bei der Ankunft im Reich der Isarhexe. Doch trotz Unterwassermagie wollen Tina, Toni und Julius sofort zurück in die Menschenwelt, was ihnen die Isarhexe übel nimmt. Sie behält sie in ihrem Reich, so leicht macht sie es ihnen nicht. „Jetzt wollen wir tanzen!“, ruft sie stattdessen, und der Saal tobt. Für die unterschiedlichen Choreographien zeichnet die Dance Factory verantwortlich, das Tanzstudio aus Wolfratshausen.

Peter Wegele und sein Orchester schaffen es im Laufe des knapp zweistündigen Musicals, jeder Stimmung die passenden Töne zu verleihen. Ein bisschen West Side Story, dazwischen fließt die Isar mal so locker dahin wie die Moldau bei Smetana - dazu plätschert ein Bach auf der Leinwand -, dann wieder ein bisschen Egerländer Polka. Kaum ein Genre, das nicht einbezogen wird, kaum ein spezifisch geretsriederisches Sujet, das nicht berührt wird. Sogar Bürgermeister Michael Müller gibt sich ein Stelldichein. Er spielt sich selbst und verleiht einen Trachten-Ehrenpreis an Julius, der Laudatio ist eine gewisse Routine anzumerken.
Vor der Rückkehr in die Menschenwelt müssen die drei Hauptfiguren drei Aufgaben lösen
Um aus der Unterwasserwelt wieder entlassen zu werden, müssen die drei Hauptprotagonisten drei Aufgaben lösen, die ihnen von einem italienisch sprechenden Waldkauz (Zoe Ernst), einer trippelnden Rohrdommel (dito) und einer befrackten Grille (Joy Rettstadt) gestellt werden - die Wassergeister stehen zur Unterstützung bereit. Schließlich werden sie - von Eifersucht und Ranküne geläutert - in die Menschenwelt entlassen. „Menschen sind immer wieder sonderbar, aber die drei habe ich in mein Herz geschlossen“, sagt die Isarhexe noch - was für eine schöne Allegorie auf die aktuelle Weltlage.
Am Ende, beim „Stocktanz“, herrscht dann wieder Friede und Freude in der Stadt an der Isar - und auch die Freunde finden wieder zusammen. Mehrmals brandet der Applaus auf, zum Beispiel für Björn Kellerstrass, der sich am Schlagzeug in Höchstform zeigt. Die Spielfreude ist nicht nur den zahlreichen jungen Darstellern anzumerken, man spürt sie auch auf Seiten der Musiker. Sabrina Schwenger, Melanie Maennl und Peter Wegele betonen zwar im Programmheft, wie viel Unterstützung auch hinter den Kulissen für diese Musical-Aufführung notwendig ist - doch sie dürfen sich auch selbst auf die Schulter klopfen. Handlung und Besetzung rücken Geretsried und seine Bewohner in dieser Aufführung in ein überaus warmes Licht. Und am Ende stellte sich nur die Frage, welche guten Geister wohl noch in der Isar und ihren Auen hausen mögen.

